Nicht nur der Slot mit Angela Merkel war schnell wegen Überfüllung geschlossen: Die Republica, Konferenz für die digitale Gesellschaft in Berlin (18. bis 20. Mai), war bestens besucht. Das offizielle Motto: „Never gonna give you up“. Es ging an den drei Tagen viel um Vertrauen im KI-Zeitalter, es ging um das Echte und das Falsche, um Lüge und Wahrheit, um den Zustand der Demokratie im Allgemeinen und die Bedrohung derselben durch die AfD im Besonderen.
Also Themen, die nur so mittelgut in eine Nachhaltigkeitskolumne für die Marketinggemeinde passen. Wenn der Nachhaltigkeit nicht auch das Soziale und die Governance innewohnen würden, und wenn nicht just in dieser Woche gleich zwei bemerkenswerte Meldungen über renommierte Unternehmer die Runde gemacht hätten.
Erst positionierte sich Bahlsen-CEO Alexander Kühnen am Montag öffentlich klar gegen die AfD und warb für mehr Einsatz von Unternehmen für die Demokratie; am Dienstag erschien dann ein SZ-Interview mit Rossmann-Chef Raoul Roßmann mit der Headline: „Ich möchte Björn Höcke nicht bei uns in der Firma begrüßen“. Und mittendrin kommentierte Reporter Dietmar Neuerer im altehrwürdigen „Handelsblatt“: „Lange konnten Firmen sagen: Politik ist nicht unser Geschäft. Das war bequem. Heute ist es riskant.“ Natürlich dürfe ein Unternehmen nicht zum Parteibüro werden. Niemand verlange Wahlkampf am Werkstor. Aber Haltung gegen Rechtsextremismus sei keine Parteipolitik, sondern Selbstschutz, schreibt Neuerer.
Demokratische Mehrheit stärken
Währenddessen präsentierte das Wissenschaftsduo Carolin Amlinger und Oliver Nachtwey von der Uni Basel auf der Republica ihre Forschungsergebnisse zu der Frage: „Warum wollen so viele Menschen die Welt brennen sehen?“, anzusehen im Republica-Youtube-Channel, nachzulesen in ihrem Buch: „Zerstörungslust. Elemente des demokratischen Faschismus“.
Die Erkenntnisse waren ziemlich erschütternd, der Befund in aller Kürze: Den destruktiven Menschen kommt man nicht mit Fakten bei, nicht mal mit gutem Regieren, sondern, so Nachtwey, mit einer „anderen Emotionspolitik“, einer „anderen emotionalen Ansprache“. Der Soziologe rät: die demokratische Mehrheit zu stärken, mehr Menschen zu aktivieren, sich mehr in Nachbarschaften zu treffen. Alexander Kühnen und Raoul Roßmann haben da doch schon mal einen guten Aufschlag gemacht.
Schon mal von Content Credentials gehört?
Angesichts von Deep Fakes und KI-Content-Vermüllung des Internets sinkt das Vertrauen in Inhalte. Selbst Profis trauen sich nicht mehr zu, gefälschte von echten Bildern zu unterscheiden. Damit soll Schluss sein, und zwar nicht, indem man versucht, das Falsche zu eliminieren (das wäre ziemlich aussichtslos), sondern indem man das Echte kennzeichnet. Frederik Blachetta, CTO der Bundesdruckerei, präsentierte in seinem Vortrag „Vertrauen im KI-Zeitalter: Wie bleibt digitale Information glaubwürdig?“ eine bestechende Technik: Fotos werden bei der Aufnahme automatisch mit Content Credentials gekennzeichnet.
Hersteller wie Leica arbeiten bereits mit solchen kryptografisch erzwungenen Signaturen, die nicht vom Bild entkoppelt werden können. Sie informieren sowohl über die Herkunft als auch die komplette Historie eines Bildes – also wann es wie bearbeitet wurde. Erste Smartphone-Anbieter zögern noch, das Ökosystem rund um Content Credentials wachse, aber es müsse noch skalieren, referierte Blachetta. Das ist eine gute Nachricht: für die Glaubwürdigkeit von Inhalten, aber auch für alle, die mit Fotografie ihr Geld verdienen.
Total will aussteigen, Everlane verkauft seine Seele
Wo wir gerade bei Vertrauen und Glaubwürdigkeit sind: Zwei Unternehmen überraschten diese Woche mit Meldungen, die lehrbuchhaft zeigen, wie man selbiges vernichtet. Fall eins: Der Ölkonzern Total Energies will nach Informationen von NDR und SZ aus Offshore-Wind-Projekten vor der deutschen Küste aussteigen. Begründung: Verzögerungen im Netzausbau und Veränderungen der wirtschaftlichen Rahmenbedingungen. Damit stehe der Erfolg der deutschen Energiewende auf dem Spiel, heißt es bei der Tagesschau. Im Bundeswirtschaftsministerium reagiere man gelassen. Zieht Total den Ausstieg tatsächlich durch, würden hohe Vertragsstrafen fällig. Allerdings erst im Herbst 2027, womit Deutschland viel Zeit verlieren würde.
Fall zwei ist von geringerer Tragweite, aber dennoch erstaunlich: Die einst für ihre Nachhaltigkeit gefeierte US-amerikanische Ökomarke Everlane wurde unbestätigten Meldungen zufolge an den chinesischen Billigversender Shein verkauft. „Aus PR-Sicht ist die mögliche Verbindung für Everlane heikel. Die Marke hatte sich jahrelang als Gegenmodell zur Fast-Fashion-Industrie inszeniert“, schreibt Forbes Austria in vornehmer Untertreibung. In einem Artikel von T-Online ist treffender von einem „schmachvollen Deal“ die Rede.
Zum Schluss und kurz vor einem prognostiziert sonnigen Pfingstwochenende schnell noch zwei Ernährungstrends: Die Deutschen trinken über alle Generationen hinweg weniger Alkohol, und der Boom von Fleischersatz-Produkten ist vorbei.
In diesem Sinne: Ihnen schöne Feiertage mit Limonade & Bratwurst!



