Ströer: Wie man seine Employer Brand in 30 Tagen kaputt macht

Dass Ströer wieder fünf Tage Büro-Pflicht fordert, ist nur ein Teil der Nachricht. Interessanter sind zwei andere Dinge: Was das Unternehmen mit dieser Maßnahme bezweckt, und wie es damit das Image der Arbeitgebermarke Ströer beschädigt.
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Frederic M. Servatius schreibt an dieser Stelle über die moderne Arbeitswelt. (© privat; Montage: Katharina Höhner)

68 Prozent Weiterempfehlung – so gut stand Ströer noch am 14. Januar bei Kununu. Was seitdem passiert ist, kommt einem Erdrutsch gleich: Bei 36 Prozent Weiterempfehlung liegt der Arbeitgeber heute, Tendenz weiter sinkend. In nur einem Monat hat das Medienunternehmen seine eigene Reputation sichtbar beschädigt – und das nachhaltig. Allein 192 der insgesamt 1.088 Bewertungen von Ströer sind innerhalb von 30 Tagen, von Mitte Januar bis Mitte Februar, entstanden. Mehr als jeder sechste Kommentar stammt aus diesem Monat. Das zeigt klar: Die Stimmung bei Ströer ist gekippt. Was ist da schiefgelaufen?

Die Erosion der Stimmung hängt wohl primär mit den neuen Back-to-Office-Vorgaben beim Arbeitgeber zusammen – oder vielmehr dem kommunikativen Umgang damit.

Unter dem Radar zu bleiben, ist Ströer nicht gelungen

Laut Medienberichten und den Kommentaren bei Kununu gilt bei Ströer ab April wieder fünf Tage pro Woche Büro-Pflicht. Ausnahmen gibt es zwar – aber mit bürokratischem Prozedere, wie die Kollegen bei „Medieninsider“ herausgefunden haben. Von einer „verströerten Belegschaft“ kalauern sie dort. Ein Arbeitsmarktexperte erklärt in der „Süddeutschen Zeitung“ im Kontext Ströer, dass Unternehmen das Mittel bewusst nutzen, um Menschen loszuwerden.

Ohne große Entlassungswelle bleibt oft auch die große Berichterstattung aus. Es gibt weniger Mitteilungspflichten, wenn Mitarbeitende nicht betriebsbedingt gekündigt werden. Wenn aber die Arbeitsbedingungen nicht mehr passen, gehen viele – oder qualifizieren sich für verhaltensbedingte Kündigungen, wenn sie der Büro-Pflicht realistisch kaum nachkommen können.

Groß kommuniziert hat Ströer das ganze Thema nicht. Keine Pressemitteilung, auch sonst lässt sich kaum etwas dazu finden. Es scheint, als hätte das Unternehmen das Thema am liebsten intern gehalten. Branchenmedien und große Zeitungen berichteten aber, und die Deutungshoheit haben eher die Stimmen der Mitarbeitenden als das Unternehmen. Wenn Ströer unter dem Radar bleiben wollte, dann ist das zumindest kurzfristig gescheitert. Dass das Unternehmen mit einem womöglich versuchten „Squeeze-out“ der Belegschaft Erfolg haben könnte, ist hingegen wahrscheinlicher.

Ausnahmeregelungen maximal unbequem

Wenn man den Berichten glauben kann, macht es Ströer seinen Mitarbeitenden maximal unbequem: Selbst wenn der Fahrtweg oder die Kinderbetreuung es kaum zulassen, sollen Mitarbeitende wieder fünf Tage zurück ins Büro. Es soll – so der vermittelte Eindruck – den eigentlichen Ausnahmefällen maximal schwer gemacht werden, diese Ausnahme auch durchgesetzt zu bekommen. Bei Kununu schreiben Mitarbeitende, dass sie zur Jobsuche ermutigt werden. Selbst bei langen Anfahrten oder für Alleinerziehende gebe es keine Chance auf Homeoffice, schreibt ein Angestellter. Andere Mitarbeitende beschreiben, dass auch Workation gestrichen worden sei.

