Der frühe Vogel kontrolliert den KI-Markt

Google drückt aufs Gas. Auf der diesjährigen „Google Marketing Live“ zeigte der Konzern, wie grundlegend KI künftig Werbung, Suche und Kampagnensteuerung verändern wird. Der Rest der Welt darf zuschauen und staunen.
Karsten Zunke hat die Marketing-Tech-Welt genau im Blick, vom MarTech-Maschinenraum bis zu kreativ umgesetzten Kampagnen.
Karsten Zunke hat die Marketing-Tech-Welt genau im Blick, vom MarTech-Maschinenraum bis zu kreativ umgesetzten Kampagnen. (© privat; Montage: Katharina Höhner)

Was Google auf seinem „Marketing Live 2026“-Event vorgestellt hat, hat durchaus Disruptionspotenzial für die Marketingbranche: Suchanzeigen werden automatisierter, KI übernimmt immer mehr Entscheidungen, und das Marketing wird endgültig zum Technologie-Game. Darüber hinaus hat der Konzern zahlreiche KI-Anzeigen für die Google-Suche eingeführt.

Während im Open Web noch mit Standards gehadert wird, definiert Google die Spielregeln in seinem Universum neu. Spielregeln, die Advertiser schon aufgrund der Marktmacht des Online-Riesen nicht ignorieren können – und nicht ignorieren dürfen, denn im digitalen Marketing gewinnt selten der Vorsichtigste. Gewinnen werden diejenigen, die früher lernen als alle anderen. Um Erfahrungswerte zu sammeln, muss das Marketing daher kreative Ideen und Geschwindigkeit mit konsequentem Testing koppeln. Das Motto der Erfolgreichen lautet: testen, lernen, optimieren, wiederholen.

Wer Angst vor Fehlern hat, wird Mittelmaß

Das beste Beispiel dafür liefert Elon Musk. SpaceX hat in seiner Anfangszeit viele Raketen gestartet, die spektakulär explodierten – immer wieder. Viele Leute hielten (und halten) Musk für größenwahnsinnig. Doch während andere Unternehmen Risiken minimierten, sammelte SpaceX reale Daten und Erfahrungen unter Hochdruck. Heute dominiert das Unternehmen die private Raumfahrtindustrie. Und am 12. Juni 2026 folgt an der Nasdaq der wohl größte Börsengang der Geschichte.

Genau darin liegt der Unterschied zwischen Early Adoptern und den sogenannten Fast Followern oder „Second Best“. Die Pioniere besitzen einen massiven Vorsprung auf der Erfahrungskurve. Sie haben Fehler bereits gemacht, Prozesse optimiert, Kunden verstanden und Daten gesammelt. Nachzügler dagegen müssen teuer aufholen. Das Problem dabei: Wer zu spät in einen Markt eintritt, landet schnell in der Commodity-Falle. Die Technologie ist dann etabliert, der Wettbewerb brutal und die Margen schrumpfen. Gleichzeitig haben die Pioniere ihre Kunden oft längst in Ökosysteme eingebunden – mit Plattformen, Daten und Services, die hohe Wechselkosten erzeugen. Für die Nachzügler bleibt dann häufig nur noch der ruinöse Preiskampf.

Merke: Wer zu spät kommt, kauft sich teuer in einen Markt ein, dessen Regeln andere längst geschrieben haben. Der frühe Vogel fängt deshalb nicht nur den Wurm. Er kontrolliert irgendwann den ganzen Markt.

Schon gehört?

Wer am Schreibtisch arbeitet, darf sich schon in Kürze über eine Entlastung durch KI freuen. Davon geht zumindest Mustafa Suleyman aus. Der KI-Chef von Microsoft rechnet mit 12 bis 18 Monaten, bis die meisten Bürotätigkeiten durch KI automatisiert sein werden. In einem Interview mit der „Financial Times“ nannte er als Beispiele explizit die Büroaufgaben von Buchhaltern, Anwälten, Marketingmitarbeitern und Projektmanagern.

Im Handel hingegen sind vor allem Menschen gefragt. Um den Recruiting-Prozess der Interessenten möglichst effektiv und effizient zu gestalten, werden laut einer aktuellen EHI-Studie aber auch hier immer mehr Technologien eingesetzt. Während datenbasierte Tools und KI in den Zentralen bereits alltäglich genutzt werden, ist die Talentsuche mithilfe digitaler Tools in den Filialen und der Logistik weniger verbreitet. Für die Zukunft erwarten die Personalverantwortlichen, dass KI in der Branche in nahezu allen Bereichen des Recruitings eingesetzt wird.

Apropos Karriere: Der CMO von Klarna, David Sandström, hat sich einen KI-Avatar zugelegt, den Mitarbeitende anrufen können. Wie „Business Insider“ berichtet, hat er ihn so programmiert, dass er immer freundlich ist, um Verzeihung bittet und die Schuld auf sich nimmt. Der Grund: Er wollte das Gejammer in den Meetings nicht mehr hören …

In diesem Sinne: Bleiben Sie inspiriert!

(kaz) ist Fachjournalist für digitales Marketing. Seit Mitte der Nullerjahre begleitet er mit seinen Artikeln die rasanten Entwicklungen der Online-Werbebranche. Der Maschinenraum der Marketing-Technologien fasziniert ihn dabei ebenso wie kreativ umgesetzte Kampagnen. Der freie Autor lebt und arbeitet in Berlin.