„Wir sagen Nein zu Propaganda“ 

KI-Videos sind massenhaft produzierbar – ein Nährboden für Fake News und Slop-Content. Synthesia-Gründer Victor Riparbelli erklärt, warum er auf strikte Moderation setzt – und dennoch an die Zukunft von KI-Videos glaubt.
KI-Videos Victor Riparbelli
Victor Riparbelli, Mitgründer und CEO von Synthesia: Das britische Start-up ist mit 2,1 Milliarden US-Dollar bewertet. (© Victor Riparbelli)

KI macht die Videoproduktion billig und skalierbar – und damit auch anfällig für Fake News und Slop-Content. Synthesia ist ein britisches Start-up, das sich auf die Produktion von KI-Videos spezialisiert hat. Das Unternehmen setzt auf klare Grenzen und strikte Moderation.  

Gründer Victor Riparbelli, dessen Unternehmen inzwischen mit 2,1 Milliarden US-Dollar bewertet wird, sprach mit uns auf der Inbound 2025 in San Francisco, warum er „Nein zu Propaganda“ sagt, wieso Avatare nur ein kleiner Teil des Produkts sind – und weshalb er trotz Risiken fest an die Zukunft von KI-Video glaubt. 

Herr Riparbelli, wenn KI-Videos massenhaft und billig produziert werden, entsteht eine Flut an Slop-Content. Läuft eine Marke da nicht Gefahr, dass ihre Botschaften im Rauschen untergehen – oder sogar mit minderwertigen Inhalten assoziiert werden? 

Am Ende entscheidet immer die Qualität des Inhalts, egal wie er produziert wurde. Schon heute erreichen 99 Prozent der Videos auf Plattformen kaum Reichweite, weil sie nicht gut sind. Klar, die Masse nimmt zu und damit steigt der Druck auf Algorithmen, das Relevante zu kuratieren. Aber: Wer gute, relevante Inhalte produziert, wird auch mit KI durchdringen. 

Wer trägt die Verantwortung dafür, dass KI-Videos nicht für Desinformation oder Schock-Content missbraucht werden – Sie als Anbieter oder die Plattformen? 

Wir tragen Verantwortung und nehmen sie sehr ernst. Jeder Clip, der bei uns erstellt wird, durchläuft eine Content-Moderation. Es gibt klare rote Linien: keine Politik, keine News-Inhalte von Einzelpersonen, sehr restriktive Regeln bei Themen wie Gesundheit oder Kryptowährungen. Nachrichten können nur verifizierte Publisher wie Reuters produzieren. Das unterscheidet uns von vielen Wettbewerbern. Wir haben früh entschieden, auf Ethik und Sicherheit zu setzen. Das zahlt sich aus, weil große Marken nur mit einem vertrauenswürdigen Partner arbeiten wollen. 

Viele Menschen empfinden KI-Avatare in Videos als unheimlich. Wie gehen Sie mit dem „Uncanny Valley“-Effekt um? 

Das Problem ist überschätzt. Im Arbeitskontext zählt Effizienz. Wenn Sie lernen müssen, wie Ihr Pricing-Modell funktioniert, haben Sie die Wahl: ein langes Dokument oder ein kurzes Video – die meisten wählen das Video, auch wenn ein Avatar spricht. Für Entertainment auf TikTok oder YouTube mag das anders sein, dort wollen Menschen echte Gesichter. Aber unser Fokus liegt nicht auf Social Media, sondern auf Training, Support und Vertriebsschulung.  

Und doch wollen Sie Avatare immer realistischer machen? 

Natürlich. Je natürlicher ein Avatar wirkt, desto breiter werden die Einsatzmöglichkeiten. Wir haben gerade ein neues Modell veröffentlicht, das sehr nah an der Realität ist. Aber noch wichtiger ist unser nächstes Produkt: interaktive Videos. Sie schauen nicht nur zu, sondern sprechen mit dem Video. In Trainings simuliert ein KI-Agent etwa Kundeneinwände, die Sie beantworten müssen. So lässt sich prüfen, ob jemand Inhalte wirklich verstanden hat. Wir stellen das Produkt am 1. Oktober vor. 