Zumindest als Schrumpfungsprogramm könnte das Vorgehen von Ströer also durchaus erfolgreich sein. Ein Angestellter beschreibt bei Kununu, dass Motivation und Kreativität spürbar auf dem Rückzug seien. „Die allgemeine Resignation ist kaum zu übersehen“, heißt es weiter. Ob man Schrumpfung auf diese Art will, ist die andere Frage. Selbst eine Führungskraft schreibt als Verbesserungsvorschlag bei Kununu: „zurück zur flex work“.

Zumindest die Kritik dieser Führungskraft ist aber eher die Ausnahme. Die schlechte Weiterempfehlung bei Kununu kommt zustande, obwohl Führungskräfte von Ströer offenbar versuchen, aktiv gegenzusteuern. Die wenigen guten Bewertungen unter den 192 kommen meist von Führungskräften. Eine schreibt im Bereich ‘Schlecht am Arbeitgeber finde ich’: „Die momentanen Bewertungen. Das ist nicht fair. Das Gehalt ist immer pünktlich auf dem Konto, wir können offen alles ansprechen, und eigentlich macht es Spaß für Ströer zu arbeiten.“

Ströer hat seine Arbeitgebermarke beschädigt

Dass es tatsächlich nicht so schlecht läuft – dafür ist zumindest diese Bewertung aber kein Beleg. Pünktliche Gehaltszahlungen sollten eine Selbstverständlichkeit sein, und dass wirklich eine offene Kultur und Spaß bei der Arbeit vorherrschen, dafür spricht angesichts der anderen Bewertungen wenig. Sicherlich können Bewertungen im kleinen Rahmen die Zahlen verzerren. Doch in dem Ausmaß, in dem hier Mitarbeitende akut negative Entwicklungen beschreiben, muss doch einiges im Argen liegen.

Kritisch ist daran auch, dass sich Ströer zumindest mittelfristig als Arbeitgebermarke beschädigt hat. Für die Weiterempfehlungsrate werden die Bewertungen der letzten zwei Jahre herangezogen. Die Zahl wird also kaum schnell steigen. Und selbst wenn bleibende Mitarbeitende womöglich irgendwann wieder an fünf Büro-Tage gewöhnt sind – im Hinterkopf wird ein fader Beigeschmack bleiben.

So schlecht steht Ströer im Vergleich da

Wie schlecht Ströer auch im Konkurrenzumfeld dasteht, ist schon bemerkenswert. Dass man mit einer sehr gut bewerteten Arbeitgebermarke wie der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ kaum mithalten kann, ist wenig überraschend. Das Medienhaus liegt bei 92 Prozent.

Bemerkenswerter ist da schon, dass Ströer selbst in Konkurrenz zum chronisch schlecht bewerteten Arbeitsumfeld „Agentur“ mies dasteht: So liegt FischerAppelt bei 51 Prozent Weiterempfehlung, bei Scholz & Friends sind es 58 Prozent.

Auch Mitarbeitende aus People & Culture bei Ströer scheinen im Übrigen von der Umstellung ab April überrumpelt worden zu sein. Die bislang gelebte Unternehmenskultur war jedenfalls eine andere – wenn man einer aktuellen Stellenausschreibung einer Innendienststelle glauben kann. Dort steht nämlich folgender Text: „Flexibility: Keine Lust auf Rushhour? Bei uns hast Du die Möglichkeit, auch einen Tag aus dem Homeoffice zu arbeiten.“ Die wütenden Mitarbeitenden von Kununu werden darüber nur lachen können. Mal sehen, wie lange die Ströer-Führung noch lacht.

Auf eine überraschungsarme Woche!

Offenlegung: Ich war früher bei der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ angestellt – und kann die gute Weiterempfehlungsrate nachvollziehen.

(fms, Jahrgang 1993) ist UX-Berater, Medien- und Wirtschaftsjournalist und Medien-Junkie. Er arbeitet als Content-Stratege für den Public Sector bei der Digitalagentur Digitas. Als freier Autor schreibt er über Medien und Marken und sehr unregelmäßig auch in seinem Blog weicher-tobak.de. Er hat Wirtschafts- und Technikjournalismus studiert, seinen dualen Bachelor im Verlag der F.A.Z. absolviert und seit mindestens 2011 keine 20-Uhr-Tagesschau verpasst.