Es geschah mitten im Vortrag. „Und was Unternehmen bestimmt nicht wollen…“, sagte die Referentin und klickte die neue Folie. Zu sehen: ein Foto von Katherina Reiche. Es gab einen kurzen Moment der Verblüffung. Dann reagierte das Publikum mit Gelächter und Gejohle.
Vordergründig war alles nur ein Missverständnis: Das Bild hatte der Illustration dienen sollen; die eigentliche Botschaft stand daneben: Die meisten Unternehmen wollen keine Debatte über eine Verschiebung der Klimaziele. Doch der kleine Vorfall auf dem Sustainable Economy Summit (SES) Ende April in Berlin verrät viel darüber, wie es im Jahr 2026 um die nachhaltige Wirtschaft steht.
Das Verhältnis zwischen Reiche und einem Großteil der grünen Business-Community nähert sich offenbar einem Zustand, der im Familienrecht gern mit dem Begriff „zerrüttet“ umschrieben wird. Obwohl auf dem SES – ein branchenübergreifender Wirtschaftskongress mit fast 500 Teilnehmerinnen und Teilnehmern – über weite Strecken das Thema Energie im Mittelpunkt stand, hatte das zuständige (und angefragte) BMWE nicht einmal ein Grußwort für nötig befunden. Schirmherr war, anders als vor drei Jahren, das Bundesumweltministerium. Reiches Vorgänger Robert Habeck übrigens, inzwischen Senior Analyst bei einem vom dänischen Staat finanzierten Thinktank, war auch vor Ort und wurde gefeiert wie ein Popstar.
Nachhaltigkeit punktet durch langfristigen Erfolg und sinkende Kosten
Eine weitere Erkenntnis: Auch ohne Rückenwind aus dem Wirtschaftsministerium formiert sich die nachhaltig orientierte Wirtschaft neu, mit Selbstbewusstsein und Widerstandsgeist. In einer Zeit, in der die fatalen Folgen einer Abhängigkeit von fossilen Energieträgern in jedermanns Alltag spürbar werden und Unternehmen hohe Kosten beschert, stehen die Zeichen auf Aufbruch. Ein neues Narrativ gibt es auch: Resilienz, Effizienz und Leistungsfähigkeit sind im Krisenjahr 2026 die Argumente, mit denen Nachhaltigkeit punkten kann. „Sustainable competitiveness“ nennt Transformationsforscherin Maja Göpel das.
Sie ist keine graue Theorie, sondern gelebte Praxis. Fast zwei Drittel der Unternehmen sehen Nachhaltigkeit als Treiber des langfristigen Unternehmenserfolgs, ergab eine repräsentative Befragung von Unternehmen mit mehr als 50 Mitarbeitenden. Mehr als 56 Prozent schreiben Nachhaltigkeit eine zentrale Bedeutung für den Wirtschaftsstandort Deutschland zu, ein Plus von zehn Prozent gegenüber der letzten Umfrage im Jahr 2023.
Preissturz bei Batteriespeichern: Finanzexperten sehen Weichenstellung
Kein Geringerer als der amerikanische Finanzdienstleister MSCI, ideologischer Scheuklappen gewiss unverdächtig, weist darauf hin, dass die Kosten für Batteriespeicher in den vergangenen 15 Jahren um 93 Prozent gefallen sind. Damit seien sie so günstig, dass sie „on their own terms“ – also sogar ohne direkte oder indirekte Förderung – im Verbund mit Grünstrom in vielen Branchen eine Alternative zu Öl und Gas darstellten. Für Deutschland meldet der Bundesverband Solarwirtschaft einen Zubau stationärer Batteriespeicher im ersten Quartal um 67 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Zeitgleich wurden Wind- und Solarenergie weltweit mit hohen Zuwachsraten ausgebaut.
Sinkende Kosten für Erneuerbare, massive Unwägbarkeiten bei fossilen Energien – „dieses Momentum bestimmt auch, wohin sich das Kapital orientiert,“ analysieren die MSCI-Finanzexperten in einem Podcast mit dem bemerkenswerten Titel „Is This How Oil Ends?“. Und das langfristig: „Für uns sieht das mehr nach einer strukturellen Weichenstellung aus als nach einer Krisenlösung.“ Die Entscheidungsträger hätten ihre Lektion in Sachen Energiesicherheit gelernt. Katherina Reiche mit ihrer Gasstrategie ist insofern womöglich nicht ganz Up-to-date.
Dämpfer für Verpackungen aus Neuplastik: Ab 2027 gilt das Verursacherprinzip
Doch es gibt auch unter der gegenwärtigen Bundesregierung gute Nachrichten. Vergangene Woche beschloss das Bundeskabinett, die von der EU festgelegte Abgabe auf Verpackungen aus Neuplastik in Höhe von 80 Cent pro Kilo nicht länger aus allgemeinen Haushaltsmitteln zu bezahlen. Stattdessen sollen von 2027 an die Verursacher verantwortlich sein, also Hersteller und Importeure. Ökonomisch durchaus vernünftig, denn höhere Preise veranlassen Unternehmen zur Ausschau nach Alternativen, etwa Rezyklaten.
Der Gesamtverband Kunststoffverarbeitende Industrie (GKV) jedoch bezweifelt eine „positive umweltpolitische Lenkungswirkung“ der Plastikabgabe und konstatiert stattdessen „erhebliche Risiken für die Transformation zur nachhaltigen Kreislaufwirtschaft“. Hallo? Hält man das wirklich eine zukunftsgerichtete Kommunikationsstrategie? Wie wäre es, nicht zuletzt angesichts der Endlichkeit fossiler Rohstoffe, mit einem veränderungswilligen Blick nach Vorn? Gerade im Verpackungsbereich gibt es spannende Innovationen, von essbaren Biokunststoffen bis zum „Debonding on Demand“; neuerdings hilft beim Entwickeln von Recyclingtechnologie auch Künstliche Intelligenz. Vielleicht informiert jemand den GKV von der Existenz der Fraunhofer Institute.
Klimafreundliche Einkaufspolitik durch den Großkunden Staat
Und auch das stimmt optimistisch: Ende April verabschiedete der Bundestag das Vergabebeschleunigungsgesetz. Es ermächtigt die Bundesregierung zu einer Verordnung, die den Großkunden Staat zum klimafreundlichen Einkauf von Grundstoffen verpflichtet – grüner Stahl, CO2-reduzierter Zement, zirkuläre Dämmmaterialien. Ziel sei der Aufbau grüner Leitmärkte mit so viel Nachfrage, dass Produzenten eine Skalierung mit entsprechenden Preisvorteilen gelinge, erklärt Benjamin Raschke von der Berliner Stiftung KlimaWirtschaft. So hätte umweltfreundliche Beschaffung eine Chance, sich als Regel und nicht als Ausnahme zu etablieren.
Verantwortlich für die Umsetzung allerdings ist – Katherina Reiche. Aber man sollte die Hoffnung nie aufgeben. Vielleicht zeigt die Ministerin, dass sie auch anders kann.
Eine gute Woche noch, und behalten Sie die Zukunft im Blick!


