Führungskultur: Darin sind die USA uns voraus

Das "Handelsblatt" nannte Philipp Depiereux den Messias der Mittelstands-Digitalisierung. Heute lebt er in den USA – und sagt, in welchem Aspekt uns das Land etwas voraus hat.
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Frederic M. Servatius schreibt an dieser Stelle über die moderne Arbeitswelt. (© privat; Montage: Katharina Höhner)

Philipp Depiereux gibt sich selbst verletzlich: In der ersten Minute unseres Gesprächs erzählt er davon, dass er heute viel geweint hat, weil er seine Tochter zum Studium nach London gebracht hat. Abschied zu nehmen fällt ihm schwer, auch wenn er weiß, dass es für die Entwicklung richtig ist. Mit seinen Gefühlen aber hält er nicht hinterm Berg.

Als Depiereux in die USA kam, war er vom offenen Umgang mit den Gefühlen und der mentalen Gesundheit hingegen eher überfordert. Denn während in Deutschland zwar immer mehr über mentale Gesundheit geredet wird, ist das Thema gefühlt trotzdem immer noch mit vielen Tabus belegt. In den USA, so Depiereux, ist das gar nicht mehr so: „Wir waren bei einer neuen Schule und ich hab einen Vater gefragt, ob er mit mir Kaffee trinken will, und der sagte, er hat morgen keine Zeit, weil er beim Psychologen ist. In Deutschland würde man da erstmal nicht nachfragen – in den USA wird ganz offen darüber geredet. Diese Offenheit hilft. Dadurch bekommt man – gerade in der Wirtschaft – weniger den Eindruck vermittelt, immer nur Stärke zeigen zu müssen.”

Mittlerweile, so beobachtet Depiereux es, wachse aber auch in Deutschland eine Generation von Führungskräften heran, die sich einerseits selbst verletzlich gibt und andererseits ein Ohr für die Bedürfnisse der Mitarbeitenden hat.

Rein über die Fachkompetenz, raus über die Sozialkompetenz

Das hat Depiereux besonders in der Covid-Zeit bemerkt, damals war er als Mitgründer CEO der Digitalberatung Etventure: „Wenn du mehr Zeit one-on-one mit Mitarbeitenden hast, merkst du eher, was bei ihnen los ist. Du musst als Führungskraft aber Zeit dafür investieren.” Das wäre aber gerade in Bezug auf die mentale Gesundheit der Menschen wichtig.

Die Führungskräfte, die das nicht tun, scheitern, so Depiereux: „Mein Leitsatz in der Unternehmensführung ist: Rein über die Fachkompetenz, raus über die Sozialkompetenz.” Denn im Hiring-Prozess werden Leute oft überwiegend über deren fachliche Leistungen bewertet. Das ist naheliegend, weil die Bewertung schneller und verlässlicher möglich ist. „Und dann merkst du im Laufe der Zeit, wie sozialkompetent sie sind. Und wenn sie das nicht können, kannst du sie schulen – oder du musst sie rausnehmen.” Aus Sicht von Depiereux investieren deutsche Unternehmen hier zu wenig. 

Digital-Messias spricht sich für weniger Digitales aus

Die korrekte, aber vom digitalen Messias etwas überraschende Erkenntnis ist aber, dass es für mehr mentale Gesundheit neben guter Führung auch weniger Digitales braucht. Besonders die sozialen Medien würden die Probleme verstärken. Weil Menschen ständig posten, wie toll es bei ihnen ist – dabei gehe es ihnen oft eigentlich gar nicht gut. Den Digitalverzicht hat er sogar in der eigenen Familie umgesetzt: „Ich erziehe meine Kinder bis zum 14. Lebensjahr weitgehend digitalfrei – kein Handy, kein Tablet, nichts. Und das funktioniert gut, die sind keine Outsider.” Denn, und da kommt Depiereux auf sein Ursprungsthema zurück: „Die Kompetenzen, die unsere Kinder, aber auch wir Erwachsene haben müssen, sind sozial. Wir brauchen weniger Digitales, damit wir digital gesund sind.”

Diese Sache haben die USA uns voraus

Im Hinblick auf den Umgang mit Therapien, psychischen Erkrankungen und mentalem Wohlbefinden, sieht er seine Wahlheimat USA den Deutschen voraus. Dazu ist es aus seiner Sicht nötig, mit Selbstliebe durch die Welt zu gehen. Damit, das sagt Depiereux auch selbst, heilt man erkrankte Menschen natürlich nicht. Aber für gesunde Menschen helfe die Mentalität schon: „Das fängt schon in der Schule an: Am Elternsprechtag [in Deutschland] geht es super viel darum, was alles schlecht läuft. Auch wenn total viel gut ist. In den USA werden die Stärken hart abgefeiert. Und das hilft, das Selbstwertgefühl zu steigern.”

Den negativen Blick auf Wirtschaft, Gesellschaft und Arbeitswelt kann Depiereux insofern nicht nachvollziehen: „In Deutschland ist quasi alles besser: Gesundheitsversorgung, Infrastruktur, Politik. Alles – außer dem Mindset.” Daran aber können wir arbeiten.

Auf eine positiv gestimmte Woche!

(fms, Jahrgang 1993) ist UX-Berater, Medien- und Wirtschaftsjournalist und Medien-Junkie. Er arbeitet als Content-Stratege für den Public Sector bei der Digitalagentur Digitas. Als freier Autor schreibt er über Medien und Marken und sehr unregelmäßig auch in seinem Blog weicher-tobak.de. Er hat Wirtschafts- und Technikjournalismus studiert, seinen dualen Bachelor im Verlag der F.A.Z. absolviert und seit mindestens 2011 keine 20-Uhr-Tagesschau verpasst.