Die Effektivitäts-Lüge 

Dieser Fokus auf KI-gesteuerte Massenkommunikation erzeugt eine Flut an perfekt optimiertem, aber seelenlosem Content. Warum uns die Jagd nach Effizienz blind für das Wesentliche macht.
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Liane Siebenhaar ist Chief Effectiveness Officer DACH und Sprecherin der Geschäftsführung bei Scholz & Friends Hamburg. (© Jaeger, Montage: absatzwirtschaft)

Der Elefant im Raum: In einer Marketingwelt, die von Transformation besessen ist, droht die Branche, sich in die Bedeutungslosigkeit zu transformieren. Wir feiern jeden Effizienzgewinn durch KI, doch unsere Analyse der erfolgreichsten deutschen Marken zeigt: Wir optimieren am eigentlichen Erfolgstreiber vorbei. Es ist Zeit, den Kurs zu korrigieren.  

Unsere aktuelle Brand-Equity-Analyse der Effie-Gewinner 2022 bis 2024 zeigt: Der Mythos der Relevanz als „heiligem Gral“ im Marketing ist überholt. Während alle guten Marken relevant sind, katapultiert ein Faktor die Gold-Gewinner in eine eigene Liga: ein um 1,45 Mal höherer Differenzierungsscore. Sie sind nicht nur besser, sondern auch anders – und zwar messbar. Die Attribute, die diesen Vorsprung treiben, sind „wegweisend“, „originell“ und „trendy“. Erfolg ist das Ergebnis radikaler, wahrgenommener Andersartigkeit. 

KI generiert den perfekten Durchschnitt 

Gleichzeitig tappen wir in die Effizienzfalle: KI kann ein brillanter Co-Pilot für Kreativität sein, doch die Realität sieht oft anders aus. Im Kalkül der Effizienz wird sie häufig zum Generator des perfekten Durchschnitts degradiert, der aus Vergangenheitsdaten die statistisch sicherste, aber eben auch am meisten erwartbare Antwort errechnet.  

Dieser Fokus auf KI-gesteuerte Massenkommunikation erzeugt eine Flut an perfekt optimiertem, aber seelenlosem Content. Das ist fatal, denn Metaanalysen, zum Beispiel von System1, zeigen: Kampagnen, die keine Emotionen auslösen, haben einen um 40 Prozent geringeren Return on Investment. Wir optimieren uns also systematisch in eine Zone geringerer Effektivität. Jeder Euro, der in Gleichförmigkeit investiert wird, ist ein Euro mit 40 Prozent weniger Wirkungspotenzial.  

Keine Frage der Tools, sondern des Mutes 

Wahre Transformation ist daher keine Frage der Tools, sondern des Mutes und der strategischen Entscheidungskraft. Und die Zukunft gehört nicht den „Effizienz-Junkies“, sondern den Architektinnen und Architekten der Differenzierung. Es geht nicht darum, die besseren Prompts zu schreiben, sondern mutigere Markenentscheidungen zu treffen. Sie machen eine Marke einzigartig und begehrenswert, sei es durch die Flucht ins „imperfect Echte“, den kreativen Irrsinn oder die radikale Nützlichkeit. Es braucht eine bewusste, strategische Entscheidung für Differenzierung und Einzigartigkeit.  

Denn in einer Welt des Überangebots gewinnt nicht der Lauteste, sondern der Entschiedenste. Die zentrale Aufgabe des modernen Marketings besteht nicht darin, Transformation zu verwalten, sondern Differenzierung zu gestalten. Alles andere ist ein teurer Umweg in die Unsichtbarkeit. 

*Die Autorin ist seit 2020 Juryvorsitzende der Effie Awards Germany. 

Liane Siebenhaar war bis Januar 2026 Chief Effectiveness Officer DACH und Sprecherin der Geschäftsführung bei Scholz & Friends Hamburg. Sie ist seit 2020 Juryvorsitzende des Effie Germany. Unsere monatliche GWA-Kolumne schreibt sie im Wechsel mit Larissa Pohl und Nina Haller.