Ich war kürzlich in einer digitalen Weiterbildung mit mehr als 400 anderen Führungskräften. Acht Termine, jeweils 1,5 Stunden, Teilnehmende von mindestens drei Kontinenten. Nicht einmal die Hälfte mit eingeschalteter Kamera. Von vielleicht 20 dieser Menschen habe ich in den insgesamt 12 Stunden die Stimme gehört. Und ich gebe es zu: In jedem der acht Termine habe ich entweder Mails beantwortet, auf Chat-Nachrichten reagiert – oder gar richtig gearbeitet.
Die Welt der (digitalen) Weiterbildung ist kaputt. Und wir sind fast alle Schuld daran.
Ja, Webinare und digitale Weiterbildungen haben uns allen mehr Möglichkeiten gegeben. Wir können Dinge lernen, für die der Markt eher kleiner ist und die nicht überall angeboten werden. Wir können sehr viel kostengünstiger Menschen zusammenbringen, die über alle Kontinente verteilt sind.
Die Welt der (digitalen) Weiterbildung ist kaputt
Nur: Selbst wenn diese Weiterbildungen wertvolle Inhalte liefern, geht in der modernen Arbeitswelt viel verloren. Weil viele das Gefühl haben, dass es gar nicht anders geht, als trotzdem verfügbar zu sein. Weil die schlichte Möglichkeit, seinem Arbeitsalltag nachzukommen, während man sich eigentlich Zeit für das Lernen nehmen sollte, ein schlechtes Gewissen schafft. Weil die Push-Benachrichtigungen sich in den Bildschirm drücken und man sie kaum ignorieren kann.
Das Gelernte wird nachweislich nicht ordentlich im Hirn verankert, wenn es von ständigen Ablenkungen begleitet ist. Die ständige Ablenkung kann nicht nur die persönliche Entwicklung hemmen, sondern auch den Fortschritt ganzer Unternehmen bremsen – denn echtes Wissen ist der Motor für Innovation und Wettbewerbsvorteile.
Netzwerke aufbauen ist in digitalen Weiterbildungen ohnehin schon schwerer als im realen Leben – einfach weil die gemeinsame Mittagspause oder das Treffen an der Kaffeemaschine wegfallen. Wer hier noch mit wenig Aufmerksamkeit in der Veranstaltung sitzt, wird erst recht kein Netzwerk dort aufbauen.
Doch nicht nur im digitalen Raum sind Fortbildungen zu einem Problem geworden. Auch bei der Weiterbildung vor Ort fühlt sich die Situation immer schlimmer an: Im besten Fall nutzen die Menschen dort die Pausen, um noch schnell etwas aufzuarbeiten. Im schlimmsten Fall sitzen sie im Termin am Handy oder verlassen ihn mal eben für einen Video-Call.
Weiterbildung wird zur Lose-Lose-Situation
In unserer Arbeitswelt hat sich der Wunsch, das Pflichtgefühl breitgemacht, jederzeit produktiv sein zu müssen. Die Weiterbildung aber soll der Raum für konzentriertes Lernen, Reflexion und Inspiration sein. Wer währenddessen versucht, noch den ein oder anderen Punkt von der To-Do-Liste zu schrubben, der nimmt sich selbst diesen Inspirationsraum. Und erledigt die Nebenbei-Arbeit im Zweifel auch noch weniger gut. Letztlich sind wir dann das genaue Gegenteil von produktiv. Und die Kosten entstehen trotzdem. So wird die Weiterbildung zur Lose-Lose-Situation.
Weiterbildung ist ein Stück weit sicherlich ein Privileg. Sie darf aber nicht zum Luxusgut werden. Das bewusste Abkoppeln vom Arbeitsalltag ist ein hilfreiches Tool. Wenn man es nutzt.
Stellt Eure Benachrichtigungen ab!
Den Führungskräften dieses Landes möchte man daher zurufen: Ermöglicht Euren Mitarbeitenden Fortbildungen in Präsenz. Und tut Euer Bestes, damit sie dann auch wirklich nicht arbeiten. Werft ihnen jedenfalls keine Aufgaben im Vorbeigehen zu.
Den Mitarbeitenden dieses Landes möchte man zurufen: Reißt Euch zusammen, stellt Eure Benachrichtigungen ab und konzentriert Euch auf die Fortbildung! Gebt der Inspiration den Raum, den sie braucht! Und erledigt Eure Tasks erst danach! Die Ergebnisse werden besser sein. Und Ihr geht mit neuen Impulsen in die Arbeit.
Weiterbildung muss wieder zu dem werden, was sie ursprünglich sein sollte: ein Akt der Selbstfürsorge und der fachlichen Erneuerung, ein Raum, in dem wir uns selbst entfalten und Neues entdecken können. Es liegt an uns, diesen Raum wieder zu definieren und zu schützen. Die Erkenntnis, dass wir Weiterbildung nicht gleichzeitig als Arbeitszeit missbrauchen dürfen, kann dafür nur der Anfang sein.
Auf eine störungsfreie Woche!
