Arbeitgeber sind auch selbst schuld am Arbeitszeitbetrug

Auf Social Media trenden Posts, die die wildesten Geschichten zeigen, bei denen Arbeitnehmende ihren Arbeitgeber betrügen. Das ist dreist – aber Arbeitgeber sind auch selbst schuld.
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Frederic M. Servatius schreibt an dieser Stelle über die moderne Arbeitswelt. (© privat; Montage: Katharina Höhner)

„Arbeitszeitbetrug ist Menschenrecht!” So schreibt es zumindest ein Reddit-User. Er ist mit seiner Meinung ganz offenkundig nicht alleine: Bei TikTok, Threads, Reddit und Instagram ist Arbeitszeitbetrug zum echten Trend geworden.

Da wird munter nach Inspiration für Arbeitszeitbetrug oder den krassesten Storys gefragt. Was man den Leuten lassen muss: Sie werden durchaus kreativ, um nicht arbeiten zu müssen. Da tummeln sich Geschichten von Menschen, die in einem Lager ein Bett aus Inkontinenzvorlagen bauen oder Menschen, die jahrelang mit einem Klemmbrett von Büro zu Büro tingeln und den Menschen dort ein paar kritische Fragen stellen. Die Person, so diese Geschichte, täuscht Betriebsamkeit vor, wurde aber bei einer Umstrukturierung schlicht vergessen. Und tut alles, um bloß nicht bemerkt zu werden, damit sie weiter dem Nichtstun frönen kann.

So viel Arbeit, um nicht zu arbeiten – das ist beeindruckend und widersinnig zugleich.

Gesucht: Inspiration für Arbeitszeitbetrug

Doch die Mehrheit von hunderten Posts und Antworten sind nicht diese verrückten Zufallsgeschichten, deren Echtheit sich ohnehin kaum verifizieren lässt. Nein, der große Teil ist das Brot- und Butter-Geschäft: der alltägliche Arbeitszeitbetrug. Die meisten Kommentierenden sprechen von zu frühem Einstempeln, verlängerten Mittagspausen oder teilen Tipps, wie der Laptop im Homeoffice nicht auf abwesend springt. Eine Armbanduhr unter die Maus legen, ist da ein viel gelesener Tipp.

Es wäre natürlich nicht Social Media, wenn die Emotionen nicht hochkochen würden. Da wird sich einerseits aufgeregt, dass Kaffeetrinken kein Arbeitszeitbetrug sei. Und auf der anderen Seite kommentieren Menschen, wie dreist sie die positive Anerkennung für Arbeitszeitbetrug finden. Für beide Positionen gibt es gute Argumente. Man kann von mangelnder Solidarität sprechen oder dass diese Menschen Mitschuld an der aktuellen wirtschaftlichen Misere haben. Falsch ist das nicht. Aber es greift zu kurz. Denn die Arbeitgeber sind selbst zumindest teilweise schuld.

Diese zwei Gruppen begehen Arbeitszeitbetrug

Welche Arbeitnehmer begehen Arbeitszeitbetrug? Wenn man den Kommentaren Glauben schenken darf, sind das vor allem zwei Gruppen. Gruppe eins: Die Unterbeschäftigten, also diejenigen, die eine Stelle haben, bei denen es nicht genug zu tun gibt; die also ihre vertraglich vorgesehene Arbeitszeit nicht sinnvoll füllen können, selbst wenn sie bereits unproduktiv arbeiten. Und dann ist da Gruppe 2: Die Hyperproduktiven, also diejenigen, die ihre Arbeitszeit produktiver nutzen als Kolleginnen und Kollegen und daher bereits fertig mit ihrer Arbeit sind, während andere noch an ihren Aufgaben sitzen. Hieße also: Permanent Minusstunden machen, weil es nicht genug zu tun gibt.

