Accenture, PwC und Big Tech: Keine Beförderung ohne KI?  

Das Beratungsunternehmen Accenture verknüpft die Beförderung von Führungskräften mit der Nutzung interner KI-Tools. Darf der Arbeitgeber die Belegschaft zum KI-Einsatz zwingen?
Wie aufgeschlossen sind Mitarbeitende gegenüber neuen Technologien? Die Antwort kann Karrierewege öffnen oder verschließen.
Wie aufgeschlossen sind Mitarbeitende gegenüber neuen Technologien? Die Antwort kann Karrierewege öffnen oder verschließen. (© Imago / Westend61)

Eine interne Mail an Associate Directors und Senior Manager von Accenture sorgte zu Beginn des Jahres für Aufsehen. „Die Nutzung unserer zentralen Tools werde einen sichtbaren Beitrag zur Talentdiskussion leisten“, zitierte die „Financial Times“. Zu diesen Tools zählen unter anderem die Anwendungen AI Refinery und SynOps. Doch damit nicht genug. Die Unternehmensberatung hat im Februar damit begonnen, die wöchentlichen Login-Daten ausgewählter Führungskräfte systematisch zu tracken, um die Nutzung zu überwachen.  

Hintergrund dieser Maßnahme könnte die Renitenz in der eigenen Belegschaft sein. Insbesondere ältere und langjährige Senior Manager weigerten sich hartnäckig, ihre bewährten Arbeitsroutinen aufzugeben und sich den neuen Algorithmen unterzuordnen, berichtet die „Financial Times“.

Führungskräfte drohen mit Kündigung

Obwohl weltweit bereits mehr als 550.000 Mitarbeiter im Umgang mit generativer KI geschult wurden, verpuffe diese Initiative. Einige Führungskräfte würden zudem den Aufstand proben und mit Kündigung drohen, statt sich zwingen zu lassen, mit unfertigen Systemen zu arbeiten, die intern abfällig als „kaputte Slop-Maschinen“ oder „KI-Müll-Generatoren“ deklassiert worden sein sollen.  

Accenture steht mit seiner Initiative alles andere als allein da. Die Accenture-CEO Julie Sweet reiht sich ein mit Paul Griggs, dem US-Chef von PwC. Griggs warnte seine Partner diesen März, dass eine Verweigerung gegenüber KI das Ende ihrer Karriere in ihrem Hause bedeuten könnte, wie „The Guardian“ berichtete. Auch die Tech-Giganten Google, Meta, Amazon und Microsoft stellen ihren Mitarbeitern ein KI-Ultimatum: So fließt die Nutzung und Entwicklung von KI-Tools bei ihnen direkt in die Leistungsbewertungen und Beförderungsentscheidungen der Arbeitnehmer mit ein.  

Verheerende Konsequenzen für KI-Verweigerer  

Darf ein Arbeitgeber seine Belegschaft überhaupt zum KI-Einsatz zwingen und Verweigerer mit Karrierestillstand oder Schlimmerem bestrafen? Laut der Arbeitsrechtlerin Julia Schweitzer sei das durchaus zeitgemäß. Sie legt die rechtliche Perspektive in Deutschland als erstaunlich scharfkantig aus. Demnach sei die Anordnung zur KI-Nutzung durch das Direktionsrecht des Arbeitgebers gedeckt. Gerichte stützen sich in solchen Fällen auf die Lehre vom „dynamischen Berufsbild“. Das bedeutet, dass sich die Art und Weise, wie eine vertraglich vereinbarte Tätigkeit ausgeführt wird, stets an den Stand der Technik anpassen darf.  

Die Konsequenzen für hartnäckige KI-Verweigerer könnten dementsprechend verheerend sein. Wenn ein Mitarbeiter ausreichend geschult wurde und sich dennoch schlichtweg weigert, die neuen digitalen Werkzeuge zu nutzen, drohen ernsthafte arbeitsrechtliche Schritte. „Wenn Sie sagen, ich kann, aber will nicht, dann sind wir im verhaltensbedingten Bereich“, erklärt die Juristin unmissverständlich.   

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„KI ist eine Riesentransformation, das führt auch zu riesigen Ängsten in der Belegschaft“, sagt die Arbeitsrechtlerin Julia Schweitzer. (© BCLP Fotostudio Hoffmann)

Wer keine validen Gründe vorbringen kann, riskiert eine Abmahnung und im Wiederholungsfall sogar die Kündigung. Persönliche Vorbehalte gegenüber KI zählen dabei wenig. „Das bloße Unwohlfühlen wird nicht ausreichen, um sich diesem Wandel zu entziehen“, so Schweitzer.  

