Marketing 2026: KI-Agenten und Lagerfeuer  

Marketing steckt in der Effizienzfalle und optimiert sich ins Leere. Die einzige Rettung: die radikale Rückkehr zur menschlichen Relevanz.
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Keine Angst vor Tech: Nina Haller blickt hinter die Kulissen von CX & MarTech. (© privat, Montage: absatzwirtschaft)

Hand aufs Herz: Marketing fühlt sich oft an wie Zuspätkommen zu einer Party, die in vollem Gange ist. Man hat das Gefühl, immer ein kleines bisschen zu spät zu sein. Wie bei der Deutschen Bahn, nur dass der nächste Trend garantiert keine Verspätung hat. Kaum glauben wir, TikTok verstanden zu haben, dominieren schon KI-Agenten die Diskussion. Wir investieren Rekordsummen in digitale Kanäle, doch die Wirkung fühlt sich dünner an als je zuvor. Wenn wir also auf 2026 blicken, lautet die entscheidende Frage nicht, welchem Hype wir hinterherjagen, sondern welche fundamentalen Kräfte unser Handeln bestimmen.  

Zwei gewaltige Kräfte werden das kommende Jahr prägen. Auf der einen Seite steht die Renaissance des Menschlichen. Wir sehen es überall: Menschen fliehen vor lauten Feeds in Communities, weil sie Zugehörigkeit suchen. Die Rückkehr des Buches, angetrieben von einem Phänomen wie #BookTok, zeigt die Sehnsucht nach Substanz. Und die strategische Bedeutung von Events explodiert, weil echte Begegnung mehr Content und Emotionen erzeugt als jede Ad-Kampagne. Auf YouTube gewinnt das tiefgründige Querformat an strategischer Bedeutung gegenüber dem flüchtigen Hochformat. All das sind Signale der Zielgruppe, die nach echten Lagerfeuern sucht, nicht nach weiterem digitalen Lärm.  

Maschinen so füttern, dass sie Marken positiv erwähnen 

Auf der anderen Seite steht der Vormarsch der Maschinen. Die Prognosen für die nahe Zukunft sind radikal und keine Science-Fiction. Bis 2027 könnte die klassische Web-Nutzung um ein Viertel sinken, weil KI-Agenten für uns suchen und interagieren. Schon 2026 wird voraussichtlich ein Drittel allen Contents primär für diese Agenten gemacht. Unsere Aufgabe wird es sein, Maschinen so zu füttern, dass sie uns bei den Menschen positiv erwähnen: Willkommen bei Generative AI Optimization (GAIO).  

Hier liegt die große Falle für 2026: Wer sich nur auf eine dieser Welten konzentriert, verliert. Wer nur auf menschliche Lagerfeuer setzt, wird von den KI-Agenten nicht gefunden. Wer nur für Maschinen optimiert, erzeugt seelenlose Inhalte, die keine Resonanz finden.  

Relevante Geschichte im Zentrum der Strategie 

Die strategische Meisterschaft fürs kommende Jahr liegt nicht in der Wahl zwischen Mensch und Maschine, sondern in der konsequenten Neuausrichtung der Reihenfolge. Hören Sie auf, Strategien auf einer Plattform zu beginnen. Der Startpunkt ist die menschliche Wahrheit, die relevante Geschichte, die bedeutungsvolle Botschaft.  

Erst wenn diese steht, fragen Sie sich: Wie erzählen wir so, dass sie von KI-Agenten verstanden und von Menschen geliebt werden? Wie nutzen wir die Effizienz der Technologie, um menschliche Geschichten zu skalieren, anstatt sie zu ersetzen? 

Budgets fließen zurück ins Offline 

Die provokanteste Prognose, dass 2028 bis zu 70 Prozent der Marketingbudgets wieder ins Offline fließen könnten, ist in meinen Augen nur die logische Konsequenz aus dem Dilemma. Wenn die digitale Welt zum Kampf um Aufmerksamkeit von Algorithmen wird, ist die menschliche Begegnung der ultimative Wert.  

Für das Marketing im Jahr 2026 gilt: Wer seine Strategie allein auf Effizienz ausrichtet, hat keine Strategie. Er hat eine Uhr, die rückwärts tickt. Geben wir dem Marketing wieder eine Seele. Denn nur dann haben wir eine Geschichte, die es wert ist, von Mensch und Maschine weitererzählt zu werden.  

Nina Haller ist eine digitale Strategin und gefragte KI-Expertin, die Technologie, Markenführung und Innovation verbindet. Als Autorin mehrerer Fachpublikationen treibt sie den Diskurs um Künstliche Intelligenz und digitale Innovation voran. Die Geschäftsführerin und Gesellschafterin der Berliner Content-Marketing-Agentur Muehlhausmoers ist außerdem Sprecherin des GWA Forum Technologie und Innovation. Als eine unserer GWA-Kolumnistinnen schreibt sie im Wechsel mit Liane Siebenhaar und Larissa Pohl.