Sie sagen: Der Avatar ist nur ein kleiner Teil des Produkts. Was meinen Sie damit? 

Ein gutes Video darf nicht nur ein Avatar sein, der ein Dokument vorliest. Es braucht visuelle Hilfen – Grafiken, Screenshots, Einblendungen. Video ist ein Kommunikationskanal mit höherer Bandbreite als Text. Wer nur den Avatar nutzt, schöpft dieses Potenzial nicht aus. Deshalb sage ich: Der Avatar ist nur zehn Prozent des Produkts. 

Sie haben aus einer Start-up-Idee ein Milliardenunternehmen gemacht. Was hat Synthesia in der Welt der Videos wirklich verändert? 

Am Anfang haben wir für Profis gebaut: Produktionsfirmen, Studios, Menschen, die ohnehin schon viele Videos machen. Nach drei Jahren haben wir gemerkt: Das ist der falsche Ansatz. Stattdessen haben wir uns auf PowerPoint-Nutzer konzentriert – also Menschen, die Texte oder Folien erstellen, aber keine Videos. Wir ermöglichen ihnen, Inhalte schnell, günstig und einfach in Videos zu verwandeln. Damit haben wir weniger den klassischen Videomarkt verändert, sondern einen neuen Markt geschaffen: aus Texten und Slide-Decks werden Videos. 

Ihre Kunden heißen unter anderem Reuters, Zoom oder Heineken. Was haben Sie von solchen Konzernen gelernt, das auch kleinere Marken anwenden können? 

Ab einer bestimmten Größe ist Kommunikation entscheidend. Mitarbeitende müssen verstehen, wie das Geschäft funktioniert und wohin die Strategie führt. Das ist in kleineren Firmen noch intuitiv, aber bei Hunderten oder Tausenden Mitarbeitern nicht mehr. Videos helfen, diese Botschaften konsistent und verständlich zu transportieren. Auch bei uns – wir sind inzwischen über 500 Leute – merken wir: Kommunikation ist ein eigener Erfolgsfaktor. 

Jedoch fragen sich viele Marketer, ob sie wirklich KI-Videos brauchen. Was können Sie besser als klassische Agenturproduktionen? 

Agenturvideos haben nach wie vor ihre Berechtigung. Aber es ist ein Unterschied, ob Sie fünf Hochglanzfilme pro Jahr produzieren oder zusätzlich 200 kurze Erklärvideos, die Prozesse und Produkte verständlich machen. Das leisten KI-Videos: Sie ersetzen nicht den Imagefilm, sie erweitern das Spektrum. 

Welche Bedürfnisse bringen Ihre Kunden heute an Sie heran? Geht es vor allem um Kosten und Geschwindigkeit oder auch um Reichweite und Personalisierung? 

Kosten und Geschwindigkeit sind offensichtlich. Aber wichtiger ist: Video wird zum Werkzeug, um konkrete Geschäftsprobleme zu lösen. Ein Beispiel ist eine große Bank in Großbritannien: Viele Kunden riefen trotz umfangreicher Online-FAQs im Callcenter an. Mit KI-Videos, die diese Fragen anschaulich beantworten, sank die Zahl der Anrufe deutlich – um rund 30 Prozent. Ein anderes Beispiel: Softwareunternehmen, die neue Vertriebsteams schneller schulen wollen. Wenn Mitarbeitende durch Video-Content nach zwei statt vier Monaten produktiv sind, hat das einen enormen Effekt. 

(amx, Jahrgang 1989) ist seit Juli 2025 Chefredakteur der absatzwirtschaft. Er ist weder Native noch Immigrant, doch auf jeden Fall Digital. Der Wahlberliner mit einem Faible für Nischenthemen verfügt über ein breites Interessenspektrum, was sich bei ihm auch beruflich niederschlägt: So hat er bereits beim Playboy, in der Agentur C3 sowie beim Branchendienst Meedia gearbeitet.