Nicht alle Männer, aber immer ein Mann 

Eigentlich ist das hier eine Marketingkolumne. Eigentlich sollte es um Purpose, Engagement und Markenverantwortung gehen. Eigentlich. Doch es ist nicht die Zeit für eigentlich. 
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Für seinen gesellschaftlichen Einsatz wurde Michael Fritz als „Markenpersönlichkeit 2024“ mit dem Marken-Award ausgezeichnet. (© Viva con Agua, Montage: Lars Deutsch)

Seit Collien Fernandes öffentlich über sexuelle Übergriffe und digitale Gewalt spricht, hat sich etwas verschoben. Deepfakes, Misogynie, Grenzüberschreitungen sind plötzlich nicht mehr nur ein mediales Nischenthema. Sie sind in allen Timelines, Talkshows und endlich auch im politischen Raum angekommen. Der Druck wächst. Endlich. 

Und was passiert gleichzeitig? Der Diskurs wird von unserem Bundeskanzler verschoben. Statt strukturelle Gewalt klar zu benennen, werden rassistische Narrative bedient und das Problem zur Migrationsfrage umgedeutet. Ein altbekanntes Muster, das Verantwortung verwässert und Lösungen verzögert. 

Dabei war es noch nie genug, nur zu reden. Handeln war schon immer der Maßstab. Und genau hier beginnt die unbequeme Wahrheit: Es ist kein Problem der Frauen. Es ist ein gesamtgesellschaftliches Problem. Und vor allem ist es ein Männerproblem.

Marketingwelt als Teil des Problems 

Patriarchale Strukturen durchziehen auch die Marketingwelt. Die Branche, die sich so gern als progressiv inszeniert, ist Teil des Problems. Wie viele Kampagnen reproduzieren Rollenbilder, wie viele Führungsetagen sind männlich dominiert, wie oft wird weggeschaut, wenn Grenzen überschritten werden? 

Ich selbst bin durch viele Bubbles gegangen: Musik, Kunst, Fußball, Entwicklungszusammenarbeit, Start-ups. Überall dasselbe Muster. Es beginnt im Kleinen und endet im Systemischen. 

Zivilcourage ist gerade in Männerrunden gefragt 

Der erste Schritt ist Bewusstsein. Der zweite: zuhören. Und beides ist längst vorbereitet. Feministische Grundlagenarbeit existiert seit Jahrzehnten. Wir Männer müssen sie nicht neu erfinden. Wir müssen sie lesen, verstehen und umsetzen. 

Und dann kommt der entscheidende Punkt: Zivilcourage. Gerade in den sogenannten Männerrunden. Dort, wo „Witzchen“ gemacht werden, die keine sind. Dort, wo Grenzen verschoben werden, ohne dass jemand widerspricht. Genau hier entsteht der Nährboden für das, was später eskaliert. 

Wenn wir es ernst meinen mit Verantwortung, dann beginnt sie nicht in der nächsten Kampagne. Sie beginnt im nächsten Gespräch. 

Alles andere wäre wieder nur eigentlich.

Michael Fritz ist Mitgründer von Viva con Agua und Social Entrepreneur. Seit über 17 Jahren engagiert er sich mit kreativen Projekten wie der Millerntor Gallery, Goldeimer oder Villa Viva für den weltweiten Zugang zu sauberem Trinkwasser. Darüber hinaus nutzt er seine Stimme, um auf gesellschaftliche Missstände wie Rassismus, Diskriminierung oder die Klimakrise aufmerksam zu machen und entwickelt soziale Kooperationen, Projekte und Unternehmen.