Anfangs schien die Sache klar: OpenAI hatte mit ChatGPT das Ende der Ära Google eingeläutet. Experten waren sich einig, dass die klassische Websuche und damit das milliardenschwere Anzeigenmodell der Alphabet-Tochter vor dem Aus stünden. Doch wer Google bereits abgeschrieben hatte, hat die Rechnung ohne die enorme Anpassungsfähigkeit des Tech-Giganten gemacht. Google hat den Spieß längst umgedreht: Mit den KI-Übersichten wurde die Suche nicht nur radikal modernisiert, sondern das Monetarisierungsmodell direkt mit in das neue Zeitalter transformiert.
Und die Reise geht weiter: Anstatt die Suche nur informativ zu gestalten, verschmelzen nun Information und Kommerz stärker denn je. Durch die kürzlich von Google angekündigte Integration von direkten Shopping-Möglichkeiten in den Gemini-Chatbot und in den KI-Modus der Suche wird deutlich, dass Künstliche Intelligenz kein Ende der Monetarisierung bedeutet, sondern das Shopping auf den Kopf stellt. Den Start machen in den USA Walmart und Sam’s Club. Der Checkout soll via Google Pay und künftig auch mit Apple Pay möglich sein. Dieser Vorstoß ist eine scharfe Antwort auf das Shopping-Feature von OpenAI.
Während Google den KI-Kurs auf allen Ebenen mit Hochdruck monetarisiert, wird auch OpenAI zu neuen Erlösquellen getrieben. Wenige Tage nach der Ankündigung der KI-Shopping-Funktionen durch Google steigt OpenAI in die Werbevermarktung ein. In ChatGPT sollen künftig Anzeigen in der kostenfreien Version und in dem parallel angekündigten vergünstigten 8-Dollar-Tarif ausgespielt werden. Auch Perplexity vermarktet erste Inhalte in den USA bereits über Werbung.
KI macht Kasse, Europa schaut zu
Damit wird deutlich: Wer künftig sichtbar sein will, muss zahlen – und zwar in die Kassen von US-Plattformen. Europäische Tech-Anbieter dürfen zuschauen. Marken, die für ihr Werbebudget Alternativen im Open Web suchen, finden zunehmend weniger Platz. Mit jedem neuen Walled Garden schrumpft das freie Werbe-Internet weiter.
Doch woher sollen eigentlich die Werbebudgets für diese neuen Umfelder kommen? Aktivieren Marken neue Töpfe? Oder wird an anderer Stelle gespart – etwa bei Kreation, Produktion oder Media im Open Web? Die Frage ist nicht trivial, denn gleichzeitig wächst der Effizienzdruck. Viele Marketer kalkulieren ohnehin schon knapp. KI soll helfen, Content schneller und günstiger zu erzeugen. Doch wenn auf der Media-Seite gleichzeitig neue Budgetbedarfe entstehen, dürften selbst große Marken ins Grübeln geraten. Doch die Frage ist nicht mehr, ob man in die Walled Gardens gehen muss, sondern wie tief.
Für europäische Werbetreibende ist das eine unbequeme Wahrheit: Jedes KI-System aus den USA, das Monetarisierung erlaubt, verschärft gleichzeitig ihre Abhängigkeit von US-Technologie. Wer die Zielgruppen hat, bestimmt die Werbepreise. Ein Dilemma, für das dringend Antworten gefunden werden müssen.
Schon gehört?
Künstliche Intelligenz flutet die Mobile-Gaming-Marketingkanäle und erhöht die Kosten für Sichtbarkeit. Laut dem „State of Gaming Report 2026“ von AppsFlyer führte der verstärkte Einsatz von KI bei der Werbeproduktion im Jahr 2025 zu einem deutlichen Anstieg der Werbung auf iOS und Android. Vor allem große Anbieter produzierten demnach pro Quartal zwischen 2.400 und 2.600 Varianten ihrer Werbemittel. Gleichzeitig stiegen die Ad-Impressions um 20 Prozent. Somit konkurrierten immer mehr Anzeigen um die Aufmerksamkeit derselben potenziellen Spielerschaft. Gleichzeitig haben Publisher mit Hauptsitz in China ihren Einfluss auf den internationalen Mobile-Gaming-Markt beträchtlich ausgebaut: Allein in Deutschland wuchs ihr Anteil am Akquisebudget im Jahresvergleich um 31 Prozent.
Dass KI-generierte Werbemittel von den Konsumenten super angenommen werden, ist allerdings ein Missverständnis. Laut einer aktuellen Studie des Interactive Advertising Bureau (IAB) glauben 82 Prozent der Werbeverantwortlichen, dass die Gen Z und die Millennials KI-generierte Werbung positiv bewerten. Tatsächlich teilen jedoch nur 45 Prozent dieser Konsumenten diese Ansicht. Diese Diskrepanz in der Wahrnehmung hat den IAB als internationalen Branchenverband der digitalen Werbeindustrie dazu veranlasst, einen KI-Transparenz- und Offenlegungsrahmen zu veröffentlichen. Das Rahmenwerk fordert Werbetreibende auf, verbraucherorientierte Kennzeichnungen für KI-Inhalte vorzunehmen, unter anderem für Bilder und Videos, die durch Prompts generiert werden, um reale Ereignisse darzustellen.
Übrigens: Nicht nur KI flutet die Kanäle, auch die gute alte E-Mail läuft zu Hochform auf. Laut Bitkom landen täglich 53 Mails in geschäftlichen E-Mail-Postfächern. Vor zwei Jahren waren es noch durchschnittlich 40 Mails am Tag – und 2021 nur 26. Wer in dieser Informationsflut mit einer B2B-Werbemail auffallen möchte, sollte sich Besonderes einfallen lassen – aber hoffentlich keine KI-generierte Werbung.
In diesem Sinne. Bleiben Sie inspiriert!

