„Es muss erst schlimmer werden“ – Ökonom Lars Feld sagt, was niemand hören will

Beim Konsumklima Summit machte Lars Feld deutlich: Deutschland habe keinen Konjunktur-, sondern einen Reformstau. Der Sozialstaat sei zu großzügig, die Arbeitskosten steigend. Das Problem: Es gehe den Deutschen noch zu gut.
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Die entscheidende Frage kommt am Ende. Ob Deutschland schon an der Schmerzgrenze sei, will ein Zuhörer wissen. Lars Feld, Wirtschaftsprofessor aus Freiburg und ehemaliges Mitglied im Sachverständigenrat (auch als Wirtschaftsweisen bekannt), antwortet ohne zu zögern: „Nein. Noch nicht.“ Eine Pause. Dann der Satz, der hängenbleibt: „Und genau das ist das Problem.“

Beim GfK Konsumklima Summit powered by NIM​​ am 27. November 2025 im Berliner Axica ging es eigentlich um die Frage, was die Kauflaune der Deutschen dämpft. Doch ausgerechnet dort, wo über Preiserwartungen und Konsumtrends diskutiert wurde, hielt Feld eine Diagnose bereit über den wirtschaftlichen Zustand Deutschlands.

Feld meint: Ohne Schmerz kein Wandel. Die Bevölkerung erkenne zwar die Probleme, wolle aber keine persönlichen Nachteile akzeptieren. Die Bereitschaft fehle, Einschnitte hinzunehmen. Und ohne diese werde es keine Reformen geben – weder im Sozialstaat noch bei der Regulierung noch in der Steuerpolitik.

„Deswegen muss es schon ein bisschen schlimmer werden“, sagt er. Nicht zynisch. Nüchtern. Deutschland habe historisch immer erst dann umgesteuert, wenn es nicht mehr anders ging.

Der Mann hinter Lindners Schuldenbremse

Feld ist nicht irgendein Ökonom. Der ehemalige Finanzminister Christian Lindner holte ihn 2022 als wissenschaftlichen Chefberater ins Ministerium – eine Personalie mit klarer ordnungspolitischer Botschaft. Feld gilt als einer der prominentesten Verfechter der Schuldenbremse in Deutschland und steht in der Tradition der Freiburger Schule, jener ordoliberalen Denkrichtung, die Marktwirtschaft mit stabilen staatlichen Regeln verbinden will.

Pressekonferenz mit Christian Lindner FDP, Bundesminister der Finanzen, und Prof. Lars Feld zum Thema: Finanzpolitische Strategie. Berlin, 11.05.2022. Berlin Germany *** Press Conference with Christian Lindner FDP , Federal Minister of Finance, and Prof Lars Feld on Fiscal Strategy Berlin, 11 05 2022 Berlin Germany Copyright: xThomasxKoehlerx
Ex-Finanzminister Christian Lindner und Lars Feld bei einer Pressekonferenz 2022. (Credit: Imago / Thomas Koehler)

Seine Analyse konzentriert sich auf strukturelle Probleme: steigende Arbeitskosten, ein aus seiner Sicht zu großzügiges Sozialsystem, hohe Belastungen durch Regulierung und ein Missverhältnis zwischen Steuern und staatlicher Leistungsfähigkeit.

Genau diese Haltung prägt seinen Auftritt beim Konsumklima Summit. Es ist eine Abrechnung mit dem Deutschland der letzten 15 Jahre – aus Sicht eines Ökonomen, der die Agenda 2010 für nicht weitreichend genug hielt.

Das Paradox der 6,3 Prozent

Es ist diese Logik, die den gesamten Vortrag durchzieht. Feld zeigt eine Grafik zur Arbeitslosenquote: 6,3 Prozent, etwa die Hälfte dessen, was Deutschland 2005 hatte. Klingt nach guten Nachrichten. Ist es aber nicht, sagt Feld.

„Warum ist das keine gute Nachricht?“ Er beantwortet die Frage selbst: Erstens gingen gerade gut bezahlte Industriearbeitsplätze verloren – jene, die Familien ein Eigenheim und Wohlstand ermöglichten. Menschen, die damit gerechnet hätten, „ordentlich zu verdienen“, verlören jetzt ihre Existenzgrundlage.

Zweitens – und das ist sein eigentlicher Punkt – verhindere diese niedrige Arbeitslosigkeit die Reformbereitschaft. Ein klares Problembewusstsein sei zwar da, räumt er ein. Das zeigte eine Umfrage von Forsa, die im Sommer die gleichen Fragen wie zu Zeiten von Roman Herzogs berühmter „Ruck“-Rede 1997 gestellt hatten. Die Erkenntnis, dass die Lage problematisch sei, entspreche dem damaligen Niveau.

Aber: „Die Bereitschaft, selber Nachteile hinzunehmen im Zuge von Reformen, ist nicht da.“ Deutschland, so Felds Diagnose, ist in einer Komfortzone gefangen.

Die Lohnkosten-Falle

Feld zeigt eine Kurve, die seit 2011 nach oben zeigt: die realen Lohnstückkosten. Mit einer Unterbrechung während der Inflationskrise steigen sie kontinuierlich. Sein Befund: Deutschland hat sich aus dem Wettbewerb herausgepreist.

