Anthropic schreckt die Softwarebranche auf

Mit dem Launch eines neuen Features hat das US-KI-Unternehmen Anthropic die Softwarebranche in helle Aufregung versetzt. Auch das Marketing wird nervös.
Karsten Zunke hat die Marketing-Tech-Welt genau im Blick, vom MarTech-Maschinenraum bis zu kreativ umgesetzten Kampagnen.
Karsten Zunke hat die Marketing-Tech-Welt genau im Blick, vom MarTech-Maschinenraum bis zu kreativ umgesetzten Kampagnen. (© privat; Montage: Katharina Höhner)

Vor wenigen Tagen hat Anthropic neue Plug-Ins für seinen Agenten Claude Cowork veröffentlicht, die Aufgaben in den Bereichen Recht, Vertrieb, Marketing und Datenanalyse automatisieren können. Eine Veröffentlichung, die hohe Wellen schlägt. Die Befürchtung: Statt teure Business-Software für die unterschiedlichen Zwecke von etablierten Anbietern einzukaufen, könnte sich künftig jedes Unternehmen die benötigten Anwendungen selbst „prompten“ – inhouse und ohne Abhängigkeit von externen Software-Herstellern. Und schon steht die große Frage im Raum: Hat Software künftig überhaupt noch eine Daseinsberechtigung?  

An den Börsen stürzten die Kurse von Business-Software-Aktien weltweit ab, die Aktien großer Werbeagenturen kamen ebenfalls unter die Räder, denn auch das Planen und Managen von Kampagnen kann künftig der KI-Agent von Claude übernehmen. 

Die KI-Lobby indes bemüht sich, zu beschwichtigen. Nvidia-Chef Jensen Huang sagte vergangene Woche auf dem Cisco AI Summit, ein humanoider Roboter mit Künstlicher Intelligenz werde Werkzeuge nicht neu erfinden, sondern jene benutzen, die bereits vorhanden sind. Und auch in der digitalen Version werde Künstliche Intelligenz Tools nicht neu erfinden, sondern auf die vorhandenen Lösungen zurückgreifen – sagt Huang. Andere sind anderer Meinung. 

Anthropic macht Werbung zum Thema – und schließt sie auf seiner Plattform aus 

Auch in Sachen Werbung gab es von Anthropic – das bisher im gesamten KI-Hype eher unscheinbar agierte – eine ungewöhnlich klare Ansage und zugleich einen kräftigen Seitenhieb auf Wettbewerber OpenAI: „Es gibt viele gute Orte für Werbung. Ein Gespräch mit Claude gehört nicht dazu“, verkündete das Unternehmen auf seiner Website.  

„Claude bleibt werbefrei. Unsere Nutzer sehen keine „gesponserten“ Links neben ihren Konversationen mit Claude; auch werden Claudes Antworten nicht von Werbetreibenden beeinflusst oder enthalten Produktplatzierungen von Drittanbietern, die unsere Nutzer nicht angefordert haben.“ Das ist ein Statement! 

Sam Altman reagiert auf Anthropic-Werbespot 

Gleichzeitig nahm Anthropic in seinem ersten Super-Bowl-Werbespot am vergangenen Sonntag Wettbewerber ChatGPT direkt auf die Schippe.  

YouTube

Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube.
Mehr erfahren

Video laden

Der Werbespot parodiert, wie nervig Werbung in KI-Gesprächen sein kann und zeigt, wie ein hilfreiches KI-Gespräch plötzlich in einen plumpen Werbe-Pitch umschlägt – genau das, was mancher bei ChatGPT befürchtet, wenn Werbeanzeigen ins Spiel kommen.  

In einem Beitrag auf X sagte OpenAI-CEO Sam Altman über die Anzeigen von Anthropic: „Sie sind lustig, und ich habe gelacht“, bevor er aber klarstellte: „Wir würden offensichtlich nie Anzeigen in der Art und Weise schalten, wie Anthropic sie darstellt. Wir sind nicht dumm und wir wissen, dass unsere Benutzer dies ablehnen würden.“  

Für Außenstehende drängt sich nun die Frage auf, wie Anthropic die milliardenschweren Investitionen in die KI-Entwicklung langfristig monetarisieren will, wenn nicht über Werbung? Medienberichten zufolge ist ein Börsengang geplant – ebenso wie bei OpenAI. Kurzfristig dürfte das viel Geld in die Kassen der Anbieter spülen. Aber langfristig? Großes Potenzial sieht Anthropic im agentischen Online-Handel, bei dem Claude im Namen der Nutzer einen Kauf oder eine Buchung von Anfang bis Ende abwickelt soll. Muss bald die nächste Branche zittern? 

Schon gehört?  

RTL Zwei hat eine KI-gestützte Kampagne für „Die Geissens – Eine schrecklich glamouröse Familie“ umgesetzt. Die komplette Bildwelt – eine stilisierte, glamouröse Casino-Kulisse, inklusive der Protagonisten – wurde mit kuratierter KI erschaffen. Die Kampagne umfasst Printanzeigen, Google Ads, YouTube Pre-Rolls, Online-Banner, Videoanzeigen, Radiospots sowie TV-Trailer auf RTL Zwei.   

Apropos Werbung: Der Streamingdienstanbieter Netflix hat im vergangenen Jahr 1,5 Milliarden US-Dollar mit Werbung verdient und geht davon aus, dass sich diese Summe in diesem Jahr nochmals verdoppeln wird – auf 3 Milliarden US-Dollar. Kurz zur Einordnung: Netflix ist erst seit drei Jahren im Werbegeschäft aktiv. 

Eher schleppend verläuft die Entwicklung hingegen im Voice Commerce, also dem sprachgesteuertem Shopping. Doch das könnte sich jetzt ändern. Amazon hat seine Sprachassistentin Alexa mit Künstlicher Intelligenz aufgeschlaut. Sie ist nun unter dem upgegradeten Namen „Alexa+“ am Start. Laut Amazon ist sie intelligenter, dialogorientierter und personalisierter als ihre Vorgängerin und kann eine Vielzahl von Aufgaben erledigen. Zunächst ist sie allerdings nur in den USA verfügbar. Man darf gespannt sein, ob dem Voice Commerce dank KI nun der Durchbruch gelingt. 

Übrigens: Wer noch glaubt, Künstliche Intelligenz werde die Welt schon nicht auf den Kopf stellen, sollte mal bei moltbook vorbeischauen. Es ist das erste soziale Netzwerk für KI-Agenten, die dort Inhalte posten und sich austauschen können. 740.000 Beiträge wurden laut Anbieter bereits veröffentlicht, mehr als 12 Millionen Kommentare hinterlassen, 2,2 Millionen KI-Agenten sind registriert. Aber entgegen ersten Gerüchten tauschen sich die Bots (bisher) nicht autonom aus. Wie der MIT Technology Review berichtet, folgen die KI-Agenten auf der Plattform menschlichen Anweisungen.

In diesem Sinne. Bleiben Sie inspiriert! 

(kaz) ist Fachjournalist für digitales Marketing. Seit Mitte der Nullerjahre begleitet er mit seinen Artikeln die rasanten Entwicklungen der Online-Werbebranche. Der Maschinenraum der Marketing-Technologien fasziniert ihn dabei ebenso wie kreativ umgesetzte Kampagnen. Der freie Autor lebt und arbeitet in Berlin.