Gebt Muslimen Feiertage!

„Muslime bekommen keine Extra-Feiertage“ – so lautete eine Überschrift, die in der zugehörigen Debatte zu kollektivem Durchatmen führte. Doch warum sollte es für andere Religionen kein Recht auf freie Tage geben?
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Frederic M. Servatius schreibt an dieser Stelle über die moderne Arbeitswelt. (© privat; Montage: Katharina Höhner)

Kurz vor den Feiertagen und in der letzten Ausgabe dieser Kolumne im Jahr 2025 ist es Zeit für ein bisschen Besinnlichkeit und Nächstenliebe. Ich möchte sie mit einer Forderung starten: Gebt allen arbeitstätigen Muslimen in Deutschland ihre wichtigsten Feiertage frei! Wenigstens das.

Um es vorweg zu sagen: Diese Kolumne ist kein Rage Bait. Es geht nicht darum, wütende Reaktionen zu triggern. Und auch wenn es womöglich trotzdem passiert: Menschen in einem säkularen Land an ihren Feiertagen arbeitsfrei zu geben, mag gewisse Komplexitäten mit sich bringen. Es ist aber vor allem respektvoll und menschlich.

Grundgesetz erfordert quasi freie Feiertage für Muslime

Dazu kommt: Das Grundgesetz garantiert ein Recht auf freie Religionsausübung. Wer das ernst meint, der kommt um wenigstens eine Hand voll freier Feiertage gar nicht herum. Egal, von welcher Religion nun die Rede ist. Wenn ich in diesem Text an weiteren Stellen von Muslimen spreche, dann bezieht sich das explizit auch auf Betroffene anderer Religionen – denn natürlich geht es nicht darum, Muslimen Privilegien zu verschaffen und andere Menschen zu benachteiligen.

Diskutieren können wir darüber, wie das Modell der freien Tage konkret aussehen sollte. Mindestens sollten Muslime einen fixen Anspruch darauf haben, Urlaubstage an ausgewählten Feiertagen zu bekommen. Ausnahmen sollte es nur so weit geben, wie auch in anderen Fällen Arbeit an Feiertagen angeordnet werden kann. Zu sagen, dass es aber doof ist, dass ein Mensch an einem eigentlich normalen Arbeitstag nicht arbeitet, reicht hier nicht. Das darf auch für Arbeitgeber in der Arbeitsplanung keine unüberwindbare Hürde darstellen.

Feiertage verschieben ist schwierig

Denkbar, aber wohl rechtlich nicht ganz so trivial, wäre es auch, wenn Muslime andere Feiertage verschieben dürften. Dieser Vorschlag ist womöglich nicht ganz so praktikabel. Denn oft folgt daraus, dass die Betroffenen an anderen arbeitsfreien Tagen arbeiten müssten, um den Ausgleich zu schaffen. Das aber dürfte in vielen Unternehmen gar nicht so trivial sein. Eine Person allein im Friseursalon könnte je nach Organisation vielleicht klappen. Im Bürojob ist es nur dann wirklich sinnvoll, wenn Menschen zumindest tageweise ohne Meetings durch den Tag kommen. Eine Supermarktfiliale allein zu schmeißen, ist hingegen eher schwierig.

Feiertage lassen sich also nicht so leicht schieben – sie lassen sich aber durchaus ersetzen. In einer Zeit, in der 52 Prozent der Menschen in Deutschland keine Christen mehr sind, darf man durchaus infrage stellen, ob es so viele christliche Feiertage braucht. Zumal sie sowieso mehrheitlich nicht als solche begangen werden. Oder mal im Ernst: Wann haben Sie zuletzt Fronleichnam gefeiert?

Christliche Feiertage gegen muslimische ersetzen

Christliche Feiertage vereinzelt gegen muslimische zu ersetzen, wäre also durchaus eine Option. Selbst Friedrich Merz als christdemokratischer Bundeskanzler sagt, dass für ihn der Pfingstmontag entfallen könnte. Auch in diesem Modell müsste man denjenigen, die es mit ihrer Religion ernst meinen, ihren Feiertag nicht wegnehmen: Christen, die den Pfingstmontag so wichtig finden, sollten entsprechend auch einen Anspruch auf einen Urlaubstag haben – genau wie Muslime.