Woran liegt das? Nicht an überzogenen Tarifabschlüssen, gibt Feld zu – die nominalen Lohnabschlüsse zwischen 2011 und 2019 seien „einigermaßen maßvoll“ gewesen. Auch nicht primär an den Sozialversicherungsbeiträgen, die erst in den letzten Jahren bei Pflege und Gesundheit anstiegen.

Das Problem sei die Arbeitsmarktregulierung. Sie sei „viel, viel schärfer geworden“. Deutschland habe die Arbeitsmarktreformen der Schröder-Regierung „über das hinaus zurückgedreht, was vertretbar“ sei.

Er erwähnt das Bürgergeld, neue Regelungen beim Kündigungsschutz, Berichtspflichten. Seine Kernthese: Der deutsche Arbeitsmarkt ist nicht mehr flexibel genug. Die Kosten für Arbeit steigen, ohne dass die Produktivität mithält.

Für Feld ist das die Crux der deutschen Wirtschaftspolitik seit der Finanzkrise: In den guten Jahren zwischen 2011 und 2019, als die Arbeitslosigkeit sank und die Wirtschaft wuchs, habe man die Sozialleistungsquote ausgebaut, statt Strukturreformen anzugehen. Man habe die falschen Prioritäten gesetzt – Umverteilung statt Wettbewerbsfähigkeit.

502 Sozialleistungen – und keine Reform

Dann wird Feld grundsätzlich. Deutschland habe „ein zu großzügiges Sozialsystem mit 502 unterschiedlichen Sozialleistungen allein auf Bundesebene“. Die Sozialleistungsquote sei so hoch, dass sie Anreize untergrabe – Anreize zu investieren, Risiken zu übernehmen, zu arbeiten.

„Und das merken wir überall“, sagt er.

Die Politik reagiere darauf nicht mit Reformen, sondern mit noch mehr Ausgaben. Die Staatsquote liege mittlerweile über 50 Prozent und werde weiter steigen. Warum? Weil niemand bereit sei, bestehende Ausgaben zu streichen. Stattdessen würden neue Posten einfach obendrauf gepackt.

Feld nennt ein Beispiel: das angekündigte Infrastrukturpaket der Bundesregierung. Er verweist auf Analysen – von seinem Kollegen Peter Bofinger für die Böll-Stiftung bis zum IW Köln –, die zeigen, dass die geplanten „Investitionen“ zum großen Teil umgelabelte Konsumausgaben seien. „Nur der Berater des Bundesfinanzministers versucht noch, das zu retten“, sagt Feld spitz – eine Anspielung auf seinen Nachfolger im Finanzministerium.

Zusammen mit dem Würzburger Ökonomen Wolf Heinrich Reuter habe er sich die Haushaltstitel im Detail angeschaut. Das Ergebnis: Statt der offiziell kommunizierten knapp 50 Prozent, die in Investitionen fließen sollen, lägen die echten Investitionen bei 25 Prozent. Der Rest? Transfers und Konsum.

Man könnte das als klassisches neoliberales Argumentieren betrachten: Staatliche Ausgaben werden nicht nach ihrer sozialen Wirkung bewertet, sondern danach, ob sie „produktiv“ sind – also Wachstum generieren. Transfers gelten als unproduktiv, Infrastruktur als produktiv. Die Frage, ob soziale Sicherheit selbst ein Wert sein könnte oder ob Menschen in unsicheren Verhältnissen überhaupt investieren und konsumieren können, stellt sich Lars Feld nicht.

Feld: „Eine hausgemachte Unsicherheit“

Feld zeigt eine weitere Kurve: wirtschaftliche Unsicherheit, gemessen über KI-gestützte Auswertungen von Zeitungsartikeln und anderen Quellen. Deutschland liegt dauerhaft über dem weltweiten Durchschnitt. „Das nennt man German Angst“, sagt Feld.

Aber der jüngste Anstieg habe eine klare Ursache: 2021 die neue Regierung, dann der russische Angriff auf die Ukraine, dann – nach einer kurzen Entspannung – der Ampel-Streit. Und schließlich die Angst vor einer Rückkehr Trumps.

Was Feld irritiert: „Die Amerikaner haben auch einen Trump, und die sind nicht so verunsichert.“ Seine Schlussfolgerung ist hart: German Angst sei nicht Natur. Sie sei hausgemacht. Und sie sei ein ökonomischer Faktor. Wer unsicher ist, kaufe später. Wer unsicher ist, investiere weniger. Unsicherheit, sagt Feld, sei kein Gefühl – sondern ein Wachstumskiller. So machten Investoren aus dem Ausland „einen großen Bogen um Deutschland.“

Die Regulation, die niemand durchschaut

Ein weiterer Punkt, der Feld am Herzen liegt: die Regulierung. Er spricht vom „Goldplating“ – dem deutschen Reflex, EU-Richtlinien nicht nur umzusetzen, sondern zu verschärfen. Das Muster sei immer gleich: Deutschland erfinde strengere Regeln, drängt die EU, sie zu übernehmen – und ruiniere sich damit selbst die Wettbewerbsfähigkeit.

