Agentic Commerce vs. Influencer: Der Kampf um den Lebkuchen ist eröffnet

Hätten Sie das gedacht? Weihnachten steht vor der Tür! Das Extrem-Shopping beginnt. Um Konsumenten zum Kauf zu bewegen, konkurrieren erstmals KI-Agenten mit echten Menschen. Ausgang ungewiss.
Karsten Zunke hat die Marketing-Tech-Welt genau im Blick, vom MarTech-Maschinenraum bis zu kreativ umgesetzten Kampagnen.
Karsten Zunke hat die Marketing-Tech-Welt genau im Blick, vom MarTech-Maschinenraum bis zu kreativ umgesetzten Kampagnen. (© privat; Montage: Katharina Höhner)

Technologisch wird im E-Commerce seit Langem aufgerüstet – nicht nur für das wichtige Weihnachtsgeschäft. Plattformen optimieren ihre Shopping-Funktionen, das Nutzerverhalten wird akribisch analysiert und Platzhirsch Amazon setzt künftig verstärkt auf KI-Agenten auf allen Ebenen. In diesem Jahr könnten erstmals auch neue E-Commerce-Player wie Perplexity oder OpenAI ein Stück vom (Leb)kuchen abbekommen – zumindest in den USA. Denn dort ermöglichen die Tech-Firmen zahlenden Abonnenten bereits, Produkte direkt in ihren KI-Chats einzukaufen. Agentic Commerce heißt das Zauberwort, das die Customer Journey in einem Chat-Fenster bündelt – von der ersten Inspiration bis zum Check-out.  

Besonders eifrig treibt OpenAI den Agentic Commerce voran. Mithilfe des Zahlungsanbieters Stripe ermöglicht der Tech-Anbieter sogar einen Instant-Check-out – also den vollständigen Kauf, ohne den Chat verlassen zu müssen. Für Benutzer ist der Service kostenlos, angeschlossene Händler zahlen bei erfolgreichem Kauf eine Gebühr an den KI-Anbieter. Wenn das von den Konsumenten angenommen wird, dürfte es den KI-Plattformen Lust auf mehr machen – das steht fest. Ein nicht zu unterschätzender Nebeneffekt: Durch die engen Integrationen werden Händler und Entwickler an die Systeme gebunden, was perspektivisch weiteres Upselling und Premiumdienste – zum Beispiel exklusive Deals – ermöglicht. 

Alles für den Commerce! 

Doch gleichzeitig explodiert das Netz zur Weihnachtszeit mit Shopping-Empfehlungen von echten Menschen. Viele Influencer werden schon im Spätsommer gebrieft, damit ihre Inhalte rechtzeitig online gehen und das Weihnachtsgeschäft optimal unterstützen. Man setzt aktiv auf Inspiration, Rabattaktionen (am 28. November ist Black Friday) und anschließendes weihnachtliches Storytelling, um die Community gezielt durch den Kaufentscheidungsprozess zu führen. Laut einer Bitkom-Studie investiert mehr als ein Drittel der Händler in Deutschland bis zu 10.000 Euro pro Jahr in Influencer Marketing (35 Prozent), vier von zehn Händlern geben bis zu 100.000 Euro jährlich aus.  

Auch Pinterest setzt auf menschliche Influencer – in diesem Fall sogar mit Promi-Faktor. Die Plattform-Betreiber haben jetzt hunderte Geschenke-Ratgeber scharf geschaltet, die auf den umfangreichen Such- und Trenddaten von Pinterest beruhen und von Influencern wie Lena Mantler oder Pamela Anderson kuratiert und auf der Plattform promotet werden. Alle Produkte auf den Weihnachts-Pinnwänden sind „shoppable“: Wer sie anklickt, gelangt direkt in den angeschlossenen Online-Shop des jeweiligen Händlers. 

Auch wenn es hier keinen Instant-Check-out gibt, dürfte spannend sein zu beobachten, wie sich Konsumenten langfristig entscheiden: für das bequeme Shopping, bei dem Technik ihnen alles abnimmt, außer einem Klick. Oder ob sie lieber aktiv stöbern und sich durch andere Menschen inspirieren lassen, wie es im Influencer Marketing gelebt wird. Letztlich wird es auf die Frage hinauslaufen: Agentic Commerce oder menschliche Inspiration? Dieses Weihnachtsgeschäft könnte zu einem ersten Lackmustest dafür werden. 

Schon gehört? 

„Die Browser-Kriege sind zurück“ schreibt ExchangeWire in seiner neuesten Ausgabe und thematisiert damit die jüngsten Entwicklungen um Atlas (OpenAI) und Comet (Perplexity). Das Magazin analysiert, was diese Entwicklung für die Werbetreibenden bedeutet. Ob das Imperium Google zurückschlägt? Ganz gewiss! 

Passend zum Thema haben die Marktforscher von eMarketer in diesen Tagen eine Studie zum Thema „Generative Engine Optimization in 2026“ veröffentlicht. Bisher hieß die weit verbreitete Meinung, dass gutes SEO ausreicht, um Marken auch im Zeitalter generativer KI sichtbar zu machen. Weit gefehlt. Laut Studie können SEO-Taktiken keine Sichtbarkeit von Marken in KI-Chats garantieren. Nur weniger als zehn Prozent der von KI zitierten Quellen ranken in den TOP-10 der Google-Suchergebnisse. 

Das Thema Generative KI treibt auch den Marketing-Tech-Enthusiasten David Raab um. Er ist Gründer des CDP Instituts und prägte maßgeblich den Begriff der „Customer Data Platform“ (CDP). In seinem aktuellen Beitrag erklärt er, warum agentische Kampagnen nicht die Zukunft des Marketings sind. 

In diesem Sinne. Bleiben Sie inspiriert! 

(kaz) ist Fachjournalist für digitales Marketing. Seit Mitte der Nullerjahre begleitet er mit seinen Artikeln die rasanten Entwicklungen der Online-Werbebranche. Der Maschinenraum der Marketing-Technologien fasziniert ihn dabei ebenso wie kreativ umgesetzte Kampagnen. Der freie Autor lebt und arbeitet in Berlin.