Die Irrelevanz der Relevanz und die Relevanz der Irrelevanz 

An dieser Stelle schreibt Michael Fritz, Aktivist und Co-Gründer von Viva con Agua, über seine Wahrnehmung der modernen Werbewelt. Heute: der Siegeszug irrelevanter LinkedIn-Posts und belangloser Social-Media-Content.
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Für seinen gesellschaftlichen Einsatz wurde Michael Fritz als „Markenpersönlichkeit 2024“ mit dem Marken-Award ausgezeichnet. (© Viva con Agua, Montage: Lars Deutsch)

Ich behaupte – und das darf ich ja in „meiner“ Kolumne, wobei das Wort „meine“ in Bezug auf Gedanken, Sprache oder Texte eh schon paradox wirkt –, dass wir in einer Zeit leben, in der das wirklich Relevante kaum noch Aufmerksamkeit bekommt. Dafür aber das Irrelevante immer weiter eskaliert – algorithmisch beschleunigt, visuell aufgeblasen, strategisch kuratiert. 

Willkommen im goldglänzenden Zeitalter der Aufmerksamkeitsökonomie 

Ein 14-Sekunden-Clip, in dem jemand einen Smoothie über seinen Kopf kippt, generiert mehr Reichweite als ein investigativer Artikel über Kinderarbeit in der Lieferkette eines globalen Modekonzerns.  

Eine Influencerin, die sich über ihr Horoskop aufregt, erzielt mehr Interaktion als eine Petition für gerechtere Bildungspolitik. Und der CEO, der einen LinkedIn-Post über „Selfcare“ schreibt, während sein Konzern 800 Leute entlässt, bekommt Applaus-Emojis en masse. 

Was läuft hier schief? 

Vielleicht gar nichts – zumindest aus Sicht der Plattformen. Ihre Systeme belohnen, was klickt. Was klickt, ist oft das Schrille, Kuriose, Einfache. Was nicht klickt, ist häufig das Komplexe, Unbequeme, Langsame. Relevanz stört da nur. Sie macht schlechte Laune, verlangt Reflexion, unterbricht die Scrolltrance. 

Aber was macht das mit uns? 

Wir verlernen, zu unterscheiden. Zwischen Substanz und Spektakel. Zwischen wichtig und laut. Zwischen echter Bedeutung und bloßer Sichtbarkeit. Und irgendwann kommt der Punkt, an dem wir nicht mehr nur konsumieren, sondern glauben: Das, was oft gesehen wird, ist relevant. Die Relevanz der Irrelevanz wird zur neuen Norm. 

Vielleicht braucht es einen radikalen Bruch. 

Vielleicht wird TikTok bald das neue Nokia. Die Plattformen unserer Zeit wirken heute unersetzlich – bis sie es nicht mehr sind. Denn wer ständig optimiert, verliert irgendwann die Orientierung. Wer immer mehr Reichweite will, verliert irgendwann die Beziehung. Und wer nur noch in viralen Momenten denkt, verliert den langfristigen Sinn. 

Ich glaube an eine Rückkehr der echten Relevanz. Nicht im Sinne von Schwere oder Ernsthaftigkeit – sondern von Bedeutung. Von Kontext. Von Haltung. Von echter Verbundenheit. 

Was, wenn wir wieder lernen, Aufmerksamkeit nicht als Selbstzweck zu betrachten, sondern als Verantwortung? 

Was, wenn Marken, Medien und Menschen aufhören, irrelevanten Hype zu jagen – und anfangen, relevant zu handeln? 

Vielleicht bedeutet das, leiser zu werden. Vielleicht bedeutet das, langsamer zu kommunizieren. Vielleicht bedeutet das, nicht mehr auf jeden Trend aufzuspringen, sondern einen Standpunkt zu entwickeln, der trägt – auch wenn niemand klatscht. 

Ich weiß, das klingt unpraktisch. Unsexy. Utopisch. Aber vielleicht ist es gerade deshalb das Relevante in einer Zeit, in der das Irrelevante dominiert. 

Und wenn nicht? Dann lesen wir uns bald in einer neuen Kolumne: „Die Relevanz der Langeweile und der Untergang der Unterhaltung“.  

Michael Fritz ist Mitgründer von Viva con Agua und Social Entrepreneur. Seit über 17 Jahren engagiert er sich mit kreativen Projekten wie der Millerntor Gallery, Goldeimer oder Villa Viva für den weltweiten Zugang zu sauberem Trinkwasser. Darüber hinaus nutzt er seine Stimme, um auf gesellschaftliche Missstände wie Rassismus, Diskriminierung oder die Klimakrise aufmerksam zu machen und entwickelt soziale Kooperationen, Projekte und Unternehmen.