Empörungsmarketing spaltet 

Empörung verkauft sich gut. Doch sie spaltet Gesellschaften, belohnt Kurzschlussreaktionen und entzieht dem Marketing seine Verantwortung. Warum wir weniger Shitstorms und mehr Dialog brauchen. 
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Für seinen gesellschaftlichen Einsatz wurde Michael Fritz als „Markenpersönlichkeit 2024“ mit dem Marken-Award ausgezeichnet. (© Viva con Agua, Montage: Lars Deutsch)

Immer häufiger beobachte ich, dass Marken und Influencer bewusst auf Empörungsmarketing setzen. Nicht als Unfall, sondern als Strategie. Shitstorms werden einkalkuliert, manchmal sogar inszeniert. Aufmerksamkeit um jeden Preis. 

Ehrlich gesagt geht mir vieles im Marketing am A vorbei. Zu oft dient es dazu, Produkte zu verkaufen, die wir nicht brauchen und die unsere Welt eher beschädigen als verbessern. Trotzdem glaube ich an die Kraft von Kommunikation. Und genau deshalb halte ich Empörungsmarketing für gefährlich. 

Empörung wirkt wie Dopamin, besonders auf ein ADHS-Hirn. Sie triggert Reflexe, nicht Reflexion. Sie belohnt Zuspitzung statt Differenzierung. Und sie spaltet. 

Empörung verändert selten Systeme 

Natürlich müssen Missstände benannt werden. Aber es macht einen Unterschied, ob ich kritisiere, um Veränderung zu ermöglichen, oder ob ich polarisiere, um Reichweite zu erzeugen. Diese Grenze verschwimmt gerade massiv. 

Ein Beispiel aus meinem Leben: In den 80er-Jahren hat die Werbebranche uns erfolgreich eingeredet, dass Wasser aus Plastikflaschen besser, schöner und gesünder sei. Deshalb heißen diese Produkte „pure“, „balance“ oder „life“. 

Dabei ist Wasser ein Menschenrecht. Wasser ist Natur. Und Natur gehört niemandem. Wasser in Plastik zu verpacken, um damit Gewinne zu maximieren, ist auf vielen Ebenen falsch. Aus all dem ließe sich perfektes Empörungsmarketing machen. Aber verändert Empörung wirklich die dahinterliegenden Systeme? Meist nicht. 

Verantwortung statt Reizüberflutung 

Ich habe durch mein ADHS zu vielem eine Meinung – wie auch hier. Die entscheidende Frage ist für mich aber nicht, ob meine Meinung laut ist, sondern ob sie nützt. Bringt sie die Welt weiter? Fördert sie Verständnis? Oder generiere ich gerade nur Zustimmung und Likes, während ich selbst Teil des Problems werde? 

Die Marketing-Bubble ist sich ihrer gesellschaftlichen Verantwortung oft nicht bewusst genug. Kommunikation formt Kultur. Und eine Kultur permanenter Empörung verlernt zuzuhören, auszuhalten und zu differenzieren. 

Wenn Empörungsmarketing niemandem hilft, weder der Gesellschaft noch den Kreierenden selbst, dann lasst es! Langfristig schadet es allen. 

Empört euch nicht! Engagiert euch! 

Michael Fritz ist Mitgründer von Viva con Agua und Social Entrepreneur. Seit über 17 Jahren engagiert er sich mit kreativen Projekten wie der Millerntor Gallery, Goldeimer oder Villa Viva für den weltweiten Zugang zu sauberem Trinkwasser. Darüber hinaus nutzt er seine Stimme, um auf gesellschaftliche Missstände wie Rassismus, Diskriminierung oder die Klimakrise aufmerksam zu machen und entwickelt soziale Kooperationen, Projekte und Unternehmen.