The Walking Dead: Totgesagte im Media-Geschäft 

Medien sind wie das Leben: Es gibt Junge und Alte, Neuanfänge und Untote. Doch wie geht man als Mediaplaner damit um?
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Thomas Koch ist seit über 50 Jahren Mediaplaner, mehrfacher Agenturgründer und berät heute Unternehmen, Medien und Agenturen. Die Werbebranche nennt ihn respektvoll "Mr. Media". (© Clap Bruchhaus & Ingenweyen; Montage: absatzwirtschaft)

Es ist Fronleichnam. Ein katholisches Fest, das die bleibende Gegenwart des Herrn feiert. Es geht offenbar um Nachhaltigkeit – und natürlich um Leichname. Was liegt da näher, als in sich zu gehen und ein paar Untote und diverse Leichname, die Werbung und Media zu verantworten haben, neu zu bewerten?

Es gibt Medien, die sind schon so oft für tot erklärt worden, dass es zum Sport wird, die nächste Sterbeankündigung herbeizusehnen. Kino ist ein gutes Beispiel. Es sollte sterben, als TV in jeden Haushalt einzog. Es starb nicht. Es sollte sterben, als das Internet Filme kostenlos verfügbar machte. Es starb nicht. Gerade stirbt es angeblich wieder. In Wirklichkeit steigen die Besucherzahlen. Die selbsternannten Experten sollten sich besser ein anderes Feld für ihre Verschwörungstheorien suchen.

Ist Print wirklich tot?

Fragt man junge Digitalexperten, die noch nie eine Zeitung in der Hand hielten, schwören sie Stein und Bein, dass Print tot ist. Auf keinen Fall werden Printmedien noch von irgendwelchen Zielgruppen genutzt.

Sagt man ihnen, dass Papierzeitungen von der Hälfte aller Erwachsenen im Lande gelesen werden, und dass jedes Jahr 900 Millionen Zeitschriften verkauft werden, halten sie das für Fake News – oder rechnen es um in Ad Impressions und gehen unbeeindruckt ihres Weges. Dass wir 900 Millionen Mal bares Geld bezahlen, um zu lesen, ist außerhalb ihrer Vorstellungskraft. Sie haben keine Ahnung, dass eine „Brand eins“ zwölf Euro – das ist nur so viel wie zwei Matcha-Latte bei Starbucks – kostet. Sie werden dumm sterben.

Die Liste der Todesfälle wird immer länger

Der nächste, bedauerliche Sterbefall ist Fernsehen. Kein Mensch, so hört man auf den Media-Etagen der Agenturen, guckt mehr Fernsehen. Sie meinen „linear“. Was sie dabei ausblenden, ist der Wandel von linear zu Streaming und Video-on-Demand. Nur die Plattform verändert sich, der Vorgang des „Fernsehens“ bleibt konstant – und zwar in Hinblick auf Reichweite und Relevanz. Aber erklären Sie das jemandem, der beschlossen hat, dass alle klassischen Medien auf dem Sterbebett liegen.

Wer stirbt noch? Ach ja, Radio. „Privatradios kämpfen ums Überleben“ titelt die Presse: Die Privatradios bekommen durch die Konkurrenz der Plattformen immer weniger vom Werbekuchen ab. Dabei sei die Nachfrage gerade junger Hörer groß. Die Medienlandschaft stehe vor dem Umkippen. Ach so, die Menschen hören Radio wie immer, aber die Werber lassen das Medium trotzdem am langen Arm verhungern. Also ähnlich wie schon bei Kino, Print und Fernsehen. Krass.

Nicht alle digitalen Medien werden Zombies

Wie steht es derweil um die jungen, digitalen Medien, die erst kürzlich das Licht der Welt erblickten? Instagram ist gerade 16 Jahre alt und TikTok wurde 2017 eingeführt. Fürwahr Jungspunde, verglichen mit der ersten Zeitung, die 1605 gedruckt wurde: die sagenumwobene „Relation aller Fürnemmen und gedenckwürdigen Historien“.

Den digitalen Medien geht es in Wirklichkeit und bedauerlicherweise viel schlechter als den traditionellen. Denn sie werden von innen heraus zerfressen. Das stelle ich mir sehr unangenehm und bildlich vor wie in der berühmten Chestburster-Szene in „Alien“. Gierige Fraudster haben sich in ihrem Inneren eingenistet und stehlen dort jedes Jahr 165 Milliarden Dollar Werbegelder.

Alternativen zu den untoten Medien

Die Online-Plattformen laufen wie Untote durch die Medienlandschaften. Sie sind: The Walking Dead. Beim Requiem finden sich die größten Werbungtreibenden der Welt ein, angeführt ironischerweise von Adidas und Nike. Die Zombie-Antworten der verzweifelten Werber sind – neben Ad Fraud – fehlerhaftes Targeting, Spots in Überdosis ohne Capping bei YouTube und werben in Brand-unsafen Hass-Umfeldern.

Wer aber die Welt der untoten Medien umgehen, digital werben und trotzdem gesehen werden will und sogar möchte, dass seine Kampagne nachhaltig ist und nachhaltig wirkt, greife zu Open-Web-Angeboten, Digital-Out-of-Home und Digital Audio. Da weiß man immerhin, dass die Kampagne „lebt“.