Wirtschaft ist kein Zuschauerraum 

Unternehmen können sich nicht länger heraushalten. In Zeiten gesellschaftlicher Fragmentierung und wachsendem Misstrauen braucht es Haltung – jenseits von Symbolpolitik. Verantwortung ist kein PR-Thema. Sondern Führung.
Virginie Briand ist Partnerin bei Deloitte Creative Consultancy.
Virginie Briand ist Partnerin bei Deloitte Creative Consultancy. (© Thorsten Jochim, Montage: Olaf Heß)

Früher konnten sich Unternehmen aus politischen Fragen heraushalten. Die Politik war der Ort der Haltung, Wirtschaft der Ort der Bilanz. Heute geht das nicht mehr. Wer kommuniziert, positioniert sich – ob er will oder nicht. Und wer Verantwortung trägt, muss sie auch öffentlich machen. 

Die Frage ist nicht mehr, ob wir Stellung beziehen, sondern wie – ohne platt zu werden. 

Fast zwei Drittel der Deutschen zweifeln laut einer YouGov-Umfrage an der Zukunft der Demokratie. Das ist kein Betriebsunfall. Es ist ein gesellschaftliches Alarmsignal – und es geht nicht nur Politik oder Medien etwas an. Auch Unternehmen sind Teil des öffentlichen Raums. Sie prägen Arbeitskultur, Öffentlichkeit, Dialog. Und sie erreichen Menschen, die Institutionen längst nicht mehr erreichen. 

Demokratie ist mehr als ein Stakeholder-Thema 

Demokratie ist die Grundlage dafür, dass Wirtschaft überhaupt funktionieren kann: Rechtsstaat, Verlässlichkeit, Meinungsfreiheit – das ist das Fundament für alles, was wir tun. Wer dieses Fundament nicht schützt, riskiert seine gesellschaftliche Lizenz. Und seine Zukunftsfähigkeit. 

Trotzdem herrscht in vielen Unternehmen eine seltsame Doppelbewegung: Haltung, ja – aber bitte ohne Reibung. Verantwortung, ja – aber ohne Risiko. Zwischen Shitstorm-Angst und Shareholder-Druck wächst das Bedürfnis, unpolitisch zu bleiben. Aber Nichtpositionierung ist längst keine neutrale Entscheidung mehr. 

Es reicht nicht, Haltung zu posten – man muss sie aushalten

Politische Verantwortung heißt heute: Haltung zeigen, ohne auf Meinung zu reduzieren. Verständlich bleiben, ohne sich zu vereinfachen. Nicht Symbolpolitik betreiben – sondern Strukturen, Prozesse und Entscheidungen danach ausrichten. Das ist keine Kampagne. Es ist strategische Führung. 

Was es dafür braucht, ist ein neues Verständnis von Partnerschaft zwischen Wirtschaft, Politik und Gesellschaft. Kein Schulterschluss auf dem Panel, sondern ehrliche Zusammenarbeit auf Augenhöhe. Denn wer Teil des Marktes ist, ist Teil der Gesellschaft. Und wer Teil der Gesellschaft ist, darf nicht schweigen, wenn diese Gesellschaft bröckelt. 

Virginie Briand ist Partnerin Creative Consulting bei Deloitte Digital. Die Kolumnistin unterstützt seit über 20 Jahren Führungskräfte und Organisationen bei der Kommunikation.