MeToo und Machtmissbrauch machen auch vor der Agenturwelt keinen Halt. Das zeigen die neuesten Daten des GWPR Annual Index 2024: Rund 50 Prozent der Befragten haben sexuelle Belästigung oder unangemessenes Verhalten erlebt. Trotzdem bleiben viele Fälle ungeklärt. Doch Agenturen können juristisch, strukturell und kulturell viel tun, um Sicherheit und Respekt zu fördern.
Viele Agenturen leben eine offene, kreative Kultur, die Nähe und Gemeinschaft fördert. Feierabendbier, Kickerturniere, Workations – all das stärkt den Teamgeist, bringt aber auch Risiken mit sich. Wenn die Grenze zwischen Freundschaft und Führung verschwimmt, entstehen Grauzonen, in denen Grenzen leichter überschritten werden. In flachen Hierarchien ohne formalisierte Prozesse fehlt oft die Struktur, um Grenzüberschreitungen professionell aufzufangen.
Strukturen schaffen, statt Schweigen
In der Praxis zeigt sich: Es sind nicht die großen Vorsätze, die helfen, sondern klare Abläufe. Agenturen sollten wissen, wer im Fall eines Vorwurfs handelt, wer zuhört und wer schützt. Das bedeutet:
- Eine neutrale Ansprechperson benennen: intern und/ oder extern.
- Beschwerden dokumentieren und nachverfolgen, statt sie „informell“ zu klären.
- Führungskräfte schulen, wie sie sich richtig verhalten, wenn Mitarbeitende sich an sie wenden.
- Einen Werte- und Verhaltenskodex etablieren, der für alle gilt, auch für die Führungsebene.
Juristisch sind Unternehmen verpflichtet, Beschäftigte vor sexueller Belästigung zu schützen (§ 12 AGG). Das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz definiert sexuelle Belästigung als „unerwünschtes, sexuell bestimmtes Verhalten“, das die Würde der betroffenen Person verletzt, unabhängig davon, ob eine körperliche Berührung vorliegt. Entscheidend ist das Empfinden der betroffenen Person, nicht die Absicht der Handelnden.
Jeder Arbeitgeber ist verpflichtet, eine AGG-Beschwerdestelle einzurichten. Zudem sieht das Hinweisgeberschutzgesetz bei Unternehmen ab 50 Mitarbeitenden unter anderem vor, interne Meldestellen einzurichten. Auch kleinere Agenturen profitieren von klaren Abläufen und sensibilisierten Mitarbeitenden. Es gilt: Fehlverhalten verhindern, bevor es entsteht. Agenturen, die sich hier transparent aufstellen, schützen nicht nur (mögliche) Betroffene, sondern auch sich selbst vor rechtlichen Risiken.
Haltung zeigen und Grenzen für ein respektvolles Miteinander setzen
Ein sicherer Arbeitsplatz entsteht nicht allein durch Policies, sondern durch Haltung und Wissen. Viele Agenturen scheitern nicht am guten Willen, sondern an Unsicherheit: Wie muss reagiert und was muss gemeldet werden? Wie dokumentiert man richtig?
Wichtig zu wissen: Führungskräfte dürfen bei bekanntwerdenden Vorwürfen nicht untätig bleiben. Aus der rechtlichen Fürsorgepflicht gemäß § 241 Abs. 2 BGB folgt, dass Hinweise auf sexuelle Belästigung unverzüglich, sachgerecht und unparteiisch aufgeklärt und Betroffene wirksam geschützt werden müssen. Wer Hinweise ignoriert oder bagatellisiert, verletzt diese Pflicht. Betroffene haben Anspruch darauf, dass der Arbeitgeber Schutzmaßnahmen ergreift, das können – je nach Verhältnismäßigkeit – Abmahnung, Versetzung oder Kündigung der belästigenden Person sein.
Drei Maßnahmen, die sofort wirken:
1. Sensibilisierung: Schulungen zu sexueller Belästigung schaffen Bewusstsein, auch für unbewusste Grenzüberschreitungen.
2. Vertrauliche Meldewege: Eine externe Ombudsstelle oder digitale Whistleblower-Systeme gewährleisten Neutralität und Datenschutz.
3. Klare Kommunikation: Wer offen zeigt, dass Beschwerden ernst genommen und rechtlich korrekt bearbeitet werden, senkt die Hemmschwelle für Betroffene.
Prävention als Wettbewerbsfaktor
Viele Agenturen fürchten, dass Transparenz über Sexismus dem Image schadet. Das Gegenteil ist der Fall: Eine Kultur, die anerkennt, dass Sexismus auch in der Kommunikations- und Kreativbranche weit verbreitet ist, und das Thema aktiv angeht, schafft psychologische Sicherheit und wird gerade für junge Talente attraktiv, die Wert auf Integrität, Fairness und Schutz legen.
Sexuelle Belästigung ist kein Randphänomen, sondern eine strukturelle Herausforderung. Nur wer klare Regeln etabliert, Haltung zeigt und Verantwortung übernimmt, schützt nicht nur Mitarbeitende, sondern auch die eigene Marke – und damit das, was Agenturen stark macht: Kreatives Miteinander, Vertrauen und Glaubwürdigkeit.
