Voice Commerce: Was lange währt, wird endlich gut  

Voice Commerce galt lange als das nächste große Ding im digitalen Handel. Dann wurde es still. Doch jetzt zündet Amazon mit einer runderneuerten Alexa die nächste Evolutionsstufe.
Karsten Zunke hat die Marketing-Tech-Welt genau im Blick, vom MarTech-Maschinenraum bis zu kreativ umgesetzten Kampagnen.
Karsten Zunke hat die Marketing-Tech-Welt genau im Blick, vom MarTech-Maschinenraum bis zu kreativ umgesetzten Kampagnen. (© privat; Montage: Katharina Höhner)

Schon lange macht Amazon Hoffnungen: Alexa soll endlich schlauer werden, endlich keine „Das tut mir leid, dazu habe ich keine Informationen“, „Das weiß ich nicht“, „Ich spiele Driving Home for Christmas von Chris Rea“ – Nein, bitte nicht! Auch keine weiteren Unterbrechungen mehr, nur weil man sich über Alex von nebenan unterhält. Und bitte keine Werbung für Ceran-Kochfelder, die neulich auf der Küchenparty Gesprächsthema waren. Aber jetzt soll alles besser werden: Alexa bekommt nämlich KI.  

Vor wenigen Tagen verkündete Amazon, dass – die nun mit einem Plus-Zeichen upgegradete Sprachassistentin Alexa+ – für Prime-Kunden in den USA verfügbar ist. Hoffnung macht, dass dem eine fast einjährige Early-Access-Phase vorausgegangen ist, in der die Kunden Amazon zufolge „wertvolles Feedback gegeben haben, das uns geholfen hat, Alexa+ weiterzuentwickeln“. Auch wenn die neue Alexa zunächst nur in den USA verfügbar ist, dürfte auch das Marketing hierzulande genau hinhören. Denn schließlich ist es ein Trend, der auf Stand-by versetzt wurde: Voice Commerce.  

Viele Marktbeobachter sind der Ansicht, das Displays aus unserem Leben weitgehend verschwinden werden und Sprechen künftig auch die bevorzugte Interaktionsform zwischen Menschen und Maschinen wird. Schon heute zeichnet sich diese Entwicklung bei den KI-Assistenten ab: Immer mehr Menschen nutzen die Voice-Funktion, um mit ihren persönlichen Begleitern zu interagieren – insbesondere auf dem Smartphone liegt der Vorteil in Anbetracht der kleiner Displays und der oft wackligen Unterwegs-Nutzungssituation auf der Hand.  

Auch Siri noch nicht fit 

Apple scheint in Sachen Voice ebenfalls auf Nummer sicher zu gehen. Eigentlich sollte seine aufgeschlaute Version der hauseigenen Sprachassistentin Siri bereits im Frühjahr 2025 erscheinen. Noch vor wenigen Wochen galt das Update auf iOS 26.4 – das für März 2026 erwartet wird – als der gesetzte Termin für den großen Siri-Umbruch. Doch verschiedenen Medienberichten zufolge soll Apple den Termin intern bereits auf Mai oder später verschoben haben. Was für Verbraucher ärgerlich ist, könnte für Unternehmen hingegen von Vorteil sein.  

Wenn in Kürze tatsächlich Sprach-Assistenten mobile Geräte und Smart Speaker erobern, die dieser Bezeichnung tatsächlich würdig sind und die sich als echte Gesprächspartner entpuppen, dann dürfte es nur eine Frage der Zeit sein, bis Voice Commerce massentauglich wird und signifikante Umsätze generiert. 

Laut einer Studie des Product Experience Spezialisten Akaneo wünschen sich 43 Prozent der deutschen Verbraucher Sprachassistenten für Beratung und Einkauf. Besonders bemerkenswert: Unter den abgefragten Technologien stießen sprachbasierte Assistenten hierzulande auf das größte Interesse. Verbraucher schätzen der Studie zufolge vor allem deren Fähigkeit, Produkteigenschaften verständlich zu erläutern und individuelle Fragen in Echtzeit zu beantworten. Neben der Beratung sollen Sprachassistenten über Voice Payment künftig auch Zahlungen direkt abwickeln. Für Marketing und Sales bedeutet das: Jetzt ist genau der richtige Zeitpunkt, zu überprüfen, ob man auf diese Markt-Entwicklung technisch vorbereitet ist. 

Schon gehört? 

Künstliche Intelligenz wird im Marketing alltäglich und unterstützt spürbar in der Praxis. Nach der kürzlichen Übernahme des chinesischen KI-Anbieters Manus durch Meta beginnt der Facebook-Konzern nun damit, die KI-Agenten von Manus in seinen Werbeanzeigenmanager zu integrieren. Manus soll Werbetreibenden vor allem Zeit sparen, wenn sie rund um ihre Kampagnen Daten analysieren und Berichte erstellen müssen. 

Bei Airbnb hingegen lässt KI bereits die Kassen klingeln: Für die Unterkunft-Buchungsplattform konvertiert Traffic aus KI-Chatbots besser als der Traffic von Google, berichtet Martech.org. Dies könne darauf zurückzuführen sein, dass Onliner, die über KI-Assistenten auf die Plattform gelangen, in ihrer Entscheidungsfindung fortgeschrittener sind als jene, die eine allgemeine Suchanfrage bei Google stellen. Das stützt eine momentan vieldiskutierte These, wonach die KI-gestützte Suche zwar weniger Traffic generiert, dieser aber besser konvertiert. 

Und auch die Internetseiten selbst könnten künftig völlig anders aussehen. Wie, das zeigt beispielsweise die neue Sidekicks-Website. Die Website spiegelt das veränderte Nutzerverhalten wider, das sich mit generativer KI etabliert: weg vom Suchen und Navigieren, hin zum Fragen stellen und Antworten erhalten. Website-Besucher können auf der Seite im Chat-Gespräch die Funktionen der Plattform, ihre spezifischen Agenten und deren Einsatz in der Mediabranche erkunden. Angeboten wird ein Portfolio an spezialisierten KI-Agenten, die Arbeitsabläufe entlang der gesamten Wertschöpfungskette der digitalen Werbebranche optimieren. 

Übrigens: Falls Sie nicht warten möchten, bis Alexa und Siri vernünftig sprechen gelernt haben, können Sie sich von KI etwas vorsingen lassen: Google hat in Gemini seinen neuen Musikgenerator Lyria 3 integriert. Die KI erzeugt aus Text- oder Bildprompts 30-sekündige Musikstücke inklusive Gesang und Songtext. 

In diesem Sinne. Bleiben Sie inspiriert! 

(kaz) ist Fachjournalist für digitales Marketing. Seit Mitte der Nullerjahre begleitet er mit seinen Artikeln die rasanten Entwicklungen der Online-Werbebranche. Der Maschinenraum der Marketing-Technologien fasziniert ihn dabei ebenso wie kreativ umgesetzte Kampagnen. Der freie Autor lebt und arbeitet in Berlin.