Gefühlt hat in diesen Tagen der Frühling begonnen – ein guter Anlass, alte Themen neu in den Blick zu nehmen. Das dachte sich wohl auch die Bundesregierung mit ihren Eckpunkten zur Novelle des Gebäudeenergiegesetzes (GEG), beziehungsweise um mit der „Bild“-Zeitung zu sprechen, zur Revision von „Habecks Heiz-Hammer“. Wichtigste Änderung: Neue Heizungen sollen nicht mehr mindestens 65 Prozent erneuerbare Energien nutzen müssen (weitere Einzelheiten bei Bedarf hier).
Ein Fall für die Deutsche Umwelthilfe
Dazu ist dank der emotionalen Debatte, die umgehend losbrach, alles gesagt? Gemach. Die Befürworter feiern den Vorschlag ja, weil die geplanten Regelungen lascher sind als die bestehenden. Das aber könnte, worauf der Deutschlandfunk hinweist, gegen das „Verschlechterungsverbot“ verstoßen, das Juristen aus der historischen Klimaentscheidung des Bundesverfassungsgerichts von 2021 ableiten. Vereinfacht ausgedrückt: Weil das Grundgesetz verlangt, die Lebensgrundlagen zu schützen, dürfen neue Gesetze im Prinzip nicht klimaschädlicher sein als die alten Regelungen. Schreit das nicht geradezu nach einer Klage gegen die Novelle? Hallo, Deutsche Umwelthilfe!? (Inhaltlich hat sich der Verband bereits positioniert.)
„Occasionales“ Handeln gegen den „fossilen Rollback“
Mindestens ebenso interessant wie die rechtliche Seite ist die Frage, wie die Stimmung einer Gesellschaft derart Richtung Anti-Grün kippen kann. Der Soziologe Philipp Staab erklärt den „fossilen Rollback“ damit, dass weite Teile der Gesellschaft Klimaschutzmaßnahmen als Bedrohung für Wohlstand und Alltagskultur wahrnehmen (Sein Vortrag bei den KlimaLectures #12 der Jungen Akademie in Kürze hier).
Aufklärung hilft nicht – die Leute wissen Bescheid, wollen sich aber ihr Lebensmodell nicht nehmen lassen. Die Politik agiert entsprechend: irrational statt evidenzbasiert. Und jetzt? Der Wissenschaftler empfiehlt eine „occasionale“ Strategie: Instabilitäten erkennen, Chancen nutzen. Man könnte auch sagen: Handeln, wann immer es geht.
IW-Studie: Grüne Geschäftsmodelle strukturell benachteiligt
Wenn schon die Politik zu wenig tut, müssen die Unternehmen ran, oder wie war das noch mal mit der Eigenverantwortung? Leicht wird ihnen das allerdings nicht gemacht. Die GLS Bank stellte vergangene Woche eine Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) vor, die eine strukturelle Benachteiligung grüner Geschäftsmodelle nachweist: Aufwendige Berichtspflichten und ungerechte Besteuerung verteuern die Produkte und verzerren dadurch den Markt. Beispiele gefällig? Für pflanzliche Fleischalternativen sowie Hafer- und Sojamilch gilt eine Mehrwertsteuer von 19 Prozent, für Fleischprodukte und Kuhmilch sind es nur 7 Prozent.
Konventionelle Geschäftsmodelle müssen nicht etwa belegen, dass sie möglichst wenig Klimaschäden verursachen, sondern es sind die nachhaltigen Unternehmen, die mit Bürokratie überzogen werden, von umständlichen Nachweisen fürs Öko-Siegel bis zum grünen Kredit. Was, wie die Forscher schreiben, „erhebliche Ressourcen in den Betrieben“ bindet und „Effizienz, Investitionsbereitschaft und Innovationsfähigkeit beeinträchtigen“ kann. Ganz zu schweigen von den Mehrkosten für nachhaltige Unternehmen, die höhere Standards für Rohstoffe oder bei der Entlohnung von Lieferanten anlegen.
Kein ökonomischer Nutzen durch Nachhaltigkeit?
Zum Befund passt, dass der Sustainability Transformation Monitor 2026 der Bertelsmann Stiftung eine deutlich rückläufige Relevanz von Nachhaltigkeit feststellt: Nur 17 Prozent der Unternehmen sehen in ihr einen klaren ökonomischen Nutzen. Der Anteil von Unternehmen mit eigenen Zielen zur Verringerung von Treibhausgasen stieg binnen Jahresfrist trotzdem, von 55 auf 59 Prozent, bei Banken gar von 46 auf 65 Prozent. Von diesen Vorreitern wiederum haben jeweils 53 Prozent einen konkreten Transformationsplan, oder sie arbeiten dran. Da geht noch mehr.
Lidl handelt noch fairer, Rebike expandiert
Was die Wirtschaftlichkeit von Nachhaltigkeit angeht, so scheint das letzte Wort noch nicht gesprochen. Grünes Marketing lohnt sich doch, oder wie sind Meldungen wie diese sonst zu verstehen? Lidl stellt Tafelschokoladen seiner Eigenmarken auf das Living-Income-Konzept von Fairtrade um. Rebike, Spezialist für Refurbishment von E-Bikes, eröffnet vier neue stationäre Standorte. Die Tegel Projekt GmbH, die den früheren Berliner Flughafen zum Gewerbe- und Wohnviertel umgestaltet, hat einen Rahmenvertrag zum zirkulären Bauen mit dem Recycling-Dienstleister Concular geschlossen.
Schafe lieben Solarmodule
Last, not least, ein Schmankerl aus der Forschung: Wissenschaftler der Universität Göttingen haben herausgefunden, dass Solaranlagen zum Tierwohl beitragen: Stellten sie Module auf eine Schafweide, nutzten die Tiere sie aktiv als Hitzeschutz. Das galt selbst für „unerfahrene“ Schafe. Auf die Futterqualität wirkte sich die Photovoltaik nicht negativ aus, das Gras unter den Modulen hatte sogar mehr Protein. Wenn das keine gute Nachricht für Landwirte ist.
Eine gute Woche noch, und behalten Sie die Zukunft im Blick!

