Beim zweiten Peking-Halbmarathon gewann in diesem Jahr erstmals ein Roboter das Rennen. Der humanoide Laufroboter „Blitz“ der chinesischen Marke Honor (gehört zu Huawei) kam nach 48:19 Minuten neun Minuten früher ins Ziel als der aktuelle menschliche Weltrekordhalter. Beeindruckend ist vor allem die Steigerung: Im letzten Jahr brauchte der schnellste Roboter noch 2:40 Stunden bis ins Ziel.
Dieser Sieg steht symbolisch für eine generelle Entwicklung in der Robotertechnologie: Die Hardware ist mittlerweile nicht mehr das Problem. Fortschritte bei Elektromotoren und in der Mikroelektronik machen Roboter robust, leicht und zuverlässig. Bis Blitz allerdings unsere Botengänge in Windeseile übernimmt, muss zunächst noch an der Autonomie gearbeitet werden. Der Halbmarathon-Gewinner wurde für diesen Wettbewerb quasi ferngesteuert.
Deutschland auf Platz 3 hinter China und den USA
Natürlich handelte es sich bei Blitz um einen chinesischen Roboter, doch wir Deutschen brauchen uns nicht zu verstecken. Auf der Weltrangliste der Integratoren – das sind die Unternehmen, die dafür sorgen, dass Roboter in Unternehmen überhaupt funktionieren – steht Deutschland auf Platz 3, gleich hinter China und den USA. Mit Agile Robots und Neura Robotics haben wir zwei Roboterunternehmen, die eigene Modelle entwickeln, um am Zukunftsmarkt der physischen KI, wie Roboter auch gerne in der Industrie genannt werden, zu partizipieren.
Laut der Roland-Berger-Studie „Humanoid Robots 2026 – The Convergence Moment for a New Market“ könnten humanoide Roboter zukünftig für zwei US-Dollar pro Stunde arbeiten. Für eine Wirtschaft mit Fachkräftemangel ein möglicher Baustein zur Lösung des Problems. Zwischen 300 und 750 Milliarden US-Dollar Umsatz sollen bis 2035 erreicht werden. Langfristig könnte der Markt der „Physical AI“ auf vier Billionen US-Dollar ansteigen und die Stückzahl hergestellter Roboter die der Autos übersteigen. Wer will da nicht dabei sein?

KI beschleunigt Softwareentwicklung
Jetzt ist es allerdings nicht so, als ob es bisher noch keine Roboter gegeben hätte. Woher kommt also der neuerliche Boom auf die metallischen Hampelmänner? Und was wird sich ändern?
Während die Hardware als gelöst betrachtet werden kann, ist die eigentliche Herausforderung die Intelligenz. Dank generativer KI, World Models und anderer neuer Ansätze in der KI-Forschung beschleunigt sich die Entwicklung der Software rapide. Wenn es bislang Monate bis Jahre dauerte, einem Roboter etwas beizubringen, verkürzt sich diese Spanne dank KI deutlich, gesetzt den Fall, es gibt genügend Trainingsdaten. So zumindest die aktuelle Hoffnung.
Fachkräftemangel treibt Robotereinsatz
Auch Axel Banoth sieht sein Unternehmen und die Branche vor einer großen Welle. Seit gut zwei Jahren ist er Geschäftsführer von RoboPlanet, das Roboter in den Einzelhandel, in Kliniken, in die Gastronomie und Hotellerie oder in Lager und in die Produktion bringt. Das Unternehmen gehört zu den oben erwähnten Integratoren. Diese Welle komme vor allem wegen des Fachkräfte- und Personalmangels, so glaubt Banoth. Der Bärenanteil verkaufter Roboter, die vor allem aus China kommen, sind aktuell Reinigungsroboter, erklärt der Geschäftsführer. Das liegt vor allem an der Muttergesellschaft: RoboPlanet ist Teil der 117 Jahre alten Wackler-Gruppe, die im Facility-Management tätig ist.
