Es war das bisher seltsamste Bewerbungsgespräch, an das ich mich erinnern kann. Ich wurde vom Bewerber aus dem Sportsitz eines Autos begrüßt, und ich bin ehrlich: Ein kleines bisschen hätte ich mir vielleicht sogar gewünscht, dass er lügt, denn was er sagte, war offenbar ehrlich – aber danach war das Gespräch eigentlich vorbei. Seine Begründung, warum er im Auto sitzt: „Ich musste noch kurz ein Geburtstagsgeschenk für meine Mutter besorgen.“
Weder der Geburtstag der Mutter noch das Bewerbungsgespräch kamen überraschend – das nun also als Grund anzuführen, warum man das Gespräch aus dem Auto führt, zeugt vor allem von mangelndem Einsatz und Interesse. Anderenfalls würde man sich doch Zeit für das Gespräch nehmen und es in Ruhe führen. Dazu kommt: Es passierte das, was passieren musste: Die Verbindung im Videocall wurde plötzlich schlecht. Nennen Sie mich spießig, aber: Das ist alles vermeidbar und unprofessionell. Unnötig zu erwähnen, dass der Bewerber die Stelle nicht angeboten bekommen hat.
Vielleicht hätte eine Lüge geholfen – und das ist das Problem
Vielleicht hätte an der Stelle eine kleine Lüge geholfen: Sorry, ein dringender Vor-Ort-Termin in meinem jetzigen Redaktionsjob – aber mir war das Bewerbungsgespräch so wichtig, dass ich es jetzt aus dem Auto führe. Diese Lüge hätte mich vielleicht besänftigt. Aber Mutters Geschenk war die unschöne Wahrheit.
Bewerbungsgespräche haben ein Problem: Sie sind die reine Abfrage von Erwartungen – und alle Seiten wissen das. Normalerweise zumindest. Das Bewerbungsgespräch ist kein Dialog, es ist ein Ritual. Und wie bei jedem Ritual kommt es darauf an, wie routiniert die Beteiligten dabei sind. Wer seine ersten Bewerbungsgespräche führt, stößt noch an Grenzen. So wie wenn jemand beim Konzert einen Songtext nicht kennt und trotzdem versucht, unauffällig mitzusingen, weil alle anderen ja auch dabei sind.
Je öfter man Bewerbungsgespräche führt, desto tiefer ist man Teil dieses Rituals – und kennt den Text, den man zu singen hat.
Gute Bewerbungsgespräche sind gerade keine Rituale
Ein gutes Bewerbungsgespräch schafft es, kein Ritual zu sein, sondern ein echtes Gespräch. Dabei geht es nicht darum, Checkboxen abzuhaken, sondern sich auf das Gegenüber einzulassen.
Die Realität ist allerdings oft genug Schwarzbrot. Fragen sind auf absurde Weise vorhersehbar: „Was ist Ihre größte Schwäche?“ Ja, das wird immer noch gefragt. Wer hier antwortet: „Ich arbeite manchmal zu viel“, lügt natürlich. Aber er lügt nicht trotz des Systems, sondern weil das System es fordert. Erschreckend viele Menschen antworten trotzdem so.
Diese Frage ist keine Frage, sie ist ein Test, der zeigen soll, ob der Bewerber oder die Bewerberin die gleiche Sprache spricht. Die ehrliche Antwort wäre dabei natürlich erfrischend. Aber im Ernst: „Unter Druck werde ich fahrig“ oder „Ich fahre die Ellenbogen gegenüber meinen Kollegen aus“ – das wäre trotzdem in den meisten Fällen das Ende des Gesprächs, obwohl die Antwort wahrscheinlich nützlicher wäre als die ritualisierte Pseudo-Antwort.
Schlechte Eigenschaften fallen auch mit Lügen auf
Ganz ehrlich: Wenn schlechte Eigenschaften auffällig ausgeprägt sind, dann fallen sie nach Vertragsbeginn sowieso auf – und am Ende ist die Zeit von allen verschwendet. Nicht umsonst machen seit Jahren Kalauer in den sozialen Netzwerken die Runde: „Warum wollen Sie bei uns arbeiten?“ – „Es war schon immer mein Traum, Miete und Essen finanzieren zu können.“
Wenn ich im Bewerbungsgespräch sitze, würde ich tatsächlich gerne die echte Antwort nach dem ‘Warum’ hören: Weil ich mir einen Gehaltssprung erhoffe. Weil ich meinen Chef nicht mehr ertrage. Weil ich nach zehn Jahren Routine einfach mal was anderes machen will. All diese Antworten sollten doch höher geschätzt werden als das, was häufig stattdessen gesagt wird.
Wer nicht lügt, stellt sich selbst ein Bein
Wer häufig Bewerbungsgespräche führt, hat all diese Antworten Dutzende Male gehört. Immer anders formuliert – und dennoch immer gleich. Natürlich darf man im Bewerbungsgespräch weiter lügen, wenn zum Beispiel nach sexueller Orientierung oder Kinderwunsch gefragt wird. Aber dass man es aktuell viel zu häufig muss, ist ein Problem.
Eigentlich ist es sogar mehr als das: Es ist systematisches Marktversagen. Beide Seiten haben sich damit abgefunden, dass in Bewerbungsgesprächen irgendwie Personalauswahl stattfinden muss. Aber das System ist so aufgesetzt, dass gegenseitige Täuschung zentraler Anker ist: Wer nicht lügt, stellt sich selbst ein Bein.
Dabei führt das nicht dazu, dass Bewerber ihr wahres Profil zeigen. Und Unternehmen zeigen auch nicht ihre echte Kultur. Wir einigen uns also auf einen faulen Gesprächskompromiss, der uns später womöglich auf die Füße fällt. Nämlich dann, wenn die Realität ansteht.
Für mehr Realität in Bewerbungsgesprächen
Natürlich wird man in Bewerbungsgesprächen immer nur einen Auszug aus der Realität bekommen. Aber man sollte wenigstens versuchen, dass dieses bisschen wirklich Realität ist. Das ist leicht gesagt. Selbst wenn ich es weiß, gelingt es mir auch nicht immer, das in die Tat umzusetzen. Doch allein der Versuch, mehr Realität in Bewerbungsgespräche zu bringen, wäre es wert. Der Schaden, den Fehlbesetzungen verursachen, ist für beide Seiten hoch. Geld und Zeit werden verschwendet.
Mein Ziel für künftige Bewerbungsgespräche ist also klar: Ich versuche, Bewerber nicht für ihre Ehrlichkeit zu strafen. Wenn ich nach Schwächen frage, dürfen Schwächen auch genannt werden. Natürlich kann es dann passieren, dass diese Schwächen ein echtes Problem für die zu besetzende Stelle sind. Aber das wären sie dann über kurz oder lang ohnehin geworden.
Gleichzeitig versuche ich eins: Echt und ehrlich Schwächen der Unternehmensseite zu benennen. Natürlich gibt es die, und sei es nur, dass der Obstkorb schon am Dienstagnachmittag leer gefegt ist.
Es muss darum gehen, Räume zu schaffen, in denen ehrliche Antworten möglich sind. Diese Räume sollten am besten keine Autos sein.
Auf eine lügenfreie Woche!

