Wie die grüne Business-Community mehr Selbstvertrauen gewinnt

Die Biofach setzt einen Kontrapunkt gegen die Weltuntergangsstimmung, nachhaltige Werbung hilft beim Recruiting, das Start-up Triqbriq beweist Haltung.
Christine Mattauch schreibt an dieser Stelle über Green Marketing. Sie beschäftigt sich mit grünen Marketingstrategien und der Frage, wie sich Nachhaltigkeit und Wirtschaftlichkeit verbinden lassen.
Christine Mattauch schreibt an dieser Stelle über Green Marketing. Sie beschäftigt sich mit grünen Marketingstrategien und der Frage, wie sich Nachhaltigkeit und Wirtschaftlichkeit verbinden lassen. (© privat; Montage: Katharina Höhner)

Wo Veränderung gefragt ist, hilft kein Wunschbild, auch kein grünes. SPD-Altkanzler Helmut Schmidt hat seinerzeit das Nötige dazu gesagt: „Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen.“ Womöglich hätte er heute ein „dringend“ hinzugefügt, mit Blick auf die Zeitläufte: US-Präsident Trump erklärt Treibhausgase für unschädlich, Frankreich will den Ausbau der Erneuerbaren Energien drosseln, Teile der deutschen Chemieindustrie stellen den Handel mit Emissionsrechten infrage. Die Welt ist, so scheint es, im Rückwärtsgang, grünes Marketing chancenlos gegen die Übermacht von Zeitgeist und Unverstand. Oder?  

Die Biofach, Weltleitmesse für Bio-Lebensmittel, setzte vergangene Woche einen klaren Kontrapunkt gegen die Weltuntergangsstimmung. „Growing Tomorrow: Young Voices, Bold Visions”, hieß das Motto in Nürnberg. Frei übersetzt: Mit jungen Stimmen und kühnen Visionen auch morgen wachsen. Keine leere Verheißung.  

Nachhaltigkeit hilft bei der Risikosteuerung 

Die Branche glänzte 2025 mit einem Umsatzwachstum von fast sieben Prozent gegenüber dem Vorjahr, wegen der hohen Nachfrage werden laut Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft in Deutschland täglich 80 fußballfeldgroße Agrarflächen auf Bio umgestellt. 

Schon klar, Leitthemen werden lange im Voraus festgelegt. Und nicht alle grünen Produkte sind so beliebt wie Bio-Food. Trotzdem ist ein selbstbewusstes Auftreten der Schlüssel zum Erfolg: die Besinnung auf eigene Stärken, verlässliche Allianzen und gute Argumente jenseits ideologischer Scheindebatten. 

Nachhaltigkeitsberichterstattung und Lieferkettentransparenz zum Beispiel können, bei vernünftiger Ausgestaltung, hochwirksame Instrumente zur Risikosteuerung sein, sagt Katharina Reuter, Chefin des Bundesverbands Nachhaltige Wirtschaft, im Podcast Neue Deutsche Nachhaltigkeit

Mehr soziale Aspekte, Blick über den eigenen Tellerrand  

Klar ist aber auch: Ohne eigene Veränderung geht es nicht, Stillstand bedeutet Rückschritt. Auch die Biofach ruht sich auf ihren Erfolgen nicht aus. Nachhaltigkeit wird dort künftig breiter verstanden: 2027 öffnet sich die Messe für fair gehandelte Produkte.  

Es geht also stärker um soziale Aspekte und um den Blick über den eigenen Tellerrand hinaus: Statt ökologischen Landbaus rückt die Ernährung insgesamt in den Fokus, um das wachsende Gesundheitsbewusstsein von Verbraucherinnen und Verbrauchern zu bedienen. Zwei Drittel der Messeflächen sind bereits gebucht.  

Fairbruary bewirkt Absatzsteigerung um 25 Prozent  

Es geht also weiter, vielfältiger, aber nicht weniger entschlossen, wie auch die Fairbruary-Aktion von Fairtrade zeigt. Die Kampagne, die zum bewussten Einkauf fair produzierter Produkte aufruft, läuft zum dritten Mal, bereits im Vorjahr mit beachtlichem Erfolg: Der Absatz von Produkten mit Fairtrade-Siegel stieg im Februar 2025 um 25 Prozent, die Käuferbasis um sechs Prozent.  

Dabei waren die Großflächenplakate auf 13 Großstädte beschränkt. Diesmal sind es 17 Großstädte, und 62 Partnerunternehmen machen mit (falls sich noch jemand auf den letzten Drücker beteiligen will – die Druckdateien stehen hier zum Download). 

Berufsziel Marketer so unpopulär wie Immobilienmakler 

Werbung wirkt, und es ist besonders schön, wenn das zugunsten der Nachhaltigkeit geschieht, findet das CMO-CSO-Playbook, herausgegeben von dem gemeinnützigen Institute for Real Growth, der Initiative Ad Net Zero, Ipsos und Google. Gefordert wird darin eine engere unternehmensinterne Zusammenarbeit zwischen Marketing und Sustainability Management.  

Das ist ganz sicher nicht verkehrt und könnte, wie die Autoren hoffen, zugleich einem schockierenden Befund entgegenwirken: Der Beruf des Marketers rangiere bei Studierenden im unteren Zehntel der Beliebtheit, gleichauf mit Immobilienmaklern. Gegen diesen schlechten Ruf müsse „unbedingt etwas getan werden“.  

Gesellschaftlich wertvolle Kampagnen als Joker im War for Talents? Rund 40 Prozent der jungen Leute lehnen Arbeitgeber ab, deren Werte nicht zu ihren eigenen passen, heißt es im Handbuch „Wertfaktor Marke“ des BVMC. 

Werbefilmer aufgepasst: Kostenlose Green-Shift-Webinare 

So gesehen, tut die deutsche Werbefilmbranche mit ihrer „Green Shift“-Workshop-Reihe schon unter dem Blickpunkt Nachwuchsförderung genau das Richtige. Die Webinare vermitteln den Filmschaffenden Werkzeuge, um Nachhaltigkeit im Produktionsprozess zu integrieren. 

Die erste Folge, „The New Story of Ads“, beginnt am 24. Februar und verspricht, anhand von Best Cases zu zeigen, wie Nachhaltigkeit inspirierend erzählt werden kann. Die Teilnahme ist kostenlos. Es soll schließlich um Haltung gehen. 

10.000-Euro-Preisgeld als Spende weitergeleitet 

Dass die noch nicht überall zur Show verkommen ist, beweist Triqbriq, ein fünf Jahre altes Unternehmen aus Tübingen, das innovative Holzbausteine entwickelt. Für die Erfindung erhielt Triqbriq einen mit 10.000 Euro dotierten Transformationspreis des SPD-Wirtschaftsforums – und spendete umgehend einen gleich hohen Betrag an eine Behinderteninitiative. Obwohl Geld in der grünen Start-up-Szene wahrlich nicht im Überfluss vorhanden ist. Chapeau! 

Eine gute Woche noch, und behalten Sie die Zukunft im Blick! 

(mat) führte ihr erstes Interview für die absatzwirtschaft 2008 in New York. Heute lebt die freie Journalistin in Kaiserslautern. Sie hat die Kölner Journalistenschule besucht und Volkswirtschaft studiert. Mag gute Architektur und guten Wein. Denkt gern an New York zurück.