Es sind, wie das Journalisten-Netzwerk „Covering Climate Now“ (CCN) doppeldeutig schrieb, „die heißesten Spiele der Geschichte“. Gemeint war, natürlich, die Fußball-Weltmeisterschaft, die derzeit in den USA, Mexiko und Kanada stattfindet. In 14 von 16 Austragungsorten gibt es durch den Klimawandel deutlich mehr extreme Hitzetage als früher (Details im Datenportal). Auch deshalb werden während der Halbzeiten erstmals Trinkpausen eingelegt, sogenannte Cooling Breaks. Bei den TV-Sendern dürften Sektkorken geknallt haben, denn die von der FIFA angeordneten Unterbrechungen ließen sich wunderbar vermarkten. Die Werbewirtschaft als Profiteurin des Klimawandels. Na denn Prost.
Nachhaltige Events sind möglich – man muss sie nur wollen
Die WM ist zugleich ein bitterer Beleg dafür, dass die Gesellschaft beim Umweltschutz kein Erkenntnis-, sondern ein Umsetzungsproblem hat. Schließlich findet man – nicht zuletzt in der absatzwirtschaft – umfassende, praxistaugliche und erprobte Konzepte dafür, wie sich Veranstaltungen nachhaltig planen lassen. Die FIFA aber beweist, dass man mit einer fetten Portion Ignoranz auch für das Jahr 2026 ein Event so anlegen kann, dass möglichst viele Personen möglichst weite Flugstrecken zurücklegen müssen. Mit dem Ergebnis, dass der diesjährige World Cup nach Berechnungen britischer Forscher der klimaschädlichste aller Zeiten sein wird. Donald Trump als bekennender Liebhaber von Superlativen wird es wohl als Erfolg verbuchen.
Warnung an Investoren: „Don’t Build a Stadium Here”
Fast beruhigend, dass der Klimawandel immerhin in der Finanzwelt die Alarmglocken läuten lässt: „Don’t Build a Stadium There!“ warnt ein Podcast des großen US-Dienstleisters MSCI. Befürchtet werden massive Verluste für Kapitalanleger, Versicherer und Betreiber, wenn Extremhitze, Stürme und Starkregen nicht bei Planung und Finanzierung mitgedacht werden. Reine Theorie? Mitnichten. In Saint Petersburg, Florida, zerstörte Hurrikan Milton im Oktober 2024 das Dach des Stadions Tropicana Fields, ein Schaden von 60 Millionen Euro. Versichert waren nur elf Millionen; den Löwenanteil der Kosten musste der Eigentümer tragen, in diesem Fall die Stadt. „Man hat also Stadien, die mit millionenschweren Klimarisiken behaftet sind, aber sie sind eingebettet in ein System, das so tut, als wäre die Vergangenheit ein verlässlicher Ratgeber für die Zukunft“, wundern sich die Experten.
Versicherer als Watchdogs für Klimarisken?
Zumindest bei neuen Projekten sollte das anders werden, und das gilt – hoffentlich – nicht nur für Sport- und Spielstätten. Bei einem Investoren-Treffen in Zürich kursierte die Botschaft „If it is not insurable, it may not be investable“, frei übersetzt: Wenn du keine Versicherung für dein Projekt kriegst, lass die Finger davon. Die Versicherungsbranche als Watchdog für Klimarisiken? In diese Rolle schlüpfen die Unternehmen nicht ganz uneigennützig, sie verkaufen ihren Kunden entsprechende Analysedaten. „Die Gelegenheit ist da, Wissen in Handeln zu verwandeln“, wirbt Steven Bullock, Head of Geospatial Intelligence and Transition Products bei MSCI. „Die Zeit dafür ist jetzt.“
Grüner Wasserstoff: Das Henne-Ei-Problem und seine Lösung
Handlungsbedarf sehen auch andere Branchen, etwa europäische Industrieunternehmen, die auf grüne Produkte umstellen wollen – und dafür auf Wasserstoff angewiesen sind. ThyssenKrupp beispielsweise baut derzeit in Duisburg eine Direktreduktionsanlage, um CO2-armes Roheisen herzustellen, Bund und Land fördern mit zwei Milliarden Euro. Aber: Schon jetzt steht fest, dass die Anlage zunächst mit Erdgas wird betrieben werden müssen, weil nicht genügend Wasserstoff auf dem Markt ist. Woran es hakt? Henne-Ei-Problem, sagen Fachleute: Nur bei einer kritischen Masse an Abnehmern investieren genügend Anbieter in Herstellung und Netzausbau. Aber viele Nachfrager wollen erst umstellen, wenn die Bezugsquellen für H2 gesichert sind.
Und jetzt? Hat sich eine CEO-geführte Allianz gegründet, um die Transformation beschleunigen. Sie könnte Durchschlagskraft entfalten. Dabei sind neben ThyssenKrupp auch Schwergewichte wie der spanische Netzbetreiber Enagas, die deutsche RWE Generation oder Gasgrid Finland. Zum Start wurde ein White Paper veröffentlicht, das – Frau Reiche, aufgemerkt! – auch die Politik zum Handeln aufruft.
Dekarbonisierung sichert den Standort Deutschland
Immerhin spielt Dekarbonisierung laut einer Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft eine zentrale Rolle bei der Sicherung des Standorts Deutschland. „Der Übergang zu klimaneutralen Produktionsprozessen verändert bestehende Wertschöpfungsketten, schafft jedoch zugleich neue Märkte rund um erneuerbare Energien, Speichertechnologien und Effizienzlösungen“, heißt es da. Und: „Standorte mit guten Voraussetzungen für Wind- und Solarenergie oder grünen Wasserstoff (erhalten) deutliche Wachstumschancen.“
Datencenter: In New York explodiert der Energiebedarf
Was passiert, wenn Infrastruktur ohne flankierende Versorgungsstrategie entsteht, lässt sich derzeit in den USA beobachten. Mehr als 110 Initiativen, Tendenz steigend, wollen den Ausbau von Rechenzentren aussetzen oder verbieten – weil Datenspeicher Energiefresser sind. Im Bundesstaat New York etwa sind 28 Projekte in der Planung, sie würden den Energieverbrauch um ein Drittel erhöhen. Weil das Angebot so schnell nicht mitwächst, würden die Preise steigen, von CO2-Emissionen gar nicht zu reden. Ein Vorgeschmack auf die Entwicklung in Deutschland? Einsichten verspricht ein kostenloses Webinar mit Branding der Süddeutschen Zeitung.
In eigener Sache: Tschüss und auf Wiedersehen!
À propos Umsetzungsprobleme: Auch meine Kollegin Vera Hermes und ich haben eins. Wie Vera in ihrer letzten Kolumne schrieb, wird, wenn nicht ein kleines Wunder geschieht, die absatzwirtschaft zum 30. Juni eingestellt. Das muss nicht zwangsläufig das Aus für den Green Wednesday bedeuten. Wir suchen nach Wegen, das bewährte Format zu erhalten. Bis bald! Man liest sich.
Eine gute Woche noch, und behalten Sie die Zukunft im Blick!


