Nichtstun ist keine Lösung: Grüne Pioniere contra Trittbrettfahrer 

Wie konditionale Kooperation die Klimadebatte prägt und was Start-ups wie Solar Foods, Djoon und Cirplus damit zu tun haben.
Christine Mattauch schreibt an dieser Stelle über Green Marketing. Sie beschäftigt sich mit grünen Marketingstrategien und der Frage, wie sich Nachhaltigkeit und Wirtschaftlichkeit verbinden lassen.
Christine Mattauch schreibt an dieser Stelle über Green Marketing. Sie beschäftigt sich mit grünen Marketingstrategien und der Frage, wie sich Nachhaltigkeit und Wirtschaftlichkeit verbinden lassen. (© privat; Montage: Katharina Höhner)

Braucht die Europäische Union mehr Klimaschutz – oder braucht sie weniger? Im Vorfeld der UN-Klimakonferenz COP30 nächste Woche in Brasilien ist hierzulande eine erbitterte Diskussion entbrannt, um Klimaziele, den Emissionshandel, Verbrennerverbote und einiges mehr. Der Austritt der USA aus dem Pariser Klimaabkommen beflügelt offenbar diejenigen, die, salopp formuliert, Europas ambitionierte Umweltpolitik am liebsten in die Tonne kloppen würden.  

Der Effekt ist in der Spieltheorie als konditionale Kooperation bekannt („Conditional Cooperation“): Geht es um ein gemeinsames Ziel, orientieren sich viele Akteure am Input der anderen. Strengen sich jene an, legt man sich auch selbst ins Zeug; machen sie wenig, lässt man auch selber nach (sogenannte Free Rider, die sich komplett auf das Engagement der anderen verlassen, gibt es auch, der Prominenteste von ihnen sitzt derzeit im Weißen Haus). Gewiss, es ist bequem, sich zurückzulehnen. Aber – wer rettet dann die Welt? 

Auch kleine Anteile von Nichtstun addieren sich 

Von konservativer Seite wird gern argumentiert, dass Deutschland nur für zwei Prozent der Treibhausgase verantwortlich sei – als wäre das ein Freifahrtschein. „Wenn 50 Leute sagen, ich bin ja nur für zwei Prozent verantwortlich, und machen nichts, dann habe ich 100 Prozent nix“, sagt Michael Hüther, Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft in Köln. „Wir als Industrieökonomie müssen zeigen, dass wir es können.“  

Also: Selbst der Motor sein, an dem sich andere orientieren – auch im Interesse der eigenen Wettbewerbsfähigkeit. „Deutschland ist seit langem ein Netto-Exporteur von grünen Technologien“, sagt Hüther.  

Economies of Scale bei grüner Technik 

Einer aktuellen Studie der OECD zufolge verändert ökologische Innovation die Märkte schneller als angenommen – auch weil die Kosten für neue Technologien rapide sinken. Strom aus großen Photovoltaikanlagen etwa kostete 2010 viermal mehr als der aus fossilen Energiequellen, schreiben die Forscher. Inzwischen ist er um 56 Prozent günstiger als die klimaschädliche Konkurrenz.  

Auch auf Mikroebene sind die Weichen gestellt: OECD-weit brachten 40 Prozent der forschenden Unternehmen innerhalb von drei Jahren mindestens eine umweltfreundliche Innovation hervor. Von wegen Green Fatigue.  

Proteinpuder, der aus der Luft kommt 

Das finnische Start-up Solar Foods zum Beispiel, gefördert aus dem Fonds NextGenerationEU, hat ein revolutionäres Verfahren zur Eiweißgewinnung entwickelt: Mikroben verwandeln CO2 und Wasserstoff in ein Proteinpuder namens Solein. In Singapur und in den USA ist es bereits zugelassen.  

Das Produkt ist, im Unterschied zu landwirtschaftlich erzeugtem Protein, annähernd klimaneutral, weshalb sich auch Vattenfall für die Innovation interessiert. Spannend. 

Neue Food-Kreationen und gute Laune 

Jenseits von berechtigten Ängsten der Wirtschaft gehört zur Wahrheit, dass in Teilen der Green Economy nach wie vor Aufbruchstimmung herrscht. Vergangene Woche stellten in München rund ein Dutzend Food-Hersteller pflanzenbasierte Produkte vor, etablierte Marken wie Rapunzel, Taifun und Zott ebenso wie Newcomer: der Pralinenproduzent Djoon, der Industriezucker durch Dattelsüße ersetzt, oder die Bio-Convenience-Marke Nabio.  

Nahezu jeder Aussteller wartete mit neuen Kreationen auf: Bratfilets aus Soja, Aufstriche aus Algen und Ingwer, Spaghetti aus gelben Linsen. Gute Laune und Optimismus gab es obendrein. Davon wünscht man sich in diesen Zeiten mehr.  

Der Einsatz von Kunststoff-Rezyklaten wird einfacher 

Schließlich weisen auch kleine Schritte in Richtung Zukunft. Gerade wurde eine europäische Norm verabschiedet, durch die sich Herkunft und Materialeigenschaften von Kunststoff-Rezyklaten standardisiert erfassen lassen. Der Einsatz von Recyclingplastik wird dadurch einfacher und zuverlässiger werden.  

Den Anstoß für die Norm übrigens gab eine deutsche Firma: Cirplus aus Hamburg, eine KI-basierte Beschaffungsplattform für Rezyklate. Merke: Regulierung ist nicht immer schlecht – selbst aus Sicht von Unternehmen nicht. 

Green Deal umbauen, nicht abwickeln 

Noch einmal zurück zur Klimapolitik Europas. Wahr ist wohl, dass sich nicht weitermachen lässt wie bisher, wenn die größte Wirtschaftsmacht der Welt als Schrittmacher für globalen Klimaschutz ausfällt. Achim Wambach, Präsident des ZEW in Mannheim, hat dazu einen klugen Essay verfasst.  

Der Ökonom fordert mehr Ressourcen für die Klimaanpassung und einen Umbau des Green Deal – effizienter, sozialverträglich und innovationsfördernd. Was er nicht fordert: die Aufgabe ambitionierter Ziele. Die heutige Einigung der EU-Umweltminister zur Emissionsminderung bleibt hinter dem Möglichen zurück. 

Eine gute Woche noch, und behalten Sie die Zukunft im Blick!

(mat) führte ihr erstes Interview für die absatzwirtschaft 2008 in New York. Heute lebt die freie Journalistin in Kaiserslautern. Sie hat die Kölner Journalistenschule besucht und Volkswirtschaft studiert. Mag gute Architektur und guten Wein. Denkt gern an New York zurück.