Eine Gruppe scheint es hingegen kaum zu geben – auch wenn man es vielleicht vermuten würde: Die Faulen, also diejenigen, die per se einfach keinen Bock auf ihren Job haben und trotz langer To-Do-Liste einfach nach Möglichkeiten suchen, nicht zu arbeiten. Sicherlich mag es die auch mal geben. Aber die Menschen auf den sozialen Netzwerken treten ihren Arbeitszeitbetrug und ihre Gründe bereitwillig breit. Es gibt also wenig Grund anzunehmen, dass ihre Beschreibungen inkorrekt sind. Und von reiner Faulheit liest man hier fast nicht.

Wir hängen zu stark an stundenbasierter Arbeit

Natürlich kann man sowohl produktiven als auch unterbeschäftigten Mitarbeitenden vorwerfen, dass sie sich ja ihre Aufgaben suchen könnten. Aus dem Agenturalltag gesprochen: Man findet eigentlich immer eine Aufgabe, auch wenn sie nicht maximal produktiv oder wirtschaftlich ist. Natürlich sind Arbeitnehmende auch in der Holschuld. Das große Aber: Es gibt definitiv auch Fälle, in denen Menschen deutlich fragen, was es noch zu tun gibt – und dennoch leer ausgehen.

Das größere Problem kommt aber von Arbeitgeberseite: In vielen Berufen, gerade in Medien und Marketing, hängen wir noch zu stark an stundenbasierten Arbeitszeitmodellen, bei denen Zeit gegen Geld getauscht wird. Warum eine Abkehr von der Zeiterfassung zum Beispiel in Agenturen ohnehin sinnvoll sein kann, haben wir an anderer Stelle bereits diskutiert. Hier aber wird noch klarer: Menschen streng nach Zeit zu beurteilen, bringt wenig, entscheidend ist die Leistung. Natürlich dürfen dabei gesetzliche Arbeitszeitregelungen nicht ignoriert werden. Aber das scheint zumindest im Falle der Arbeitszeitbetrüger ja ohnehin nicht das Problem.

Arbeitgeber und Arbeitnehmer profitieren beide von anderen Modellen

Wenn aber Menschen eine Leistung erbringen, die ihr Gehalt rechtfertigt und dabei weniger Zeit benötigen, als ihre Kolleginnen und Kollegen, warum sollen sie dann nicht Feierabend machen dürfen? Oder sie erbringen zusätzliche Leistungen – dann müssen sie dafür aber auch entsprechend entlohnt werden. Ich formuliere diesen fast neoliberalen Gedanken nur ungern. Aber: Leistung muss sich lohnen. Das ist so betrachtet auch aus Sicht der Arbeitnehmer sinnvoll.

Doch es ist nicht nur für denjenigen sinnvoll, die dann vielleicht ein paar Euro mehr verdienen. Es lohnt sich auch für Arbeitgeber, die nun stärker leistungsgerecht bezahlen. Man wird nicht jeden Regelbruch damit stoppen. Aber insgesamt führt es zu zufriedeneren Mitarbeitenden, die kaum noch Möglichkeiten haben, überhaupt einen Regelbruch zu begehen. Vor allem aber haben sie auch keine Motivation mehr, das zu tun.

Die Arbeitgeber sind aber schlicht auch selbst Schuld, wenn ihnen massiver Arbeitszeitbetrug gar nicht auffällt. Wer nicht weiß, welche Mitarbeitenden für sie arbeiten und was sie tun, dem ist sowieso nicht zu helfen. Unternehmen, die ihre Strukturen so wenig im Griff haben, denen nützen auch politische Impulse wie Bürokratieabbau wenig. Sie brauchen einfach neue Führungskräfte. Und oft auch ein neues Arbeitsmodell.

Auf eine betrugsfreie Woche!

(fms, Jahrgang 1993) ist UX-Berater, Medien- und Wirtschaftsjournalist und Medien-Junkie. Er arbeitet als Content-Stratege für den Public Sector bei der Digitalagentur Digitas. Als freier Autor schreibt er über Medien und Marken und sehr unregelmäßig auch in seinem Blog weicher-tobak.de. Er hat Wirtschafts- und Technikjournalismus studiert, seinen dualen Bachelor im Verlag der F.A.Z. absolviert und seit mindestens 2011 keine 20-Uhr-Tagesschau verpasst.