Stellenanzeigen: Der große Gehaltsfehler

Nur jede fünfte Stellenanzeige nennt die Höhe des Gehaltes. Wer glaubt, mit dem Verzicht ein paar Euro sparen zu können, der irrt gewaltig.
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Frederic M. Servatius schreibt an dieser Stelle über die moderne Arbeitswelt. (© privat; Montage: Katharina Höhner)

Menschen sind nicht blöd: Jeder weiß, dass Stellen ein gewisses Gehaltsbudget haben. Warum also sollten sich Bewerbende und Unternehmen zusammensetzen, wenn die Gehaltserwartungen so weit auseinanderliegen, dass man sowieso nicht auf einen grünen Ast kommt?

Im September 2024 habe ich meine erste „Work & Culture”-Kolumne für die absatzwirtschaft geschrieben. Es ging dabei um Gehaltstransparenz – und ich habe für alle, die mich kontaktiert haben, meinen Verdienst offen gelegt. Bedingung: Sie sollten mir auch ihren Verdienst verraten. Weil ich finde, dass wir zu wenig über Gehälter sprechen.

Auf diese Kolumne habe ich so viel Feedback bekommen wie danach nie mehr. Total viele Leute wollten wissen, wie hoch mein Verdienst ist. Aber: Fast alle davon verdienten deutlich über dem Durchschnittsgehalt von circa 55.000 Euro Jahresbrutto. Manche verdienten sogar fast das Doppelte: Das eigene Gehalt nennen wollten also vor allem diejenigen, die am besseren Ende des Gehaltskorridors eingezogen sind.

Bei gering qualifizierten Stellen häufiger Gehaltsangabe

Interessanterweise sind es gerade diese Stellen, bei denen das Budget in Stellenanzeigen häufig nicht genannt wird. Bei ungelernten Fachkräften ist die Wahrscheinlichkeit mit 43,4 Prozent am höchsten, dass konkrete Informationen zum Gehalt zu einer Stelle vorliegen. Zynisch gesagt: Die Höhe eines Gehalts knapp über Mindestlohn lässt sich in der Stellenanzeige leicht nennen. 

Die Zahlen hat die Personalmarktforschug Index Research in einer Auswertung für die absatzwirtschaft erarbeitet. Für ihre Auswertung hat sie mehr als 25 Millionen Stellenanzeigen zu mehr als 11 Millionen Stellen im gesamten Jahr 2024 ausgewertet.

Die Zahlen zeigen auch: Mit höherem Qualifikationsniveau sinkt die Wahrscheinlichkeit, eine Angabe zur Gehaltshöhe in der Stellenanzeige zu finden. Bei gewerblichen Fachkräften liegt der Anteil immerhin noch bei über einem Drittel der Stellen (34,1 Prozent). Bei Fachkräften mit akademischer Ausbildung sinkt der Anteil auf unter 12 Prozent. Besonders gering ist der Anteil bei Bereichsleitern und Hauptabteilungsleitern (6,0 Prozent). Interessant: Bei Vorständen und Geschäftsführern ist der Anteil im direkten Vergleich sogar etwas höher, liegt mit 8,9 Prozent aber dennoch auf sehr niedrigem Niveau.

Generell machen nur 21,3 Prozent aller Stellenanzeigen eine Angabe zur Höhe des Gehalts. Fast vier von fünf Anzeigen kommen also ohne jede Angabe aus.

Stellenanzeigen: Darum lohnt sich Gehalt verschweigen nicht

Warum aber wird die Angabe so selten gemacht? Fakt ist doch: Bei Nennung einer realistischen Gehaltsspanne ließe sich für beide Seiten von vornherein Zeit sparen: Warum sollte man sich Zeit füreinander nehmen, wenn die Gehaltsvorstellungen ohnehin nicht vereinbar sind?

Ist es doch nur die Hoffnung, ein paar Euro zu sparen, weil sich die eingestellte Person unter Budget einstellen lässt? Im Gespräch mit verschiedenen Hiring Managern habe ich schon öfter gehört: Langfristig rächt sich diese Einsparung. Gerade im Konzernumfeld, wo es häufig Regeln gibt, wie stark Bestandsgehälter steigen dürfen. Denn gerade qualifizierte Mitarbeitende merken irgendwann, wenn sie zu wenig verdienen. Egal ob man den Leuten verbietet über ihr Gehalt zu sprechen oder nicht: Irgendwann kommt es raus. Wenn die Leute dann zu niedrig eingestiegen sind, kommen sie über ein gewisses Niveau nicht mehr hinaus – es sei denn, sie verlassen das Unternehmen. Mit dem zu niedrigen Gehalt schießen sich die Einstellenden dann ins eigene Knie.

Ab Juni 2026 muss die EU-Richtlinie zur Gehaltstransparenz in deutsches Recht übertragen werden. Sie sieht vor, dass Bewerber in Ausschreibungen oder zumindest vor dem Bewerbungsgespräch Informationen über das Einstiegsgehalt oder über die Gehaltsspanne erhalten müssen.

Ob die kommende Regierung wirklich so schnell handelt, darf man bezweifeln. Unternehmen tun aber ohnehin gut daran, die Angaben schon jetzt zu allen Stellenanzeigen hinzuzufügen. Es wird nicht schaden.

Auf eine transparente Woche!

(fms, Jahrgang 1993) ist UX-Berater, Medien- und Wirtschaftsjournalist und Medien-Junkie. Er arbeitet als Content-Stratege für den Public Sector bei der Digitalagentur Digitas. Als freier Autor schreibt er über Medien und Marken und sehr unregelmäßig auch in seinem Blog weicher-tobak.de. Er hat Wirtschafts- und Technikjournalismus studiert, seinen dualen Bachelor im Verlag der F.A.Z. absolviert und seit mindestens 2011 keine 20-Uhr-Tagesschau verpasst.