Die Stundensätze von Freelancern sinken. Seit 2016 erhebt der Freelancer-Kompass Daten zum Status der Freiberufler. Über 5.400 Freelancer hat der Report diesmal befragt. Der Report zeigt: Der durchschnittliche Stundensatz der Freelancer ging im Jahr 2025 zum ersten Mal zurück. Zwar sinkt die Zahl nur geringfügig. Von 104 Euro auf 103 Euro. Doch schon die Tendenz zeigt: Die Verhandlungsmacht von Freiberuflern scheint gerade zu sinken, denn 62 Prozent der Freelancer wollen auch in diesem Jahr ihre Stundensätze nicht erhöhen. Neun Prozent planen sogar, die Stundensätze zu senken. Immerhin: Der Gender-Pay-Gap bei den Freelancern schrumpft. Während Männer 2022 im Durchschnitt 97 Euro verdienten und Frauen 88 Euro, waren die Werte 2025 mit 104 zu 100 Euro näher aneinander – aber eben noch nicht gleich.
Neben schwierigen Preiserwartungen ist auch die Auftragslage der Freiberufler unsicher: 43 Prozent der Befragten geben an, keine fixen Aufträge zu haben – nicht einmal für einen Monat. Weitere 12 Prozent können gerade für einen Monat planen. Mehr als die Hälfte weiß also nicht, was in 30 Tagen passieren wird.
Ein Viertel hat weniger als 50 bezahlte Tage pro Jahr
Politisch weiß man das sowieso nicht – während die Ölpreise nach oben schießen und die Börsen nach unten stürzen, ist das kein Wunder. 76 Prozent der Befragten sehen auch die politischen Rahmenbedingungen als unzureichend an.
Und dann ist da noch die tatsächliche Auslastung. Etwa ein Viertel der Freelancer hat weniger als 50 bezahlte Tage im Jahr. Davon hauptberuflich zu leben, dürfte ziemlich schwer werden – wenn nicht die Stundensätze enorm sind. Doch ein Großteil der befragten Freelancer macht den Job hauptberuflich oder hat sogar eigene Angestellte.
All das sind keine rosigen Aussichten. Man könnte also glauben, dass Menschen den Weg in die vermeintlich sichere Festanstellung gehen wollen.
84 Prozent würden sich wieder selbstständig machen
Und trotzdem: 84 Prozent der Freelancer würden sich wieder selbstständig machen. Daten der Bertelsmann-Studie zeigen auch: 40 Prozent der 14- bis 25-Jährigen können sich vorstellen, ein eigenes Unternehmen zu gründen. Das Durchschnittsalter von Gründenden ist laut KfW mit 34,4 Jahren auf dem Tiefstwert. Die Jungen wollen also immer öfter als Freelancer arbeiten.
Die Hauptgründe für den großen Willen zur Freiberuflichkeit sind: freie Zeiteinteilung, freie Entscheidung, die Hoffnung auf höheres Einkommen und ortsunabhängiges Arbeiten.
Kein Notnagel: Nur 10 Prozent gründen wegen Kündigung oder Arbeitslosigkeit
Der Mangel an Alternativen scheint in der Tat nur einen kleinen Teil der Motivation auszumachen, wenn man den Zahlen der Studie glauben darf. Denn während 38 bis 55 Prozent die vorgenannten Gründe angeben, haben lediglich 10 Prozent wegen Kündigung oder Arbeitslosigkeit ihre Tätigkeit gestartet.
Freelancing ist kein Notnagel, es ist Plan A. Die Freelancer gründen in der Regel aus eigener Motivation heraus, nehmen sich dann 29 Tage Urlaub im Jahr und arbeiten 42 Stunden pro Woche. Da kann man schon fragen, welche Vorteile es gegenüber der Festanstellung de facto gibt.
Kriegen Freelancer ein KI-Problem? Abrechnungsmodelle sind nicht up to date
Freie Zeiteinteilung ist in der Theorie auch deshalb attraktiv, weil man nicht für das Ableisten von Stunden bezahlt wird. Wer nicht auf Stunden schaut, kann sich beispielsweise vom Bullshit endloser Meetings lossagen. Nicht der performative Akt ist entscheidend, sondern die tatsächliche Leistung. Schaut man aber nun auf die Abrechnungsmodelle, so geben 55 Prozent der für den Freelancer-Kompass Befragten an, mit Stunden- oder Tagessätzen abzurechnen. Hier ergibt sich also auch wieder eine Abhängigkeit von abgeleisteter Arbeit – und eben nicht von Ergebnissen. Weitere 23 Prozent sind Mischmodelle, die auch Tages- oder Stundensätze beinhalten können. Nur 22 Prozent sind in ihren Preismodellen unabhängig davon.
Das wird spätestens in Zeiten von Künstlicher Intelligenz ein Problem: Auftraggeber erwarten Effizienzgewinne durch KI. Wenn ich die als Freelancer generiere, dann brauche ich für die gleiche Aufgabe weniger Zeit. Was erst mal gut klingt – aber wenn ich meine Zeit verkaufe, heißt mehr Effizienz gleich weniger Umsatz.
Wer sehr repetitive Aufgaben macht, schaut in Richtung Insolvenz
Freelancer können aber gleichzeitig auch nicht auf Effizienzgewinne durch KI verzichten. Dann wird jemand anderes ihren Job mittelfristig günstiger anbieten können. Insbesondere, wer sehr repetitive Aufgaben macht, wird auf Dauer eher eine Insolvenz sehen als ein florierendes Business. Im Kern ist die Folge bei stundenbasiertem Arbeiten: Freelancer müssen mehr Aufträge gewinnen, und das ist oft genug mit Akquise-Aufwand verbunden.
Heißt also: Entweder müssen die Freelancer ihre Abrechnungsmodelle umstellen – oder mehr Akquise betreiben. Umso überraschender ist, dass Freelancer überwiegend eine bessere Auftragslage erwarten. 39 Prozent gehen 2026 von einer verbesserten Auftragslage aus. 2025 waren es nur 33 Prozent. Nur 25 Prozent glauben an eine schlechtere Auftragslage. Auch da sah der Wert im Vorjahr mit 29 Prozent noch schlechter aus.
Es ist vielleicht so ein wenig der Zweckoptimismus, den Freelancer ausstrahlen müssen: Es besteht die berechtigte Hoffnung, dass die großen Krisen vergehen. Vielleicht auch nicht erst nach der Amtszeit von Donald Trump. Wenn die Krisen aber gehen, wird der Wunsch nach Selbstbestimmung bleiben. Das ist übrigens auch für Auftraggeber kein schlechtes Zeichen: Sie bekommen aktuell professionelle Angebote zu verhältnismäßig guten Preisen.
Warum das Freelancen boomt, lässt sich gar nicht so richtig erklären. Das ist vielleicht aber auch nicht entscheidend, denn die Angebote, die sie gerade machen, sind gut. Es muss aber auch gelingen, die eigene Arbeit zu verkaufen – und das nach Möglichkeit nicht stundenbasiert.
Auf eine selbstbestimmte Woche!

