Geiz schlägt Vernunft beim Onlineshopping 

Kundinnen und Kunden verhalten sich mitunter sehr merkwürdig, der Gesetzgeber erschwert Deutschlands Recyclingbranche das Geschäft und der Volvo-Chef glaubt ohne jeden Zweifel an E-Mobilität.
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Vera Hermes schreibt an dieser Stelle über Green Marketing. Sie ist überzeugt, dass Digitalisierung, Nachhaltigkeit und Haltung die drei großen Treiber der Branche sind. (© privat; Montage: Katharina Höhner)

Konsumenten entscheiden nicht rational. So weit, so bekannt. Dass Menschen aber offenbar gegen ihr Gefühl einkaufen, erstaunt dann doch. Dies zumindest legt eine aktuelle Studie vom ECC CLUB nahe, laut der etliche Menschen zwar bei asiatischen Plattformen wie Temu, Shein und AliExpress bestellen, sie zugleich aber ein ungutes Gefühl in puncto Produktqualität und  -sicherheit beschleicht. Geiz schlägt Vernunft, könnte man sagen. ECC-Manager Ralf Deckers formuliert es viel netter: „Rational wichtige Aspekte wie beispielsweise Produktqualität können zugunsten anderer Kriterien in den Hintergrund treten.“  

Das ist für alle Verfechter von guten Dingen eine schlechte Nachricht. Hierzu passt, was Gabriel Yoran im absatzwirtschaft-Interview über die Verkrempelung der Welt sagt: „Schauen Sie sich an, wie die Leute heute bei Amazon kaufen: Die Markentreue ist komplett im Eimer. Die Menschen kaufen irgendwelche chinesischen Marken, die einen Namen aus acht uns unverständlichen Buchstaben tragen, weil sie viereinhalb Sterne und 2300 Bewertungen haben.“ 

Erst am Montag ist mit Joybuy, der Europa-Plattform von JD.com, ein weiterer chinesischer Player angetreten, um den deutschen Online-Handel aufzumischen. Joybuy wirbt mit sehr schneller Lieferung und günstigen Preisen, Informationen zu Nachhaltigkeit und Lieferketten oder gar CO₂, Verpackung oder Verantwortung sucht man auf der Website vergebens. 

Recyclingbranche in der Bredouille 

Währenddessen – und wo wir ja gerade sowieso im weitesten Sinne beim Thema Müll sind – bereiten sich hiesige Unternehmen gerade mit Hochdruck auf die EU-Verpackungsverordnung (PPWR) vor, die ab Spätsommer greift. Da gibt es gerade Ärger, denn die Bundesregierung hat das hiesige Verpackungsgesetz im Zuge neuer EU-Vorgaben bereits im Februar zwar überarbeitet, aber dabei eine zentrale Stellschraube unangetastet gelassen. 

Zum Hintergrund: Verpackungen werden in Deutschland bislang kaum nach ihrer Umweltwirkung bepreist. Zwar sieht §21 des Verpackungsgesetzes seit Jahren vor, dass recyclingfreundliche Materialien oder der Einsatz von Rezyklaten über niedrigere Lizenzentgelte belohnt werden sollen. Doch diese ökologische Steuerungswirkung wurde nie konsequent umgesetzt. Die aktuelle Reform hätte die Chance geboten, genau hier nachzuschärfen.  

Stattdessen bleibt erstmal alles beim Alten. Die Folge: Für Unternehmen rechnet sich nachhaltigere Verpackung oft weiterhin nicht, Rezyklate bleiben gegenüber Neuware im Nachteil, und Investitionen in Recycling verlieren an Attraktivität. Damit werden einmal mehr alle bestraft, die an nachhaltigeren Lösungen getüftelt und sehr viel Geld investiert haben.  

Werner & Mertz-Inhaber Reinhard Schneider sagt in einer lesenswerten Pressemitteilung zum Sachverhalt: „Statt hochwertigem Recycling fördert das neue Gesetz, wenn überhaupt, Downcycling. Das ist aber eine Sackgasse. BMUKN und BMWE [Bundesministerien, Anm. d. Red.] verlängern mit diesem Beschluss für die gesamte Recyclingbranche in Deutschland sehenden Auges den Investitionsstau!“  

Man darf davon ausgehen, dass sich die klügeren, ressourcenschonenden Technologien über kurz oder lang durchsetzen werden. Allerdings könnte es dann für manches deutsche Unternehmen zu spät sein.  

Kriegt die Autoindustrie die Kurve? 

Im Zusammenhang mit innovativer Technologie, Marktdurchdringung und deutschen Unternehmen schießt einem dieser Tage reflexhaft auch „Verbrenner“ und „E-Mobilität“ durch den Kopf. Volvo-Chef Håkan Samuelsson gibt sich im lesenswerten Handelsblatt-Interview zukunftsgewiss: „Elektrifizierung und Klimaschutz kommen, ob einem das als Unternehmen gefällt oder nicht.“ Der Manager prognostiziert, dass E-Autos deutlich günstiger werden. Den Prozess künstlich aufzuhalten, bringe nur Konfusion und Verluste. „Deshalb habe ich die Autokonzerne nicht verstanden, die in Brüssel für ein längeres Leben des Verbrenners geworben haben“, so Samuelsson. Übrigens ist er trotzdem „sehr optimistisch“, dass die deutsche Automobilindustrie noch die Kurve kriegt. Hoffen wir, dass er Recht behält. 

Wenn Anne M. Schüller richtig liegt, dann sollten deutsche Autobauer schleunigst ihre Story ändern, und zwar ins Positive. „Eine gute Zukunft kommt nicht von selbst. Sie muss herbeierzählt werden. Erst dann können wir handeln“, schreibt die Autorin in ihrem Buch „Narrative für eine bessere Zukunft“, das im April erscheint. Schon klar: Man darf sich und anderen nichts schönreden, aber eine gute Zukunftsperspektive ist allemal hilfreicher als Schwarzmalerei. In diesem Sinne sei hier Håkan Samuelsson noch einmal wiederholt: „Elektrifizierung und Klimaschutz kommen.“ 

Eine gute Woche noch, und behalten Sie die Zukunft im Blick! 

(vh, Jahrgang 1968) schreibt seit 1995 über Marketing. Was das Wunderbare an ihrem Beruf ist? „Freie Journalistin mit Fokus auf Marketing zu sein bedeutet: Es wird niemals langweilig. Es macht enorm viel Spaß. Und ich lerne zig kluge Menschen kennen.“