Mir ist klar, dass allein der Vorschlag für Aufregung reichen dürfte. Ein muslimischer Feiertag in Deutschland? Das dürfte für manchen im Wortsinne der Untergang des Abendlandes sein. Dabei ist, einen echten muslimischen Feiertag einzuführen, keine Islamisierung. Es ist gelebte Integration. Es ist eine Anerkennung der Realitäten, denn natürlich dürfte es einen solchen Feiertag auch für andere Gruppen geben.

Niemand, wirklich niemand, will uns Weihnachten oder Ostern wegnehmen! Aber die Kultur stärker so abzubilden, wie sie tatsächlich ist, schadet weder unserer Gesellschaft noch unserer Arbeitskultur. Und bevor sich Argumente auf unsere christlich-jüdische Tradition berufen: Jüdische Feiertage spielen im hiesigen Kalender, wenn man ehrlich ist, keine Rolle. Wenn man das also ernst meint, dann spricht es höchstes dafür, auch einen jüdischen Feiertag mit in den Kalender aufzunehmen.

Das Problem: aufgeregte Debatten

Das größere Problem an Diskussionen um das Thema ist aber ohnehin, wie die Debatte geführt wird. In Schleswig-Holstein haben Land und Landesverband der Islamischen Kulturzentren Norddeutschland e.V. (VIKZ) einen Kooperationsvertrag unterschrieben, der vorsah, künftig den ersten Tag des Ramadan und den ersten Tag des Opferfestes als Feiertage zu würdigen. 

Das bedeutet allerdings gerade keine zusätzlichen Feiertage, sondern die Möglichkeit für Beamte, Beschäftigte oder Schülerinnen und Schüler muslimischen Glaubens, eine Freistellung zu bekommen. Dazu kommt: Die Regelung sieht vor, dass eine Freistellung „betriebliche[n] Notwendigkeiten nicht entgegenstehen“ darf. Die Freistellung ist also deutlich weniger sicher, als an einem echten Feiertag frei zu haben.

Dennoch ist die Aufregung in der Debatte riesengroß – und es wird lauthals von Unterwerfung gesprochen. Dabei gibt es genau diese Regelungen schon lange. Explizit zum Beispiel für Protestanten beim Buß- und Bettag. Aber implizit auch für Muslime und ihre hohen Tage.

Bessere Arbeitskultur und Anerkennung des Glaubens

Fakt ist am Ende: Für eine bessere Arbeitskultur und die Anerkennung von Menschen und ihrem Glauben muss es möglich sein, mindestens eine Freistellung zu schaffen. Es muss möglich sein, die wenigen Tage anders zu regeln. Genauso wie es Unternehmen aktuell möglich sein muss, die vielen Feiertage im Mai zu bewältigen.

Natürlich lässt sich grundsätzlich darüber diskutieren, ob es zu viele Feiertage gibt und wir als Gesellschaft produktiver sein müssen. Diese Diskussion auf dem Rücken muslimischer Mitbürger zu führen, ist aber unredlich. Gerade jetzt zu Weihnachten.

Auf erholsame und besinnliche Tage der Nächstenliebe!

(fms, Jahrgang 1993) ist UX-Berater, Medien- und Wirtschaftsjournalist und Medien-Junkie. Er arbeitet als Content-Stratege für den Public Sector bei der Digitalagentur Digitas. Als freier Autor schreibt er über Medien und Marken und sehr unregelmäßig auch in seinem Blog weicher-tobak.de. Er hat Wirtschafts- und Technikjournalismus studiert, seinen dualen Bachelor im Verlag der F.A.Z. absolviert und seit mindestens 2011 keine 20-Uhr-Tagesschau verpasst.