Sind Sie ein Full-Stack-Marketer?  

Neue KI-Features im Stundentakt, wöchentlich neue Begriffe und jeden Monat eine neue Jobbeschreibung sowie mindestens drei KI-Kongresse. Macht die rasende Entwicklung rund um Künstliche Intelligenz Sie auch ganz kirre?
Karsten Zunke hat die Marketing-Tech-Welt genau im Blick, vom MarTech-Maschinenraum bis zu kreativ umgesetzten Kampagnen.
Karsten Zunke hat die Marketing-Tech-Welt genau im Blick, vom MarTech-Maschinenraum bis zu kreativ umgesetzten Kampagnen. (© privat; Montage: Katharina Höhner)

Wie erleben Sie die KI-Explosion? Hat der neue Kollege „Künstliche Intelligenz“ auch in Ihrer Abteilung schon manuelle Abläufe automatisiert, komplexe Aufgaben übernommen und bei der Kreation von Werbemitteln und Kampagnen Aha-Effekte am laufenden Band ausgelöst? Noch nicht? Dann gehört Ihre Firma wahrscheinlich zu den Nachzüglern.  

Gut jedes dritte Unternehmen (36 Prozent) in Deutschland nutzt inzwischen KI – fast doppelt so viele wie vor einem Jahr. Das hat der Digitalverband Bitkom ermittelt. Nur noch 17 Prozent der befragten 604 Unternehmen sagen, dass KI für sie kein Thema ist. Laut der repräsentativen Bitkom-Befragung wird KI in den Unternehmen überwiegend im Kundenkontakt (88 Prozent) eingesetzt. Direkt auf Platz zwei finden sich Marketing und Kommunikation mit 57 Prozent. Erst mit deutlichem Abstand folgen dahinter Forschung und Entwicklung (21 Prozent) sowie Produktionsabläufe (20 Prozent).  

Neues Jobprofil des „Full-Stack-Marketer“ macht die Runde 

Was bedeutet diese Entwicklung für die Marketingpraxis? Wird menschliche Kreativität jetzt durch maschinelle Performance ersetzt? Folgt man der neuen Studie, die der Content-Portal-Betreiber Contentful gemeinsam mit Atlantic Insights veröffentlicht hat, gewinnt im Marketing die sogenannte „evidence-based creativity“ an Bedeutung – also die Verbindung von kreativen Ideen mit datenbasiertem Nachweis.  

Das ruft neue Jobprofile auf und ein neues Schlagwort macht die Runde: „Full-Stack-Marketer“. Gesucht werden Fachleute, die Kreativität mit datenbasierter Analyse verbinden. Besonders gefragt sind Kompetenzen wie Datenanalyse und -interpretation, die Gestaltung digitaler Erlebnisse, Personalisierungsstrategien sowie das Schreiben für KI-Tools.  

FOMO oder echter Need? 

Ich frage mich manchmal, ob der unglaubliche Run auf KI ein klassisches FOMO – also die Angst etwas zu verpassen –, pure Technikbegeisterung oder schlicht eine Notwendigkeit ist, um sich im Wettbewerb zu behaupten. Während Sie vielleicht nun ebenfalls dieser Frage nachhängen, wurden zwischenzeitlich mindestens zehn nie dagewesene KI-Features vorgestellt und drei Start-ups rund um das Thema KI gegründet. Was wiederum eine feine Sache wäre, um den Vorsprung von Big Tech nicht weiter wachsen zu lassen.  

Die großen US-Konzerne stecken Milliarden Dollar in die Erforschung und Entwicklung von Künstlicher Intelligenz – hier sei nur an das 500-Milliarden-Dollar-KI-Projekt Stargate erinnert. Europa kann hier nicht mithalten. Aber es gibt Lichtblicke – auch in Deutschland! Das KI-Start-up-Ökosystem ist zwischen Nordsee und Alpen um mehr als ein Drittel (36 Prozent) gewachsen. Das hat das AppliedAI Institute for Europe gerade in seiner jährlichen Studie ermittelt. Darin wird dem Markt gegenüber den Vorjahren ein wesentlich verbessertes Investitionsklima attestiert: KI-Lösungen seien gefragt und das Vertrauen in die Innovationskraft und die Relevanz der jungen Unternehmen gestiegen.  

Aktuell sind in der Übersicht des Instituts in Deutschland 935 Start-ups mit klarem KI-Businessmodell gelistet – das sind 313 mehr als im Vorjahr. Und auch die resultierenden Lösungen Made in Germany können sich sehen lassen. Erst kürzlich räumte die Cloudsoftware-Schmiede Hase & Igel bei den International Business Awards zwei wichtige Wirtschaftspreise für ihre Softwarelösungen ab: für eine Marketing- und PR-Lösung und für eine Kundenakquise-Software.  

Unternehmen wollen stark in KI investieren 

Der Bedarf an neuen Tools scheint momentan ohnehin grenzenlos. Der Studie von Contentful zufolge plant ein Drittel der rund 400 befragten internationalen Unternehmen, in den kommenden ein bis drei Jahren Budgets von mindestens 500.000 US-Dollar in KI zu investieren.  

Alice McKown, Publisherin bei The Atlantic, bringt die Auswirkungen auf den Punkt: „Marketing ist und bleibt ein kreativer Beruf, aber Marketer müssen lernen, wie Ingenieure zu denken.“ Wir können es also drehen und wenden, wie wir wollen, der KI-Wahnsinn hat gerade erst begonnen. 

In diesem Sinne. Bleiben Sie inspiriert! 

(kaz) ist Fachjournalist für digitales Marketing. Seit Mitte der Nullerjahre begleitet er mit seinen Artikeln die rasanten Entwicklungen der Online-Werbebranche. Der Maschinenraum der Marketing-Technologien fasziniert ihn dabei ebenso wie kreativ umgesetzte Kampagnen. Der freie Autor lebt und arbeitet in Berlin.