Was das Tracking dieses Verhaltens angeht, erläutert die Expertin, dass das kein einseitiger Prozess des Arbeitgebers sein dürfe. Sie betont vor allem die notwendige Einbeziehung des Betriebsrates und die Durchführung rechtlicher Folgenabschätzungen: „Ich rate dazu, dass alle Player im Unternehmen – Datenschutzbeauftragter, Betriebsrat, Management und Mitarbeitende – gemeinsam und transparent den Umgang mit KI besprechen. KI ist eine Riesentransformation, das führt auch zu riesigen Ängsten in der Belegschaft.“  

Rechtlich mag diese harte Gangart des Direktionsrechts also legitimierbar sein, doch die potenziellen Auswirkungen auf die Marke und das Employer Branding von Accenture könnten tiefgreifend sein.   

Login-Tracking misst keine Kompetenz  

Kim Gerichhausen, Inhaberin der Einszwei – Kreativagentur, bewertet diese Vorgehensweise so: „Wenn ein Unternehmen wie Accenture die Nutzung von KI-Tools durch systematisches Tracking erzwingt, signalisiert das vor allem eines: Misstrauen. Damit zerstört man genau die intrinsische Motivation, die für eine echte Transformation nötig wäre. Eine Marke, die intern nicht durch Überzeugung getragen wird, kann extern niemals glaubwürdig wirken – was die Mitarbeitenden im Büro erleben, tragen sie unweigerlich nach außen.“   

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„Wenn ein Unternehmen wie Accenture die Nutzung von KI-Tools durch systematisches Tracking erzwingt, signalisiert das vor allem eines: Misstrauen“, sagt Kim Gerichhausen, Inhaberin der Einszwei – Kreativagentur. (© Einszwei – Kreativagentur)

Auch die Messung sieht Gerichhausen kritisch: „Login-Tracking misst zwar ein Verhalten, aber eben kein Verständnis und keine Qualität. In unserer Agentur sagen wir oft: Gemessene Nutzung erzeugt vielleicht Compliance, aber niemals die echte Kompetenz, die den Unterschied zwischen sinnvollem und sinnlosem KI-Einsatz ausmacht.“  

Die unternehmerische Richtung von Accenture hält die Mülheimer Unternehmerin zwar für unbestreitbar korrekt. Die Ausführung sei aber fatal. „Wer die erfahrensten Träger seiner eigenen Marke durch Druck delegitimiert, verliert am Ende das wichtigste Markenvermögen: die Glaubwürdigkeit.“  

Schonfrist bei Accenture in Deutschland

Doch wie sieht die konkrete Realität für Mitarbeitende hierzulande aus? Greift der Überwachungsapparat von Accenture auch schon in den Büros in Frankfurt, München oder Berlin, wo rund 11.700 Menschen für das Unternehmen arbeiten?

Vorerst scheinen die Angestellten in Deutschland und elf weiteren Ländern in Europa von diesem Sanktionsregime verschont zu bleiben. Das bestätigt das Unternehmen auf direkte Nachfrage. Ob diese Schonfrist für Deutschland von Dauer ist, bleibt angesichts der globalen Marschroute des Konzerns fraglich.

Sicher ist nur: Die Arbeitswelt verändert sich gerade fundamental. Wer sich heute weigert, sich den neuen Werkzeugen zu öffnen, wird morgen feststellen müssen, dass ein Algorithmus den Aufstieg auf der Karriereleiter blockiert. Die Frage ist nun, ob ein verschärfter Druck auf die Mitarbeitenden und der damit einhergehende Markenschaden das wert sind.

(tr, Jahrgang 1981) ist freier Journalist aus Köln. Als Kind der 90er wuchs er mit Ace of Base, Hero Quest und Game Boy auf und bastelte früh Webseiten für andere, nahm Podcasts auf und sagte das Smartphone-Zeitalter voraus, während er über WAP auf dem Accompli 007 E-Mails verschickte. Heute berichtet der Vater einer Teenager-Tochter über Tech- und New-Work-Trends in Text und Ton. Aktuelle Podcasts: "Future Future" und "Der Metaverse Podcast".