Die Geschichte einer ungleichen Zukunft

KI wird zum neuen Privileg der Wohlhabenden. Wer nicht mithalten kann, bleibt außen vor. Die nächste Welle sozialer Ungleichheit rollt längst.
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Gerald Hensel ist Managing Partner der Marketingberatung Superspring. (© Saskia Uppenkamp/ Montage: Olaf Heß)

Unser Verhältnis zu Künstlicher Intelligenz hängt stark davon ab, in welcher Bubble wir uns befinden. Diese Ungleichheit hat auch gesellschaftliche Folgen. Der Zugriff auf KI wird zum Wettlauf um Möglichkeiten und Zukunftschancen, die schon heute nicht gleich verteilt sind. 

Im Marketing erlebe ich aktuell vor allem zwei typische Reaktionen auf die große KI-Transformation: Die einen positionieren sich neu und sehen Chancen. Die anderen rechnen damit, dass ihre Fähigkeit zu denken, zu kreieren und zu verkaufen auf einmal verhandelt wird – zumindest auf materieller Basis. Die Sorge um Geschäftsmodelle ist oft existenziell. 

KI-Transformation trifft das Marketing besonders früh 

Natürlich hat das auch mit unserer Branche zu tun. Zweifellos, wird die KI mittel- und langfristig sehr viele Lebensbereiche verändern. Aber Marketing wird früher durch die KI-Transformation gedreht als andere Branchen, was viele Studien gezeigt haben. Was das praktisch bedeutet, erlebe ich, wenn ich mit Freunden rede, die beruflich andere Schwerpunkte haben. 

Befreundete Mediziner*innen zum Beispiel scheinen das bei uns so omnipräsente Thema KI-Transformation persönlich noch nicht so intensiv zu spüren. Für sie ist es ein interessantes Phänomen, das neue diagnostische Möglichkeiten bedeuten könnte. Die Forschung verändert sich, aber ihr persönlicher Stress – positiv wie negativ – liegt zumeist woanders. 

Wir stecken in unterschiedlichen Bubbles und haben unterschiedliche Sichtweisen auf dieselbe Technologie. Der Sci-Fi-Autor William Gibson sagte ganz richtig: „Die Zukunft ist schon da, sie ist nur nicht gleichmäßig verteilt.“ Auch wenn diese Tatsache in meinem persönlichen Umfeld kein soziales Problem darstellt, sondern eher den Auftakt für interessante Gespräche, könnte das in anderen gesellschaftlichen Feldern bald zum Problem werden. 

Wer Zugriff hat, hat Chancen 

Künstliche Intelligenz wird zu einem immer wichtiger werdenden Element des Produktionsfaktors Wissen. Wer Zugriff hat, hat Chancen. Wer nicht, wird strukturell ausgeschlossen. Das exponentielle Wissenswachstum, das mit KI möglich ist, lässt keinen Raum für Fehlerkorrekturen in Jahren zu, gerade wenn es um die nächsten Generationen geht. 

Ein Beispiel: Der Zugriff auf einen Tech-Stack, den junge Menschen brauchen, um mit KI umzugehen und von ihr zu profitieren, wird mehrheitlich nicht durch Schulen, sondern durch Elternhäuser möglich gemacht. Familien, die sich das leisten können, bauen ihren Kindern früh Zugang auf, investieren Zeit und leben den Umgang vor. Andere können das nicht. Während die einen mit KI-Tools experimentieren, haben die anderen keinen zuverlässigen Internetzugang. Das alles hat das Potenzial, ein Gefälle zu zementieren, das schon jetzt existiert. 

Wir müssen jetzt entscheiden: Ist KI ein Recht oder ein Privileg? Gerade bei ungleichen Zugriffschancen durch soziale Ungleichheit sollten wir früh dafür sorgen, dass die mächtige Technologie nicht zum neuen materiellen Zugangsprivileg wird. Wir können uns in dieser Transformation entscheiden, den Quell der nächsten gesellschaftlichen Ungleichheit früh zu sehen und im Sinne einer stabilen Gesellschaft zu managen. 

Gerald Hensel ist Managing Partner der Marketingberatung Superspring. Der Kolumnist hat die NGO HateAid mitgegründet und setzt sich seit vielen Jahren aktiv gegen Gewalt und Desinformation im Netz ein.