Was wurde aus dem Second-Life-Erfinder Philip Rosedale?

Wer sich mit Online-Welten beschäftigt, kommt an Second Life nicht vorbei. Was viele Menschen nicht wissen: Der Vorgänger des Metaverse ist noch da und sein Erfinder mit neuen Ideen zurück.
Philip Rosedale und sein Avatar: Der Amerikaner hat Second Life Ende der 90er Jahre in San Francisco erfunden. ©Imago

Als Mark Zuckerberg, CEO der Multi-Milliarden-User-Plattformen Facebook, WhatsApp und Instagram, im Oktober 2021 auf der hauseigenen Entwicklerkonferenz „Connect“ den Metaverse-­Hype zündete, schaute alle Welt auf einen Mann, dessen Netzwerk in Spitzenzeiten nie mehr als eine Million aktive Nutzer*innen vorzuweisen hatte: Philip Rose­dale. Der Gründer des kalifornischen Internetunternehmens Linden Lab und Erfinder von Second Life gab Zuckerberg in zahlreichen Interviews Kontra: „Wir sind technologisch noch nicht bereit für das 3D-Metaverse für Virtual-Reality-Headsets. Die Technologie existiert noch nicht.“ Er muss es wissen. Schließlich war es Rosedale, der erst in seiner Garage, später im Büro an „monströsen Apparaten“, wie er sie selbst nannte, schraubte, um eine VR-Experience zu ermöglichen.

Der erste Versuch eines Metaverse

Als Rosedale 1999 versuchte, nach Vorlage des Science-Fiction-Romans „Snow Crash“ und euphorisiert durch den Film „Matrix“, das Metaverse in die Tat umzusetzen, arbeiteten er und sein Team in der Linden Street in San Francisco in einem heruntergekommenen Lagerhaus an einem technischen Apparat, bei dem schwere Monitore auf der Schulter balanciert werden mussten. Aus der Software dieses skurrilen Prototyps entstand schließlich Second Life, das funktional einem Metaverse ähnelte und das jeder mit Zugang zum Internet nutzen können sollte. Für die damalige Zeit kein selbstverständlicher Gedanke. An einem Punkt testeten sie sogar, ob jedes Grundstück auf einem eigenen Server laufen könnte: Obwohl das sehr „metaversisch“ gewesen wäre, war das technologisch damals noch nicht möglich. Letztlich war Second Life nicht Virtual Reality, aber dennoch nicht uninteressant – vor allem für die Presse. Das könnte an der beeindruckenden Vielfalt dieser Online-Welt gelegen haben: Staaten eröffneten Botschaften; Kirchen, Synagogen, Schreine und Moscheen schossen wie Pilze aus dem Boden. Es gab Kunstausstellungen, Vernissagen, Installationen und Happenings oder einfach das ganz normale Online-Leben mit Freundschaften, Streits, Hochzeiten und Beerdigungen.

Goldene Jahre von Second Life

Die Jahre 2006 und 2007 gelten als die goldenen Jahre von Second Life. Aber dann stagnierten die Nutzerzahlen, Rosedale zog sich immer mehr zurück. 2011 gründete er eine „Meta-Company“, wie er das Start-up Coffee & Power nannte, bei der es um die Vermittlung von Mikrojobs im Netz ging. 2013 war damit Schluss und Rosedale gründete erneut. Das VR-Start-up High Fidelity, dessen CEO er bis heute ist, entwickelt vor allem Spatial-Audio-Lösungen, eine Technologie, mit deren Hilfe ein Raum akustisch „verstanden“ werden kann. Essenziell für die Entwicklung des Metaverse.

Anfang dieses Jahres ist Rosedale, der mittlerweile verheiratet ist und mit vier Kindern in San Francisco lebt, zum Advisory ­Board von Second Life zurückgekehrt. Das mittlerweile schon sehr in die Jahre gekommene Second Life hat durch den Metaverse-Hype neue Aufmerksamkeit bekommen und durch Corona sogar ein paar Conference Calls ersetzt. Das will Rosedale nutzen. Denn immerhin stiehlt ihm gerade eine andere Meta-Company die Aufmerksamkeit.

Wie er das schaffen will? Während man bereits wisse, so Rosedale, was für Kids in Online-Welten funktioniere – er spielt wohl auf „Fortnite“ und „Roblox“ an –, gelte es jetzt herauszufinden, was Erwachsene reize. „Wenn es eine Firma gibt, die nah dran ist, das zu wissen, dann das Second Life.“ Ohne Content-Moderation – eines der Kernprobleme, an denen Second Life gescheitert ist – wird es ihm vermutlich auch heute schwerfallen, die Massen zu begeistern.

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