Beyond AI: Was wird im Marketing 2026 wichtig?

Zum Jahresausklang haben wir renommierte Marketingprofis gefragt: Was wird im Marketing 2026 wichtig, wenn wir die KI bitte einfach mal weglassen? Folge 1: „Belegen oder Klappe halten“ und die Rückkehr ins Zeitalter der Humanität.
Drei Marketingfachleute mit klarer Haltung (v.l.n.r.): Manfred Meindl (scheidender Marketingleiter Vaude), Anja Stolz (CMO R+V Versicherung) und Uli Klenke (Chief Brand Officer Deutsche Telekom).
Drei Marketingfachleute mit klarer Haltung (v.l.n.r.): Manfred Meindl (scheidender Marketingleiter Vaude), Anja Stolz (CMO R+V Versicherung) und Uli Klenke (Chief Brand Officer Deutsche Telekom). (© Hari Pulko, R+V, Telekom, Norbert Ittermann)

Warum ohne KI? Weil es von der US-Zollpolitik über die EmpCo bis hin zum Backlash in der Nachhaltigkeitsregulatorik, vom Fachkräftemangel bis hin zur deutschen Wirtschaftslage, von gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen bis zu Produktinnovationen, von Pricing-Strategien bis zur Wahl von Vertriebs- und Kommunikationswegen so viel mehr Einflussfaktoren auf das strategische Marketing gibt als „nur“ die KI. 

Womit sich die Menschen im Marketing jenseits des technologischen Fortschritts im kommenden Jahr voraussichtlich beschäftigen werden? Lesen Sie hier: 

Manfred Meindl: „Habt Mut zur Kante, zeigt Haltung“

Manfred Meindl ist (zum Jahreswechsel scheidender) Marketingleiter von Vaude. (© Hari Pulko)
Manfred Meindl ist (zum Jahreswechsel scheidender) Marketingleiter von Vaude. (© Hari Pulko)

„Rückgrat statt Weichspüler: Wer jedem gefallen will, ist 2026 irrelevant. Habt Mut zur Kante, zeigt Haltung. 

Belegen oder Klappe halten: Schluss mit grüner Prosa, die EmpCo wird grüne Kommunikation verändern. Jetzt zählen nur noch nackte Fakten aus der Lieferkette und Produktion. 

Reparieren ist das neue Sparen: Langlebigkeit und Reparatur sind die einzige ehrliche Antwort auf die Wirtschaftskrise und ein großartiges Kommunikationsthema, wenn es die Produkte auch hergeben. 

Fans statt Ads: Wenn die eigenen Leute nicht brennen, könnt ihr euch das Media-Budget sparen. 

Mut zur Lücke: Perfektion ist unglaubwürdig. Gebt offen zu, wo es hakt, und bleibt authentisch. Das schafft echtes Vertrauen.“ 


Anja Stolz: „Unser Metier ist der Mensch und Kunde“

Anja Stolz ist CMO der R+V Versicherung. (© R+V)
Anja Stolz ist CMO der R+V Versicherung. (© R+V)

„Aus betriebswirtschaftlicher Sicht ist Marketing seit Beginn des 21. Jahrhunderts das Konzept einer ganzheitlichen, marktorientierten Unternehmensführung zur Befriedigung der Bedürfnisse und Erwartungen von Kunden und anderen Interessengruppen. Punkt! Alles andere ist Operationalisierung. 

Modernes Marketing is about Values – es bedeutet die Ankunft (oder Rückkehr) im Zeitalter der Humanität. 

Im tiefsten Kern geht es bei gutem Marketing um fast vergessene, möglicherweise altmodisch klingende Themen und Werte. Sehr einfach gesagt, geht es darum, Kunden und ihre Erwartungen, ihre Individualität, Motive, Emotionen und Bedarfe gut zu erkennen, relevante Lösungen individuell anbieten zu können, und das immer und immer wieder, um Vertrauen aufzubauen und Kunden zu binden. 

Unser Metier ist der Mensch und Kunde – mit Herkunft und Zukunft. Marketing muss Menschen in Gänze verstehen, als Wesen mit Ratio und Emotio, als Individuen mit Grundbedürfnissen und auch als Teil einer sozialen Gemeinschaft. Marketing muss das Unternehmen mit dem Auge des Kunden betrachten, beginnend vom Wertefundament oder Purpose über die Marktpositionierung und das Angebot bis zur gesamten Kundeninteraktion. 

In einem Marketing 3.0 müssen wir den Kunden somit sich weiterentwickeln lassen zu dem, was er schon immer war: zu einem echten Menschen aus Verstand und Gefühlen, in einer humanen Gesellschaft. Weder reicht die frühere Rolle des Marketings als produktorientierte Absatzwirtschaft, noch die Rolle eines individualistischen Kundenzufriedenstellers. Die Rolle des Marketings heute fokussiert sich ganzheitlich auf den Menschen mit seinen Bedürfnissen und Werten – funktional, emotional, sozial – ja, fast spirituell. Im Zentrum: Werte, Vision und Mission. Teil der Gesellschaft sein, Verantwortung übernehmen als soziales, solidarisches Projekt, nicht nur nehmen, auch etwas zurückgeben. 

Für das Marketing heißt das, Verantwortung zu übernehmen für den Menschen in seinen Facetten – für eine Welt der Grautöne und Ambidextrien, geprägt von Pragmatismus statt Aktionismus, einer Balance zwischen Stabilität, Halt(ung) und Transformation.“ 


Uli Klenke: „Ich glaube weiterhin an Shops“ 

Ulrich Klenke ist Chief Brand Officer der Deutschen Telekom. (© Telekom, Norbert Ittermann)
Ulrich Klenke ist Chief Brand Officer der Deutschen Telekom. (© Telekom, Norbert Ittermann)

„Ich bin gespannt, wie sich die Agentur- und Kreativlandschaft weiterentwickeln wird. Wir brauchen Partner und Innovatoren, die mit uns den entscheidenden Wettbewerbsvorteil entwickeln. Da sehe ich tolle Ansätze in den neuen Operating Models der Netzwerke, aber auch beispielsweise kleine Bewegtbildprofis, die ganz neue kreative Spielräume aufreißen. 

Wir versuchen, Journeys immer mehr im eigenen Ecosystem abzubilden, on-/offline und in den Digitalerlebnissen. Das bildet Vertrauen und erfordert eine neue Lesart für Multichannel-Systeme. Ich glaube weiterhin an Shops, aber in anderer Ausprägung und Funktion. 

Out of Home und reichweitenstarke Sponsorships erleben eine mediale Renaissance. Zum einen, weil sie eben im realen Leben der Menschen unvermeidbare Kontaktpunkte in kalkulierbarer Dosis sind, und zum anderen, weil sie einen anderen emotionalen Zugang ermöglichen – wenn man die Aktivierung markenfördernd umsetzt.“ 

(vh, Jahrgang 1968) schreibt seit 1995 über Marketing. Was das Wunderbare an ihrem Beruf ist? „Freie Journalistin mit Fokus auf Marketing zu sein bedeutet: Es wird niemals langweilig. Es macht enorm viel Spaß. Und ich lerne zig kluge Menschen kennen.“