Lebt lieber multidimensional! 

Man kann in Deutschland nur eine Sache sein: Marketer oder Aktivist, selten beides. Über zehn Jahre mit zwei Identitäten, in einer Kultur, die ihre Schubladen liebt, und die Hoffnung, dass ausgerechnet KI unseren Blick neu definiert.
Gerald Hensel ist Managing Partner der Marketingberatung Superspring.
Gerald Hensel ist Managing Partner der Marketingberatung Superspring. (© Saskia Uppenkamp / Montage: Olaf Heß)

Dies ist meine letzte Kolumne an dieser Stelle. Drei Jahre lang durfte ich hier Kommentare hinterlassen, die sich meist an der Schnittstelle von Markenarbeit und Gesellschaft bewegten. Das hatte einen Grund.

Angefragt wurde ich seinerzeit, weil ich als Marketing-Mann mit sozialem Gewissen gelte, als aktivistischer Typ. Neben dem Job als strategischer Berater bin ich studierter Politologe. 2016 hatte ich meine „15 Minutes of Fame“ mit der viral gegangenen Aktion #KeinGeldFürRechts, die eigentlich kaum mehr war als ein paar Tweets. Es folgten ein wochenlanger, organisierter Shitstorm mit etlichen Morddrohungen, die Kündigung, Auftritte bei Böhmermann, Porträts im „Spiegel“ und am Ende die Mitgründung von HateAid. Seit zehn Jahren mache ich zwei Dinge parallel. Geld verdiene ich nur mit einem.

Marketer + NGO-Mitgründer = ?

Verstanden habe ich erst spät, wie schwer es in Deutschland ist, zwei Dinge zu tun, die nicht zwingend etwas miteinander zu tun haben. Marketer und NGO-Mitgründer? Dann ist man doch sicher Nachhaltigkeits-Marketer. Sofort wird aus zwei Dingen ein ordentliches drittes gemacht, eine Schublade, in die beides gerade so hineinpasst. Ist man nicht Nachhaltigkeits-Marketer, stottert ganz oft das Verständnis für die Identität und das Angebot. Das habe ich mehr als einmal erlebt.

Das scheint ein deutsches Problem zu sein. Erst gestern erzählte mir ein Partner, der in China lebt, wie selbstverständlich vielfältig seine Student*innen dort aufgestellt sind. Freundeskreise bestehen aus völlig verschiedenen Identitäten, ohne dass das jemanden wundert. Manga-Girl und Karriere-Boy, Goth und Neo-Punk, alles miteinander vereinbar.

Bei uns ist das anders. Wir lieben unsere Schubladen, und eine Schublade kennt nur einen Inhalt, nicht drei. Die Deutschen sind schließlich nicht umsonst als Prozessoptimierer bekannt. Vielfalt stört da nur.

Mehr Platz für mehr Vielfalt

Deshalb als Statement zum Abschluss: Ich wünsche uns allen mehr Platz für mehr Vielfalt in unseren Rollen und in unserem Selbstverständnis. Die Schönheit unserer professionellen Welt liegt in der Möglichkeit zur Diversität. Man kann Marketingstratege sein und nebenbei eine NGO gründen. Man kann Designerin sein und Mittelalter-Rollenspiele organisieren. Man kann Journalist sein und sich als Queer-Aktivistin verstehen. Mehr und mehr Menschen schaffen es, diese Rollen zu kombinieren.

Vielleicht macht ausgerechnet KI das leichter. Wir leben in einer Zeit der Side-Hustles, in der viele an kleinen Projekten nebenher arbeiten. Einige werden scheitern, andere Dinge werden groß. Meine Hoffnung ist, dass sich damit auch unser Blick auf das ändert, was einen Menschen ausmacht. Wir dürfen alle mehr als eins sein, und wir sollten es auch. Unsere Zeit gibt uns so viele Möglichkeiten dazu wie nie. Was noch wachsen darf, ist unser aller Blick auf die wahre Komplexität unserer Mitmenschen.

Danke fürs Lesen. Wir sehen uns, in der einen oder anderen Identität.

Gerald Hensel ist Managing Partner der Marketingberatung Superspring. Der Kolumnist hat die NGO HateAid mitgegründet und setzt sich seit vielen Jahren aktiv gegen Gewalt und Desinformation im Netz ein.