Ostern mit seiner optimistischen Botschaft von Hoffnung und Neubeginn liegt hinter uns – Zeit, wieder den traurigen Tatsachen ins Auge zu sehen? Oh, da gibt es einige, auch und gerade die grüne Transformation betreffend. Die Meldung etwa, dass die US-Regierung dem französischen Energiekonzern Total Energies fast eine Milliarde Dollar zahlt, damit dieser Pläne für Windparks vor den Küsten der Bundesstaaten New York und North Carolina ad acta legt. Was passiert mit dem Geld? Total wird es in Öl- und Gasprojekte investieren, vor allem in Texas.
Die Entscheidung diene einem „effizienteren Kapitaleinsatz“; Offshore-Windprojekte seien in den USA derzeit nicht willkommen („not in the country’s interest“), rechtfertigte sich Total-Chef Patrick Pouyanné. Man ahnt das Drohpotenzial, das die Regierung Trump hinter den Kulissen entfaltet haben muss. Ganze drei Tage später veröffentlichte der Konzern seinen „Sustainability & Climate Progress Report“ und lobte sich für die Reduzierung von Treibhausgasen: „Committed to the Energy Transition“. Jede Glaubwürdigkeit ist dahin. Kommunikativ ein Desaster.
Aus für Rezyklat-Plattform Cirplus – aber Gründer Schiller macht weiter
Während der unsägliche Deal auch in der deutschen Presse Schlagzeilen machte, blieb eine andere schlechte Nachricht unter dem Radar: Cirplus, die größte europäische Plattform für den Handel mit Kunststoff-Rezyklaten, ist in Liquidation. Das ist besonders bitter, weil das Unternehmen, 2018 gegründet von Christian Schiller, ein echter Überlebenskünstler war, der einen überraschenden Rückzug des Lead Investors ausglich und sogar eine eigene DIN-Norm zur Qualitätssicherung von Rezyklaten kreierte, die europäischer Standard wurde. Zu Spitzenzeiten seien zwei Millionen Tonnen Material aus über 70 Ländern digital feilgeboten worden, schreibt der CEO in einem wehmütigen Post auf LinkedIn. Über die Hintergründe der Liquidation schweigt er sich – noch? – aus.
Immerhin ist das Aus für Cirplus nicht gleichbedeutend mit einem Ende des Engagements Schillers: „I’ll be back“, verspricht er. Womöglich trifft man ihn auf dem Sustainable Economy Summit in Berlin, wo es nicht zuletzt darum gehen wird, wie zirkuläre Geschäftsmodelle den Sprung in die industrielle Breite schaffen. „Leiden sind Lehren“, wusste schon der griechische Dichter Äsop.
„Make Planet Earth Great Again“: Spanisches Modelabel foppt MAGA

Und damit weg vom Trübsal hin zu der Zuversicht, die Sie vom Green Wednesday gewöhnt sind. April ist Earth Month, ein Ableger des bereits seit 1970 propagierten Earth Day, der zum Schutz der Umwelt aufruft. Wie, noch nicht gemerkt?
Könnte daran liegen, dass das Format hierzulande nicht so populär ist wie in Spanien, wo das grüne Modelabel Ecoalf an Madrids Prachtstraße Gran Vía eine riesige Werbetafel mit der Aufschrift anbrachte „Make Planet Earth Great Again“ – die Anspielung auf Amerikas MAGA-Bewegung ist gewiss kein Zufall. „Wir haben seit einiger Zeit den Eindruck, dass der Erhalt des Planeten in Vergessenheit gerät und möchten daran erinnern, dass es dabei um Verantwortung gegenüber der nächsten Generation geht“, sagt Ecoalf-Gründer Javier Goyeneche. Nach dem Ende der Kampagne verarbeitet das Unternehmen das Plakat zu einer limitierten Taschenkollektion. Bravo!
Zu viele Altkleider: Umweltminister setzt Hersteller unter Druck
Wo wir gerade beim Thema Textilien sind: Soeben hat Umweltminister Carsten Schneider Eckpunkte für ein Gesetz vorgelegt, das die Springflut an minderwertiger Altkleidung eindämmen soll. Hintergrund: Weil immer mehr Menschen Wegwerfklamotten kaufen, lohnt sich für karitative und kommerzielle Organisationen die Altkleidersammlung immer weniger. In vielen Städten sind die Container bereits abgebaut, T-Shirts und Blusen landen im Restmüll.
Ob Schneiders Papier – hier zum Download – Abhilfe schafft? Der Inhalt jedenfalls hat es in sich: Bekleidungshersteller, auch Importeure und Vertreiber, sollen sich künftig registrieren, Mitglied in einer Organisation für Herstellerverantwortung werden und für Sammlung sowie Verwertung der Klamotten finanziell geradestehen müssen, abgestuft nach Qualität der Ware. Nimm das, Fast Fashion! Der Gesamtverband der deutschen Textil- und Modeindustrie reagierte wie von der Tarantel gestochen und beschimpfte den Entwurf als „großen Bluff“, „Ablasshandel“ und „geschäftsschädigend“. Man könnte fast meinen, der Minister habe mit seinem Entwurf ins Schwarze getroffen. Doch müssten nicht eigentlich asiatische Portale aufschreien, die dem deutschen Mittelstand mit Centware zusetzen?
Pionierunternehmen baut Infrastruktur für Textilrecycling
Bei Reju hingegen dürften die Sektkorken geknallt haben. Das Start-up, geführt vom ehemaligen Under-Armour-Chef Patrik Frisk, ist auf chemisches Recycling spezialisiert. Es produziert aus Textilmüll hochwertiges Polyester. Klar ist: Wenn durch Regulierung, wie die von Schneider geplante, der Anreiz für zirkuläre Lösungen steigt, vergrößert das Rejus Kundenkreis. Ohnehin eilt das Spin-off des französischen Konzerns Technip, das in Frankfurt eine Pilotanlage betreibt, von einer Erfolgsmeldung zur nächsten. Das niederländische Förderprogramm für Klimaprojekte bewilligte soeben 135 Millionen Euro für den Aufbau eines Recycling-Hubs unweit der deutschen Grenze. Ein weiterer Hub entsteht im südfranzösischen Lacq.
Mit Blick auf die Gesetzeslage in der EU kann die Infrastruktur kaum schnell genug wachsen: Bereits von Juli 2026 an dürfen große Unternehmen unverkaufte Kleidung und Schuhe nicht mehr vernichten, Mittelständler werden ab 2030 in die Pflicht genommen. Der Markt für Recycling von Plastikmüll wächst also gewaltig. Anders gesagt: Reju dreht ein ganz großes Rad. Pionierunternehmen werden belohnt, das hat schon Schumpeter gewusst.
Eine gute Woche noch, und behalten Sie die Zukunft im Blick!

