Kaufentscheidungen – die Karten werden neu gemischt

Die Customer Journey wird online zum Auslaufmodell. Künstliche Intelligenz mischt die Karten für Kaufentscheidungen neu. Wer sich nicht anpasst, spielt nicht mehr mit.
Karsten Zunke hat die Marketing-Tech-Welt genau im Blick, vom MarTech-Maschinenraum bis zu kreativ umgesetzten Kampagnen.
Karsten Zunke hat die Marketing-Tech-Welt genau im Blick, vom MarTech-Maschinenraum bis zu kreativ umgesetzten Kampagnen. (© privat; Montage: Katharina Höhner)

Wann haben Sie zum letzten Mal eine klassische Suchmaschine benutzt? Sie wissen es nicht mehr genau? Dann geht es Ihnen wie mir. Statt Schlüsselwörter-Stakkato in einen Suchschlitz zu tippen, lassen sich mittlerweile mit Google im KI-Modus echte Gespräche führen. Eine Errungenschaft, die ich persönlich nicht mehr missen möchte – und eine mit sehr weitreichenden Folgen. Das wird immer klarer.

Jahrzehntelang galt der Marketing-Funnel als verlässliches Erklärmodell für Kaufentscheidungen. Aufmerksamkeit erzeugen, Interesse wecken, Optionen vergleichen, Kauf auslösen – Schritt für Schritt sollten Konsumenten entlang der Customer Journey geführt werden. Nicht nur der aktuelle „Beyond the Funnel“-Report der Agenturgruppe dentsu zeigt es deutlich: Kaufentscheidungen entstehen immer seltener entlang einer linearen Reise. Stattdessen übernehmen KI-Systeme eine zentrale Rolle bei der Auswahl, Bewertung und Priorisierung von Informationen. Aus der ursprünglich angedachten Kundenreise durch die Weiten des Internets wird ein Verkaufsgespräch an einem Ort – mit einer sehr hohen Abschlusswahrscheinlichkeit, denn eine KI begreift den Sinn hinter den Sätzen. Sie versteht auch vage Beschreibungen wie „ich suche etwas Elegantes für ein Sommerfest“. Auch analysieren die Systeme die Vorlieben der potenziellen Käufer direkt während des Chats – und passen die Vorschläge sofort an die Reaktionen an. Wozu sollten Kunden also noch durchs Netz streifen?

Gleiches Geld, andere Taschen

Viele Marktteilnehmer an den Touchpoints werden künftig das Nachsehen haben: Vom Qualitäts-Publisher, der seine digitalen Flächen für große Branding-Kampagnen vermarktet über performance-getriebene Affiliate-Partner, die Informationen nutzwertig bündeln und so hoffen, auch ein Stück vom Werbekuchen abzubekommen bis hin zu den Markenwebsites und den Online-Shops, die es nun nicht länger in der eigenen Hand haben, ihre Kundenströme zu lenken. Die KI übernimmt das Ruder und entscheidet, welches Produkt zu wem passt und verteilt den Bedarf auf passende Händler.

Dieses Spiel zu ignorieren, kann teuer werden. Marken müssen die neuen Realitäten anerkennen und sich beim neuen Gatekeeper KI beliebt machen: Mit einer FAQ-Sprache, wie KI sie mag, möglichst vielen Bullet-Points und umfangreichen Informationssammlungen, die eher den Wissenshunger der KI stillen als den Nutzern tatsächlich weiterhelfen. Der Lohn dieser Unterwerfung: Die KI wird eine Marke eventuell als relevant einstufen – vorausgesetzt, dass sie auch in Foren, in der Fachpresse (sofern noch vorhanden) und als Studien-Quelle häufig genug in Erscheinung tritt.

Sicher ist: Kunden werden auch künftig digital Produkte kaufen. Doch der Kaufentscheidung-Prozess wird von künstlichen Marktteilnehmern neu definiert und Budgetströme neu geordnet. Die Customer Journey wie wir sie kannten, wird im Internet schon bald Vergangenheit sein.

Schon gehört?

Das Publikum der Fußball WM besteht zu großen Teilen nicht aus klassischen Fußballfans. 32 Prozent sind so genannte Casual Fans, die normalerweise wenig mit Sport anfangen können. Das hat die „Sports Moments“ Studie von Teads ergeben. Neben den offensichtlichen Kategorien wie Sportswear und Food & Beverage profitieren demnach auch Branchen, die man nicht sofort mit der WM verbindet – beispielsweise werden auch Automobil, Technologie und selbst Pharma bei der WM stärker wahrgenommen als bei anderen großen Sportevents.

Eine eher schlechte Wahrnehmung erfährt momentan Euro-Office – die angedachte europäische Open-Source-Alternative zu Microsoft 365 und Google Workspace. Laut einem Bericht von Golem startet die Version 1.0 mit Kritik – insbesondere wird das Dateiformat kritisiert. Es wurde von Microsoft entwickelt und soll nur „pseudo-offen“ sein. Auch das Marketing steht in der Kritik. Man habe damit geworben, dass es sich um das erste in Europa entwickelte Open-Source-Office handele. Tatsächlich wurde die erste Open-Source-Lösung aber bereits vor 26 Jahren entwickelt.

Übrigens: Falls Sie zufällig in New York eine Wohnung besitzen, können Sie diese kostenfrei putzen lassen. Das Startup MicroAGI bietet über die App Shift kostenlose Wohnungsreinigungen an. Während der Reinigung wird die Arbeit aus der Ich-Perspektive mithilfe einer Kopfkamera aufgezeichnet, um die gewonnenen Daten anschließend an KI-Labore zu verkaufen, die sie für KI- und Roboter-Trainings verwenden. Und Achtung: London, Zürich und München sollen folgen.

Zum Abschluss noch ein Wort in eigener Sache: Ebenso wie manche Customer Journey abrupt endet, endet auch dieser Tech Tuesday der absatzwirtschaft. Es war der letzte seiner Art. Vielen Dank an Sie liebe Leserinnen und Leser – auch für das spannende Feedback, das mich immer wieder über verschiedene Kanäle erreicht hat. Ich hoffe, wir lesen uns an anderer Stelle wieder.

In diesem Sinne. Bleiben Sie inspiriert!

(kaz) ist Fachjournalist für digitales Marketing. Seit Mitte der Nullerjahre begleitet er mit seinen Artikeln die rasanten Entwicklungen der Online-Werbebranche. Der Maschinenraum der Marketing-Technologien fasziniert ihn dabei ebenso wie kreativ umgesetzte Kampagnen. Der freie Autor lebt und arbeitet in Berlin.