63 Prozent der Frauen haben noch nie vom Equal Pay Day gehört. Diese Zahl einer repräsentativen Befragung für Kununu sitzt. Fast zwei Drittel der Frauen haben keine Ahnung von dem Tag, der doch eigentlich darauf aufmerksam machen soll, dass sie weniger verdienen als Männer – und zeigt, wie lange sie praktisch umsonst arbeiten.
Noch schlimmer ist es beim Gender Pay Gap: 65 Prozent der Frauen kennen den Begriff nicht. Dazu kommt: Die männlichen Pendants kennen die Begriffe deutlich häufiger (Equal Pay Day: 46 Prozent der Männer kennen den Begriff nicht; Gender Pay Gap: 47 Prozent).
Setzen sich Männer mehr mit Gleichberechtigung auseinander?
Männer kennen die Vokabeln des Gerechtigkeitskampfes also besser als die Frauen, die eigentlich Opfer der Ungleichheit sind. Man könnte nun sagen: Toll, dass Männer sich so stark mit Themen um Gleichberechtigung und Gleichbehandlung auseinandersetzen. Der aus meiner Sicht naheliegendere Befund: Männer sind in der privilegierten Lage, sich eher mit übergeordneten Meta-Diskussionen auseinanderzusetzen und haben deswegen häufiger von den Konzepten gehört. Aber nur, dass sie die Konzepte kennen, heißt noch lange nicht, dass sie im Gerechtigkeitskampf aufblühen. Sie wissen nur, dass es ihn gibt.
Das zeigt vor allem, wie erstaunlich die Blase ist, in der wir leben. Während gefühlt seit Jahren alle Nachrichtenformate, Talkshows und Social Feeds zum Equal Pay Day voll sind mit Themen wie gleicher Bezahlung und fehlender Gerechtigkeit, geht das Thema an weiten Teilen der Gesellschaft einfach vorbei. Zur Wahrheit gehört auch: Unter den Menschen mit Hochschulabschluss kennen 71 Prozent den Equal Pay Day eben schon. Das untermauert die vorab formulierte These: Die Diskussionen über gleiche Bezahlung und die Konzepte dahinter sind ein Elitenthema.
Nicht, weil der Einsatz für gerechte Bezahlung nicht für alle relevant und wichtig wäre, sondern weil in Zeiten von Inflation und Multikrisen die Auseinandersetzung mit Meta-Konzepten viel irrelevanter ist, als echte Verbesserungen. Vermutlich ist es einigen Frauen im Speziellen sogar ein bisschen egal, ob Männer als abstrakte Gruppe generell mehr verdienen als Frauen. Nicht, weil sie Ungleichheit als gerecht empfinden würden, sondern weil im Fokus steht, mit ein paar Euro mehr Gehalt einfach besser über die Runden zu kommen.
Wer am Existenzminimum kratzt, kennt den Kontostand und nicht den Equal Pay Day
Die Konzepte Equal Pay Day und Gender Pay Gap sind nicht schlecht. Sie beschreiben ein relevantes Problem und versuchen, es plastisch zu visualisieren. Doch wenn wir uns zu sehr in diesen abstrakten Konzepten verlieren, dann bewegen wir uns so manches Mal doch zu sehr weg von den Realitäten der Menschen.
Ich bin sicher: Die allermeisten Menschen, die diese Kolumne lesen, arbeiten in White Collar Jobs und sind weit weg vom Existenzminimum. Keine Frage: Auch für diese Gruppe von Menschen ist schreiend ungerecht, wenn der männliche Kollege den gleichen Job macht und trotzdem jeden Monat 500 Euro mehr aufs Konto überwiesen bekommt – und, dass vermeintliche Männerberufe oft noch immer besser bezahlt werden als vermeintliche Frauenberufe. Wer am Existenzminimum kratzt, kennt jedoch eher den Kontostand und nicht den aktivistischen Überbau.
Frauen wissen sehr wohl um ihre Benachteiligung
Die Befragung für Kununu zeigt nämlich, dass 93 Prozent aller Frauen sehr wohl um ihre Benachteiligung wissen. Die Menschen sind nicht blöd. Es ist offensichtlich, dass Männer im Schnitt einfach deutlich mehr verdienen. Daran zu arbeiten, ist gut und sinnvoll. Abstrakte Konzepte können dabei durchaus helfen. Aber manchmal ist es auch sinnvoll, sich bewusst zu machen, wie groß die Blase ist, in der wir uns bewegen.
Ja, Kampagnen-Tage lassen sich super vermarkten. Marketer lieben sie. Aber vielleicht hilft auch, die Blase zum Platzen zu bringen. Das bedeutet: weniger Branding, mehr Transparenz. Wenn wir die Ungleichheit wirklich bekämpfen wollen, müssen wir die Sprache der Realität sprechen. Gehaltstransparenz statt Aufmerksamkeitspostings. Wenn 93 Prozent der Frauen wissen, dass sie benachteiligt werden, brauchen sie keinen Aktionstag mit schickem Namen – sie brauchen Arbeitgeber, die schlichtweg fair bezahlen. Dafür muss ich vorher kein Soziologie-Seminar besucht haben.
Auf eine gerechte Woche!


