Starke Marken haben Signalwirkung. Sie machen schon von Weitem auf sich aufmerksam, haben es dabei aber nicht nötig, diejenigen anzuschreien, denen ihre Botschaft gilt. Langnese genügte ein kleines Fähnchen an einer Kioskwand sowie eine simpel gestaltete Karte mit Produktfreistellern. All das löste bei mir sofortige Kaufanreize aus.
Sei es diese ikonische Produkttafel, auf der fächerförmig die Eissorten aufgelistet waren, oder das Markstück, das ich fest in die Hand gepresst hielt. Genau wie das Gefühl der Hoffnung, dass, so Gott will, Calippo Kirsch noch vorrätig war – oder zumindest ein Flutsch-Finger. Split und Ed v. Schleck waren weitere Alternativen. Cornetto war dagegen außer Reichweite, und vom Magnum für zwei Mark fünfzig konnte ich nur träumen.
Gefrorenes Wasser löst Glücksgefühle aus

Langnese löst heute noch Bilder und Gefühle in mir aus, die nichts an ihrer Kraft verloren haben. Im Gegenteil. Es ist das Zurückträumen in eine Zeit, in der ein Stück gefrorenes Wasser an einem Holzstab Glücksgefühle auslösen konnte: die nostalgischen Erinnerungen an die Urlaube mit meinen Eltern, die Belohnung für meine Geschwister und mich nach langen und langweiligen Spaziergängen, oder die verzweifelte Enttäuschung, wenn der Kiosk Langnese nicht führte, sondern zu meinem Entsetzen nur Schöller-Eis. Schöller? My ass! Ich wollte doch Flutsch-Finger!
Eine Marke, die ein regelrechtes Scrollen durch die Erinnerungen an die Kindheit auslöst, scheint damals einiges richtig gemacht zu haben.
So ist Langnese bis heute eine der wenigen Marken, die ich nicht aus beruflicher Sicht betrachten kann. Man erwarte an dieser Stelle also bitte kein professionelles Urteil. Ich bin emotional nicht zurechnungsfähig. Und damit scheine ich nicht allein. Wie sonst lässt sich erklären, dass Menschen heute bereit sind, bei Ebay teilweise vierstellige Beträge für eine alte Langnese-Papp-Eiskarte aus den 80ern zu bezahlen? Reiner Nostalgie-Hype kann es nicht sein.
Ikonische Werbesongs millionenfach gespielt
Sollen die anderen doch verzweifelt an ihrer Sonnencreme schnüffeln. Ich höre einfach „So schmeckt der Sommer“ und „Like Ice in the Sunshine“. Es mag an den 20 Zentimetern Schnee liegen, die derzeit in Hamburg liegen. Aber Sunshine und Sommer sind das, was ich mir heute wünsche. Und Langnese gibt mir zumindest kurz dieses Gefühl. Auch da scheine ich nicht allein. Beide Werbesongs wurden millionenfach auf Spotify gespielt.
Heute ist die Welt eine andere. Ein Magnum kostet 2,50 Euro (5 Mark!). Das Langnese-Logo mit den rot-weißen Streifen im Hintergrund ist längst verschwunden und einem neuen, globalen Ansatz gewichen. Ob gelungen oder nicht, dürfen Sie mich an der Stelle mit Verweis auf meine Befangenheit nicht fragen.
Die Eiskarte indes hat nachgewiesenermaßen nichts von ihrer Wirkung eingebüßt. Nur rennen heute meine Kinder nach einem Spaziergang der wehenden Langnese-Fahne entgegen – und nicht mehr ich.