Dabei sei Reinigungsrobotik weitaus komplizierter als Service- oder Transportrobotik. Unterschiedliche Böden, Reinigungsmittel und Hygieneansprüche erfordern, dass das Personal sich jeden Fall genau anschaut. Banoth erzählt, wie sie bei einem Logistikanbieter zwei Mitarbeitende zwei Wochen eingesetzt haben, um acht Roboter auf 90.000 Quadratmetern zu installieren. Gerade große Flächen sind für Menschen sehr anstrengend zu reinigen. Der perfekte Einsatzort für die maschinellen Helferlein. Am Ende gehe es den Unternehmen aber vor allem um KPIs, so Banoth. „Die Erwartungshaltung unserer Kunden ist, dass es günstiger wird.“
Einsatz in Kliniken und Hotels
Auch in Kliniken sind sie tätig. Die Herausforderung dort: die zahlreichen Türen zwischen den Abteilungen. Dafür ist es unausweichlich, dass es ein gutes Facility-Management gibt, um den Weg für die Kommunikation zwischen Roboter und Tür zu ermöglichen. Die braucht es auch in Hotels, wenn Serviceroboter funktionieren sollen, die Bestellungen eigenständig aufs Zimmer bringen. Nicht jedes Hotel ist bereit für Robotik. Sind Flächen stufenfrei? Kann der Roboter in den Aufzug fahren? Ist der Roboter mit dem Aufzugssystem verbunden und kann selbstständig die Etage wählen? Dass das geht, weiß Banoth zu berichten. Erst kürzlich war er in Shanghai. Ganze Roboterflotten seien dort unterwegs. Wenn dann der Serviceroboter am Hotelzimmer angekommen ist, wird über einen QR-Code am Gerät bezahlt.
Gerade die Hotellerie scheint für die Robotikbranche spannend zu sein. Die Plaza Hotelgroup mit Sitz in Heilbronn geht mit Neura Robotics aus Metzingen eine Kooperation ein. Ihr aktueller Humanoider 4NE1 (gesprochen: for anyone) soll das Hotelpersonal an der Rezeption, im Service und im Housekeeping unterstützen. „Unsere Branche befindet sich im Wandel. Mit Neura Robotics entwickeln wir konkrete Lösungen für den Hotelalltag“, sagt CEO Yonca Yalaz. Wie viele Einheiten zum Einsatz kommen sollen, will die Hotelgruppe auf Nachfrage noch nicht beantworten. Es geht zunächst darum, das Projekt zu starten. Mit über 65 Hotels in Deutschland, Österreich und den Niederlanden gibt es aber großes Potenzial.
4NE1 ist mittlerweile so weit, dass er sich so geschmeidig wie ein Mensch bewegen kann und mehrere Sprachen spricht. Doch es gibt noch viel zu tun. In sogenannten „NeuraGyms“ müssen bestimmte Handlungsabläufe tausendfach wiederholt werden, um sie zu filmen und sie dann der KI zum Training vorzulegen. Trainingsdaten sind also das Nadelöhr.

Neura Robotics hat dafür eine Strategie: Partnerschaften mit Schlüsselunternehmen. Ein Blick in die Rubrik Pressemeldungen auf Neuras Webseite offenbart eine wahre Partnerflut. Neben den Industriepartnern wie Nvidia oder Qualcomm, die für das technische Fundament wichtig sind, sticht eine bereits im Juni letzten Jahres angekündigte Partnerschaft mit dem Wuppertaler Staubsaugerhersteller Vorwerk hervor: Da soll 4NE1 den Thermomix bedienen können.
Roboter beeinflussen das Branding
Neben der Entlastung des Personals in ganz praktischen Dingen könnten robotische Systeme fürs Branding immer spannender werden. Bisher war Branding auf visuelle (Logo), auditive (Jingle) oder textliche (Tone of Voice) Ebenen beschränkt. Durch humanoide oder spezialisierte Roboter wird die Marke kinetisch. Markenverantwortliche können nun definieren, wie eine Marke „geht“ oder „gestikuliert“. Ein Roboter von Neura Robotics im Flagship-Store eines Luxuslabels wird sich anders bewegen als ein Greeter-Bot bei MediaMarkt. Die physische Choreografie wird Teil der Corporate Identity.
An Greeter-Bots für Autohäuser arbeitet RoboPlanet bereits. Mit einer Anbindung an die Knowledge Base des Herstellers kann der Roboter über ein LLM Fragen zum Modell beantworten. „Das wird so ein bisschen ein Herantasten sein. Die Testphase geht demnächst los“, berichtet Axel Banoth.
Auch in Sachen humanoider Robotik ist das Unternehmen aus München schon aktiv: „Da haben wir jetzt die ersten Testcases, weil wir seit letztem Herbst festgestellt haben, dass sich da was getan hat bei den Humanoiden. Das ist enorm.“ Banoth geht von einem Quantensprung in drei bis fünf Jahren aus, ordnet die Entwicklung aber auch ein: Der Einsatz humanoider Roboter sei aktuell nur in geschlossenen Bereichen möglich. Das sei eine Frage der Versicherung.






