Eine Liebeserklärung an das ADHS 

An dieser Stelle schreibt Michael Fritz, Aktivist und Co-Gründer von Viva con Agua, über seine Wahrnehmung der modernen Werbewelt. Heute erzählt er von seiner Superpower ADHS und dem Raum, den neurodivergente Mitarbeitende brauchen.
250703 ABSW_Marketing_dein_Ernst_1800x1200_V3
Für seinen gesellschaftlichen Einsatz wurde Michael Fritz als „Markenpersönlichkeit 2024“ mit dem Marken-Award ausgezeichnet. (© Viva con Agua, Montage: Lars Deutsch)

Ich schreibe als maximal privilegierter weißer CIS Dude, der mit Viva con Agua gründen durfte, der 27 Jahre an einer Universität eingeschrieben war, um dann scheinfrei abzubrechen. Seit einem Jahr habe ich offiziell eine ADHS-Diagnose – davor habe ich oft damit kokettiert. In meinem Reisepass steht: ADHS Kevin Straßencoeter, eingetragen unter „Künstler-, Religions- und Ordensname“. 

Es ist wichtig, zu verstehen, aus welcher Rolle heraus ich schreibe: Für mich ist ADHS eine Superpower. Ich hatte das Glück zu gründen, zu studieren, frei und wild zu sein, mich auszuprobieren. Ich hatte Urvertrauen, vor allem durch meinen Kompagnon, den Initiator von Viva con Agua Benjamin Adrion, der meinem kreativen sozialen Wahnsinn stets mit Offenheit begegnete. 

Ich war mit ADHS nie falsch 

Doch diese Superpower war nicht immer ein Geschenk. In der Schule am OHG in Ludwigsburg wurde ich oft in die Ecke gestellt – Gesicht zur Wand, weil ich „gestört“ habe. Ich war immer zu laut, zu viel, zu irgendwas. Erst heute checke ich: Ich war nie falsch, ich bin einfach neurodivergent. 

Für mich ist das heute befreiend. Aber vielen anderen geht es nicht so. Für sie bedeutet ADHS keine Superpower, sondern eine ständige Herausforderung. Weil sie in starren Strukturen gefangen sind. Weil sie nicht die beruflichen Freiheiten haben wie ich. Weil ihre Vorgesetzten kein Verständnis zeigen. Weil sie keine Betreuerin haben, die abfedert. 

Haben neurodivergente Menschen Raum bei Euch? 

Und um mit einem Vorurteil aufzuräumen: „ADHS hat ja jetzt jeder.“ Nein! Das ist schlicht falsch. Rund 5 Prozent der Kinder und Jugendlichen und 2 bis 3 Prozent der Erwachsenen in Deutschland haben ADHS. Das sind zwei bis drei Millionen Menschen. Keine Modeerscheinung. Keine Krankheit. Sondern Gehirne, die einfach anders funktionieren. 

Was das mit Euch zu tun hat? Sehr viel. Reflektiert Eure Arbeitskultur: 

Wenn ihr Freiräume schafft, erschließt ihr ungeahnte Innovations- und Schöpfungskraft. Wenn nicht, geht dieses Potenzial verloren – oder schlimmer: Menschen brennen aus. 

Es braucht einen offenen Diskurs, damit ADHS nicht als Störung, sondern als Ressource verstanden wird.

Michael Fritz ist Mitgründer von Viva con Agua und Social Entrepreneur. Seit über 17 Jahren engagiert er sich mit kreativen Projekten wie der Millerntor Gallery, Goldeimer oder Villa Viva für den weltweiten Zugang zu sauberem Trinkwasser. Darüber hinaus nutzt er seine Stimme, um auf gesellschaftliche Missstände wie Rassismus, Diskriminierung oder die Klimakrise aufmerksam zu machen und entwickelt soziale Kooperationen, Projekte und Unternehmen.