Es ist an der Zeit, an eine simple Wahrheit zu erinnern: Wer große Ziele erreichen möchte, braucht Verbündete. Besonders dann, wenn das Umfeld rauer wird. Womöglich war die grüne Businesscommunity hier in der Vergangenheit etwas nachlässig, an Mitstreitern war schließlich lange kein Mangel, selbst Markus Söder umarmte vor wenigen Jahren noch Bäume. In einem wachsenden Markt denkt erstmal jeder an sich.
Immer mehr Pleiten und ein Aufruf zur Solidarität
Und heute? Wirbt Vaude-Chefin Antje von Dewitz auf LinkedIn für Zahnputz-Tabletten, um einem befreundeten Unternehmen zu helfen, Denttabs. Das Berliner Start-up, Gründungsjahr 2009, hat im Oktober Insolvenz anmelden müssen. Kein Einzelfall, wie von Dewitz bedauert.
„Wenn ich auf Vaude schaue, sind es in den letzten zwei Jahren 250 Händler, die pleite gegangen sind, darunter extrem viele aus dem Bereich der Nachhaltigkeit.“ Dahinter steckt auch ein strukturelles Problem: In schlechten Zeiten vermeiden viele Verbraucher Aufschläge für ökologisch wertvolle Produkte.
Schon paradox: Plötzlich ist es die progressive grüne Community, die sich zuweilen fühlt, als sei sie von gestern, während Fossilwirtschaft und Billiganbieter triumphieren. Doch Wirtschaft ist dynamisch und Trends sind zyklisch.
Bekanntlich folgt aufs Heute ein Morgen und auf Enttäuschung die Erleuchtung. Bis dahin ist es eine gute Idee, bestehende Allianzen zu stärken, neue Partnerschaften zu wagen – und dabei durchaus über den bisherigen Tellerrand hinaus zu sehen.
Selbst Black-Friday-Rebellen gibt es noch
Es ist ja nicht so, als ob es an grünen Überzeugungstätern mangeln würde. Selbst bei der Marketing-Materialschlacht des Jahres, dem Black Friday, gab es Deserteure: Der Biowein-Versand Delinat verteuerte zugunsten der Meeresschutzorganisation Sea Shepherd sein komplettes Sortiment um zehn Prozent, Herzog Mode rief einen „Bright Friday“ aus.
Das spanische Modelabel Ecoalf zeigte in einem Video aus der ghanaischen Hauptstadt Accra die dramatischen Folgen des Überkonsums für Entwicklungsländer, wo der Fast-Fashion-Restmüll bevorzugt im Meer landet und die Strände verschmutzt.
Nachhaltigkeit spart Geld – das Argument für Kooperation
Die meisten Manager allerdings sind Pragmatiker. Sie tun, was betriebswirtschaftlich geboten scheint. Nun wird’s aber interessant. Denn auch wenn der äußere Anschein dagegen spricht: Nachhaltigkeit sinkt in der Prioritätenliste von Unternehmen keineswegs weiter nach unten, ergab eine Analyse von Bain&Company.
Deren Fazit: „CEOs sprechen weniger über Nachhaltigkeit, aber sie handeln.“ Was sich vor allem geändert habe, sei der Blickwinkel: Moralische oder regulatorische Aspekte spielen weniger eine Rolle als die Erkenntnis, dass Nachhaltigkeit positiv aufs Geschäft wirkt. Wenn das kein Anknüpfungspunkt für Kooperationen ist.
Die Zulieferer der Zukunft formieren sich. Zum Beispiel „Eat Beer“
Gerade B2B passiert so einiges. Neue Wertschöpfungsketten entstehen, wie bei der Rewe Group, die bei ihren Eigenmarken zunehmend tierische Zutaten durch pflanzliche ersetzt. Innovative Zulieferer finden sich nicht nur in der Gründerszene, sondern auch dort, wo Traditionsbetriebe neue Wege gehen.
Die Brauerei Störtebeker aus Stralsund etwa hat ein Verfahren entwickelt, das aus Treber – klassisches Abfallprodukt der Bierbranche – hochwertiges Pilzprotein fermentiert. Es kann als Baustein für Fleischersatz, Snacks oder Käse genutzt werden. Der Name des vielversprechenden Ventures: Eat Beer.
Pfand auf Kosmetikflaschen von Lavera, Kneipp oder Sante
In München läuft seit Oktober die „Reolution“: ein Test zur Bepfandung von Beauty-Produkten, benannt nach dem Initiator, dem Start-up Reo. Die Partner: Etablierte Kosmetikmarken wie Lavera, Kneipp, Sante und Logona; handelsseitig sind Kaufland und Vollcorner an Bord.
It’s so easy: Konsumentinnen kaufen Cremes und Shampoos wie gewohnt, stecken die leeren Verpackungen in Pfandautomaten und erhalten eine Gutschrift von je 29 Cent. Die Idee entstand im Rahmen einer Bachelor-Arbeit.
Mehr Banken und Versicherer gehören ins Boot
„Jetzt erst recht“, hieß es vergangenen Monat auf dem „BAM! Bock auf Morgen Festival“ in Berlin, und: „Wir sind viele.“ Wo viele sind, ist Raum für Austausch, Synergien, Kreativität, Geschäftsideen. Dieses Potenzial ist bei weitem nicht gehoben.
Rückversicherer wie Munich Re zum Beispiel wissen durch ihre Forschungsabteilungen bestens über den Klimawandel Bescheid und treten im eigenen Interesse dafür ein, Schäden möglichst gering zu halten. Warum sind die nicht Mitglied im Bundesverband Nachhaltige Wirtschaft?
Eine gute Woche noch, und behalten Sie die Zukunft im Blick!

