„Raushalten liegt nicht im Trend“ 

Ich sag zum Abschied leise Servus – und stelle Ihnen in meiner (vorerst?) letzten Green Wednesday-Kolumne noch eine Studie vor, deren Ergebnisse Sie sich bitte zu Herzen nehmen sollten. Danke dafür.
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Vera Hermes schreibt an dieser Stelle über Green Marketing. Sie ist überzeugt, dass Digitalisierung, Nachhaltigkeit und Haltung die drei großen Treiber der Branche sind. (© privat; Montage: Katharina Höhner)

1958 soll der damalige Wirtschaftsminister Ludwig Erhard der absatzwirtschaft anlässlich der ersten Ausgabe viel Erfolg gewünscht haben. Wir haben dieses Gratulationsschreiben in der Redaktion immer mal gesucht, aber es blieb bei der schönen Anekdote. Sollte es diese guten Wünsche gegeben haben, dann haben sie sehr lange getragen. Ich weiß nicht, ob Sie es schon gehört haben: zum 30. Juni wird die absatzwirtschaft nach 68 Jahren eingestellt, wenn nicht von irgendwoher noch jemand kommt, der sie weiterführen möchte. Was natürlich super wäre. Alles andere ist eine traurige Angelegenheit.

Es ist ein etwas schräger Vergleich, aber die absatzwirtschaft erleidet das Schicksal, das derzeit so ähnlich auch manches Nachhaltigkeitsprojekt in Unternehmen ereilt: Man hält es für nicht mehr relevant, lässt es ausbluten, ein bisschen vor sich hindümpeln, entzieht ihm die Aufmerksamkeit. Im Gegensatz zur absatzwirtschaft aber ist die interessante Entwicklung in punkto Nachhaltigkeit: Man kriegt sie nicht mehr weg.

Rebranding und Scharaden

Manche Unternehmen reagieren auf den Gegenwind mit kreativem Rebranding: Da wird die Sustainability-Abteilung kurzerhand umbenannt und aus Nachhaltigkeitsbeauftragten werden Transformation Manager. Anderswo weicht die aufmerksamkeitsstarke Kommunikation einer leisen, aber nichtsdestoweniger engagierten und effektiven Arbeit.

Das funktioniert nach dem gleichen Prinzip wie die große Scharade der US-Unternehmen, die ihre DEI-Programme (Diversity, Equity and Inclusion) unter Namen wie „Culture & Belonging“, „Inclusive Culture“ oder „Workforce Development“ weiterführen, um Donald Trumps Missbilligung (und Auftragsentzug) zu entgehen: Man macht weiter mit dem, was man für richtig hält, geht aber sprachlich und kommunikativ unter Deck.

Derzeit in Trumps Amerika sehr gut zu beobachten am „Rainbow Hushing“: Gehörten noch vor wenigen Jahren Regenbogenlogos, Pride-Posts und -Sponsoring gefühlt zum Pflichtprogramm großer US-Marken, bleiben die Flaggen dort nun eher eingerollt. Das betrifft übrigens auch Deutschland: Pride-Organisationen in Berlin und Köln berichteten im vergangenen Jahr von einem Rückzug mehrerer langjähriger Sponsoring-Partner mit US-Muttergesellschaften. Da freut man sich, dass hierzulande Unternehmen wie Deutsche Bahn, Vodafone oder Rewe in ihrem Engagement nicht zurückstecken.

Wie clever ist die neue Zurückhaltung?

Nochmal die Kurve zurück zur Nachhaltigkeit. Es bleibt die Frage, ob die neue Zurückhaltung am Ende klug ist. Denn Kommunikation schafft Aufmerksamkeit. Was sichtbar ist, wird diskutiert. Was diskutiert wird, wird – im Idealfall – verstanden. Und was verstanden wird, findet eher Unterstützung. Nachhaltigkeitsthemen haben viele Menschen in den vergangenen Jahren vielleicht genervt. Sie haben aber auch dazu geführt, dass Marken weniger Greenwashing betreiben, Lieferketten transparenter wurden, Unternehmen ihre Emissionen messen und Vorstände Verantwortung übernehmen. All das geschah nicht trotz der öffentlichen Debatte, sondern auch wegen ihr.

Sollen sich Unternehmen für die Demokratie einsetzen? Was für ein Frage!

In diesem Kontext ist am Montag eine unbedingt lesenswerte Studie vom Wittenberg-Zentrum für Globale Ethik erschienen: „Demokratie unter Druck – Wirtschaft in der Verantwortung? Was Beschäftigte von Unternehmen erwarten“. Hier geht es um Corporate Political Responsibility und die Kernfrage, ob Unternehmen für die freiheitliche Demokratie eintreten sollten.

Und schon, wenn man das erste Ergebnis liest, liegt die Antwort auf der Hand: 98 Prozent der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Unternehmen in Deutschland halten die Demokratie für akut gefährdet. Extremismus, wirtschaftliche Ungleichheit und soziale Spaltung sowie autoritäre und populistische Bewegungen gelten als größte Bedrohungen der Demokratie. Sollen Unternehmen sich also für die Demokratie stark machen?

„39 Prozent der Beschäftigten sprechen sich für gesellschaftspolitisches Engagement aus, nur 30 Prozent dagegen, 30 Prozent sind unentschlossen. Unter Führungskräften ist das Bild noch deutlicher: 49 Prozent befürworten ein Engagement, nur 28 Prozent lehnen es ab“, heißt es in der Studie.

Doch Achtung: Das Eintreten für die Demokratie und allgemeine Wahlappelle kommen gut an, direkte Wahlempfehlungen und Parteispenden nicht. Ein Engagement gegen einzelne Parteien wird von 58 Prozent dann unterstützt, wenn Parteien extremistische Positionen vertreten oder vom Verfassungsschutz beobachtet werden – also sich, hier mal im Klartext, gegen die AfD stellen. „Raushalten liegt nicht im Trend“, folgert das Forschungsteam.

Sich nicht rauszuhalten – das hätte Ludwig Erhard den Unternehmen wohl auch empfohlen. Freiheit, Verantwortung und Wirtschaft gehörten für ihn zusammen. Vielleicht ist das eine passende Erkenntnis zum Abschied: Wenn wir möchten, dass etwas bleibt – Demokratie, Nachhaltigkeit oder auch ein Fachmedium –, müssen wir uns drum kümmern.

In diesem Sinne: Machen Sie’s gut und hoffentlich auf bald mal wieder an anderer Stelle!

(vh, Jahrgang 1968) schreibt seit 1995 über Marketing. Was das Wunderbare an ihrem Beruf ist? „Freie Journalistin mit Fokus auf Marketing zu sein bedeutet: Es wird niemals langweilig. Es macht enorm viel Spaß. Und ich lerne zig kluge Menschen kennen.“