Rückschritt beginnt mit Schweigen 

Diese Kolumne ist meine letzte. Und vielleicht auch die persönlichste. Über Gleichberechtigung, gesellschaftliches Schweigen – und die Frage, warum mich genau das zunehmend wütend macht.
Virginie Briand ist Partnerin bei Deloitte Creative Consultancy.
Virginie Briand ist Partnerin bei Deloitte Creative Consultancy. (© Thorsten Jochim, Montage: Olaf Heß)

Es gibt gesellschaftliche Entwicklungen, die beginnen nicht mit einem Knall. Nicht mit einem Verbot, keinem politischen Umsturz und keiner großen öffentlichen Eskalation. Sie beginnen leiser. Mit einer vorsichtigeren Sprache, mit Begriffen, die langsam aus Präsentationen, Strategiepapieren oder öffentlichen Statements verschwinden, mit Organisationen, die zwar weiterhin handeln – aber nicht mehr offen darüber sprechen wollen.

Vielleicht erleben wir genau das gerade beim Thema Gleichberechtigung.

Vor wenigen Wochen wurde Marie-Louise Eta zur ersten Cheftrainerin eines Männerteams in der Fußballbundesliga ernannt. Eigentlich ein Moment, den man schlicht als Fortschritt verbuchen könnte: Eine hoch qualifizierte Führungskraft übernimmt Verantwortung in einer der sichtbarsten Männerdomänen Europas.

Doch bemerkenswert war nicht nur die Ernennung selbst. Bemerkenswert war vor allem die Reaktion darauf. Union Berlin sah sich gezwungen, öffentlich gegen sexistische Kommentare Stellung zu beziehen. Im Jahr 2026. Und plötzlich ging es nicht mehr um sportliche Kompetenz, Führungsqualität oder strategische Entscheidungen – sondern wieder um das Geschlecht einer Frau.

Bedenkliche gesellschaftliche Atmosphäre

Genau darin liegt das eigentlich Beunruhigende. Nicht in einzelnen Kommentaren oder digitalen Reflexen, die sich leicht als Randphänomen abtun lassen. Sondern in der gesellschaftlichen Atmosphäre, in der solche Reaktionen wieder anschlussfähig werden. In einer Zeit, in der Fortschritt formal sichtbar ist – und gleichzeitig fragiler wirkt als lange angenommen.

Gleichberechtigung wird heute selten frontal angegriffen. Die Mechanismen sind subtiler geworden. Unternehmen streichen Begriffe wie „Diversity“, „Gender“ oder „Gleichstellung“ aus Kommunikationslinien und öffentlichen Positionierungen. Nicht unbedingt, weil sich ihre Überzeugungen verändert hätten, sondern weil das Sprechen darüber riskanter geworden ist.

Was früher als Haltung galt, gilt heute schnell als Ideologie. Was einst als Fortschritt verstanden wurde, wird zunehmend als Übertreibung verhandelt. Viele Organisationen reagieren darauf mit dem reflexhaftesten aller Krisenmechanismen: Rückzug.

Menschen verteidigen den Fortschritt nicht genug

Vielleicht erleben wir deshalb gerade eine gesellschaftliche Entsolidarisierung durch Schweigen. Denn Fortschritt verschwindet selten abrupt. Er verschwindet, wenn Menschen beginnen zu glauben, man müsse ihn nicht mehr aktiv verteidigen. Oder wenn sie Schweigen mit Neutralität verwechseln. Dabei ist Schweigen niemals neutral. Schweigen stabilisiert fast immer den bestehenden Zustand.

Gerade deshalb ist Sprache weit mehr als ein kommunikatives Detail. Sprache entscheidet darüber, was sichtbar bleibt – und was langsam aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwindet. Was nicht mehr benannt wird, verliert an Kontur und irgendwann auch an Relevanz.

Haltung zeigt sich im Gegenwind

Vielleicht ist genau das die eigentliche Bewährungsprobe unserer Zeit: Ob gesellschaftliche Werte auch dann Bestand haben, wenn ihre Verteidigung unbequem wird. Haltung zeigt sich schließlich nicht in Phasen breiter Zustimmung, sondern dort, wo Gegenwind entsteht.

Ich habe lange darüber nachgedacht, worüber ich meine letzte Kolumne schreiben möchte, und mich dann bewusst für dieses Thema entschieden. Nicht nur, weil mich die zunehmende Vorsicht im öffentlichen Diskurs beschäftigt. Sondern weil mich wütend macht, wie schnell Rückzug heute als Vernunft erscheint und wie leise sich gesellschaftliche Standards verschieben können, ohne dass es größeren Widerspruch auslöst.

Der Fall Marie-Louise Eta steht deshalb für weit mehr als Fußball. Er zeigt, wie fragil Fortschritt selbst dort bleibt, wo wir ihn längst für selbstverständlich hielten. Vielleicht sollten wir genau deshalb aufmerksamer werden. Nicht nur für das, was laut gesagt wird, sondern auch für das, was zunehmend niemand mehr sagen will.

Der gefährlichste Rückschritt ist nicht der sichtbare, sondern der, der sich als Vernunft tarnt.

Virginie Briand ist Partnerin Creative Consulting bei Deloitte Digital. Die Kolumnistin unterstützt seit über 20 Jahren Führungskräfte und Organisationen bei der Kommunikation.