Effizient in die Irre: Der Reality Gap im Marketing  

Wir planen Strategien in Endlosschleifen – und verfehlen operativ trotzdem die Realität. Wenn KI dieses Chaos nun noch beschleunigt, wird es teuer. Warum wir aufhören müssen, Strategie zu planen, und anfangen müssen, sie zu steuern.
Flo Felter ist Gründer und CEO des Tech-Start-ups Cosmos.
Flo Felter ist Gründer und CEO des Tech-Start-ups Cosmos. (© Cosmos, Montage: Wolfram Esser)

Die aktuelle Bitkom-Studie zur Start-up-Stimmung macht den Druck im Markt mehr als deutlich: Jedes elfte Tech-Start-up fürchtet die Pleite. Investoren schauen strenger denn je auf „Capital Efficiency“. Und was machen wir? Wir versammeln uns in Konferenzräumen, definieren ambitionierte Jahresziele und gießen diese in Hochglanzpräsentationen. Doch was passiert danach? Die operative Ausführung beginnt – allerdings oft erst Wochen später, mit nur noch halbem Kontext und basierend auf Annahmen, die vom Markt längst überholt wurden. Jede Strategie, so scheint es, stirbt in exakt dem Moment, in dem sie das Slide-Deck verlässt.

Diesen strukturellen Defekt nenne ich den „Reality Gap“. Er führt dazu, dass Marketingteams heute zwar unfassbar effizient arbeiten – aber am Ende oft an den falschen Dingen.

Die Effizienz-Illusion

Beim Betrachten heutiger Marketingstrukturen drängt sich mir unweigerlich eine Frage auf: Haben wir es aufgegeben? Wir rüsten technologisch massiv auf. Wir tracken OKRs, bauen Dashboards und optimieren Projekte, als gälte es, jede noch so kleine operative Regung zu vermessen. Doch diese Tools beantworten letztlich alle nur eine retrospektive Frage: „Haben wir getan, was wir geplant haben?“ Die eigentliche, viel wichtigere Frage bleibt auf der Strecke: „Mit Blick auf das, was gerade im Markt passiert – tun wir eigentlich noch die richtigen Dinge?“

Das Problem ist kein mangelnder Einsatz, es ist fehlende Infrastruktur. Wenn wir bei Cosmos die Struktur von modernen Organisationen analysieren, sehen wir das Ausmaß dieser strategischen Verblendung in harten Zahlen: Führungskräfte verbringen heute 30 bis 50 Prozent ihrer Zeit mit reinem Alignment-Overhead. Entscheidungen fallen 20 bis 60 Prozent zu spät, weil der strategische Kontext in Silos versickert. Die Folge? Bis zu 35 Prozent des Kapitals fließen in „Low-Impact Work“, also Initiativen, die kein einziges strategisches Ziel mehr bewegen. Man sieht das und fragt sich: Geht’s noch?!

KI als Brandbeschleuniger

Und als wäre das nicht alles schon ineffizient genug, feiern wir gerade die Künstliche Intelligenz als Heilsbringer, der dieses Chaos nun endgültig lösen soll. Doch ein KI-Agent ist immer nur so gut wie sein Kontext. Wenn wir einer KI veraltete Annahmen oder statische Strategie-Dokumente als Futter hinwerfen, beschleunigt sie lediglich die Ausführung in die falsche Richtung. Schneller, zweifellos – aber eben zielsicher am Ziel vorbei. Ohne einen lebendigen, stets aktuellen strategischen Kontext wird KI nicht zur Wunderwaffe, sondern zum Brandbeschleuniger für blinden Aktionismus.

Weniger Gleichgültigkeit, mehr Steuerung

Wie kommen CMOs aus dieser Falle heraus? Weniger Gleichgültigkeit gegenüber der eigenen Systematik wäre ein Anfang. Wir müssen aufhören, Strategie als ein statisches Dokument zu betrachten, das man einmal plant und dann sequenziell abarbeitet. Zwischen Plan und Realität liegt immer Zeit – und in dieser Zeit verbrennt genau jenes Kapital, das Investoren gerade so vehement einfordern.

Strategie muss ein lebendiges System werden, in dem Planung und Ausführung gleichzeitig stattfinden. Wenn sich die Marktrealität ändert, muss sich die Handlungsgrundlage im selben Moment anpassen – sichtbar für jede Rolle, in Echtzeit. Nur wenn wir diese strukturelle Lücke dauerhaft schließen, gewinnen wir die strategische Klarheit zurück.

Die Frage lautet also nicht länger, wie wir unsere Effizienz weiter steigern. Sie lautet: Wie stellen wir sicher, dass unsere Strategie niemals den Kontakt zur Realität verliert?