Er zeigt eine Grafik zum jährlichen Erfüllungsaufwand der Verwaltung. Die Kurve steigt steil – und bleibt oben. „Die Verwaltung hat einen Erfüllungsaufwand, der massiv gestiegen ist“, sagt Feld. Mit anderen Worten: Die Bürokratie reduziert sich nicht. Sie wuchert.

Die Bundesregierung habe zwar Deregulierung angekündigt – beim Baurecht gehe etwas voran. Doch was wirklich helfen würde, bleibe liegen: eine Reform des Verfahrensrechts, die Genehmigungen um drei bis fünf Jahre beschleunigen könnte. Beim Artenschutz passiere nichts. Beim Arbeitsrecht auch nicht.

Seine Lösung folgt einer ordnungspolitisch klaren Logik: Der Staat müsse sich aus dem operativen Wirtschaftsgeschehen zurückziehen – weniger Steuern, weniger Regulierung, ein flexiblerer Arbeitsmarkt. Gleichzeitig betont Feld aber die Notwendigkeit eines starken Staates als Regelsetzer: stabile Haushalte, verlässliche Verfahren, klare Wettbewerbsordnung.

Lars Feld: „Keine Rezession – ein Strukturproblem“

Feld unterscheidet klar zwischen Konjunktur und Struktur. Die zwei Rezessionen 2023 und 2024 seien „im Rahmen dessen, was wir seit dem Zweiten Weltkrieg schon hatten“. Der Einbruch habe „maximal bei einem Prozent“ gelegen.

Das eigentliche Problem liege woanders: Der Trend der Industrieproduktion zeige seit dem ersten Quartal 2018 nach unten. Ohne Unterbrechung. Unternehmen investierten nicht mehr in Deutschland – aber sie investierten. In der Schweiz, in Polen, in den USA, in Asien.

„Die Unternehmen sehen für den Absatz ihrer Produkte eine Chance, sie irgendwo in der Welt abzusetzen“, sagt Feld. „Sie investieren hier nicht, weil die Kosten zu hoch sind.“

Arbeit und Soziales, Energie, Steuern, Regulierung – überall stimme das Verhältnis nicht mehr. Bei Steuern zahle man viel, bekomme aber schlechte Infrastruktur, Energie sei zu teuer trotz gesunkener Börsenpreise durch Abgaben und Umlagen zu hoch. Bei Regulierung verliere man sich in einem Dickicht, das niemand mehr durchschaue.

Dass die von ihm positiv erwähnten Länder wie die Schweiz, die Niederlande oder Dänemark teils weit robustere staatliche Institutionen haben – in Bildung, Infrastruktur oder aktiver Arbeitsmarktpolitik –, bleibt in seiner Analyse außen vor. Feld interessiert sich weniger für die Größe des Staates, sondern für dessen Effizienz. Genau dieser Fokus lässt allerdings einen blinden Fleck entstehen: dass ein leistungsfähiger Staat nicht automatisch ein „zu großer“ sein muss. So gibt die Schweiz viel mehr für Bildung aus als Deutschland, Dänemark investiert massiv in aktive Arbeitsmarktpolitik und die Niederlande haben sehr starke, zentralisierte Infrastrukturanstalten.

Was bleibt: ein Appell an den Schmerz

Am Ende des Vortrags bittet eine Zuhörerin um etwas Hoffnung. Ob nicht die jüngere Generation, die digitaler unterwegs sei, einen anderen Druck aufbauen könne?

Lars Feld antwortet versöhnlich: Deutschland habe in der Geschichte immer wieder die Fähigkeit zum Umsteuern bewiesen. Technologisch sei man stark, die Eigenkapitalbasis vieler Unternehmen solide, Innovation finde statt. Aber dann kommt der Zusatz: „Es braucht halt noch ein bisschen.“

Bis dahin, so seine düstere Prognose, werde Deutschland weiter zuschauen, wie andere investieren, wie Unternehmen abwandern, wie die Industrie schrumpft. Nicht weil es nicht anders ginge. Sondern weil niemand bereit ist, den Preis für Veränderung zu zahlen.

„Die Substanz der deutschen Wirtschaft ist nicht schlecht“, sagt Feld zum Abschluss. „Das Problem ist, dass die Rahmenbedingungen nicht stimmen. Und wenn diese staatliche Politik nicht in eine andere Richtung geht, werden wir weiterhin nicht vorankommen.“

Ein Optimist, sagt er über sich selbst, sei er trotz allem. Hoffnung sterbe zuletzt. Aber erst müsse es eben noch ein bisschen schlimmer werden.

(amx, Jahrgang 1989) ist seit Juli 2025 Chefredakteur der absatzwirtschaft. Er ist weder Native noch Immigrant, doch auf jeden Fall Digital. Der Wahlberliner mit einem Faible für Nischenthemen verfügt über ein breites Interessenspektrum, was sich bei ihm auch beruflich niederschlägt: So hat er bereits beim Playboy, in der Agentur C3 sowie beim Branchendienst Meedia gearbeitet.