„Vielfalt bringt Reibung, aber eben auch Reichtum an Ideen“

In unserer Interview-Reihe "Female Leadership im Marketing" sprechen Top-Entscheiderinnen aus der Branche über ihre Karriere und ihre Erfahrungen als weibliche Führungskraft. Heute: Michaela Holzäpfel von Ritter Sport.
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Mut zur Veränderung: Ritter-Sport-Marketingleiterin Michaela Holzäpfel ermutigt andere Frauen, Barrieren im Kopf zu überwinden und den Sprung ins kalte Wasser zu wagen. (© Ritter Sport, Montage: Lars Deutsch)

Frau Holzäpfel, auf welchem Weg sind Sie in Ihre aktuelle Führungsposition bei Ritter Sport gekommen – was waren Schlüsselmomente oder Wendepunkte in Ihrer Karriere?

Nach meinem BWL-Studium in Mannheim und Paris begann ich bei L’Oréal, zunächst im Vertrieb und später im Produktmarketing. Es folgten Stationen in der New Economy, etwa im Verlag für Lizenzprodukte, bevor ich 2002 bei Ritter Sport die Herausforderung annahm, die Marke in Frankreich zu etablieren.

Ein Wendepunkt war die Geburt unseres ersten Kindes, die mich dazu bewegte, nach einer kurzen Elternzeit in Deutschland wieder einzusteigen, aber dieses Mal in Teilzeit und nicht mehr international. 2019 übernahm ich schließlich die Marketingleitung für Deutschland und bin seitdem für die Kommunikation und Produktstrategien hier verantwortlich. Für mich war ein entscheidender Moment, den Mut zu haben, neue Chancen zu ergreifen und auch mal ins kalte Wasser zu springen – etwas, das besonders Frauen oft schwerfällt. Aber genau diese Bereitschaft, sich neuen Herausforderungen zu stellen, ist entscheidend für beruflichen Erfolg.

Gab es auf Ihrem Weg besondere Herausforderungen, mit denen Sie als Frau konfrontiert waren?

Eine große Herausforderung war für mich die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, insbesondere, als ich nach der Geburt unseres ersten Kindes wieder ins Arbeitsleben zurückkehrte. Homeoffice war damals noch nicht weit verbreitet, aber Ritter Sport ermöglichte mir, an ein oder zwei Tagen von zu Hause aus zu arbeiten, was mir sehr geholfen hat, mehr Zeit mit unseren beiden Söhnen zu verbringen. Wichtig war für mich auch die Unterstützung meines Mannes, der sich beruflich ebenfalls angepasst hat.

Wie sind Sie für sich persönlich damit umgegangen?

Zudem musste ich lernen, dass nicht immer alles gleichzeitig machbar ist und dass es Phasen gibt, in denen man einfach durchhalten muss, auch wenn es herausfordernd ist. Langfristig habe ich gelernt, dass es entscheidend ist, Verantwortung zu übernehmen und eigene Ideen einzubringen, anstatt passiv zu warten. In meinem Fall war es sehr hilfreich, dass ich in einem Unternehmen arbeitete, das flexible Modelle für berufstätige Mütter anbot.

Wie definieren Sie weibliche Führung?

Für mich ist gute Führung in erster Linie keine Frage des Geschlechts, sondern des persönlichen Stils. Ich habe sowohl bei Männern als auch bei Frauen inspirierende und weniger überzeugende Führungspersönlichkeiten erlebt. Entscheidend ist für mich, dass Führung auf Augenhöhe stattfindet, integrativ ist und ehrlichen Austausch ermöglicht. Es geht darum, Menschen zu fordern und zugleich zu fördern – unabhängig davon, ob man Chefin oder Chef ist.

Gibt es Ihrer Meinung nach Unterschiede im Führungsstil von Frauen und Männern – und wenn ja, welche?

Natürlich gibt es stereotype Zuschreibungen, etwa dass Frauen empathischer oder kooperativer führen. Mit solchen Generalisierungen tue ich mich schwer. Viel wichtiger ist aus meiner Sicht, dass Führung authentisch und werteorientiert gelebt wird – ganz gleich, von wem.

Welche Rolle spielt Diversität – insbesondere Geschlechtervielfalt – in Ihrem Team?

Im Marketing arbeiten traditionell viele Frauen – das ist auch in meinem Team so. Grundsätzlich ist für mich bei Neueinstellungen aber entscheidend, ob jemand mit seiner Persönlichkeit und Kompetenz gut zu uns passt. Dabei spielt das Geschlecht keine vorrangige Rolle.

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Frauenpower im Marketing: Michaela Holzäpfel bricht mit Stereotypen. Sie zeigt, dass Führung keine Frage des Geschlechts ist und Kinder und Karriere sich nicht ausschließen. (© Ritter Sport)

Ich bin überzeugt davon, dass gemischte Teams – ob hinsichtlich Geschlecht, Alter, Herkunft oder Perspektiven – die besten Ergebnisse liefern. Unterschiedliche Blickwinkel fördern Innovation und helfen, bessere Lösungen zu finden, auch wenn es manchmal mehr Diskussion erfordert. Reine Männer- oder Frauenteams halte ich für weniger zielführend. Vielfalt bringt Reibung, aber eben auch Reichtum an Ideen – und genau das brauchen wir.

Gab es Personen, die Sie besonders geprägt oder inspiriert haben?

Ich hatte das Glück, im Laufe meiner Karriere vielen inspirierenden Menschen zu begegnen – Frauen wie Männern. Besonders prägend war sicherlich das Umfeld bei meinem ersten Arbeitgeber L’Oréal: Dort habe ich zahlreiche Frauen in verantwortungsvollen Positionen erlebt, was mir früh gezeigt hat, dass weibliche Führung selbstverständlich sein kann. Auch meine Mutter war ein stilles Vorbild. Sie hat immer gearbeitet – das hat mir schon früh vermittelt, dass Beruf und Familie sich nicht ausschließen. Und nicht zuletzt habe ich ein starkes Netzwerk aus Wegbegleiterinnen, mit denen ich mich bis heute austausche.

Welche Rolle spielen Vorbilder für den eigenen Werdegang?

Gerade in entscheidenden Momenten war es oft eine Freundin oder ehemalige Kolleginnen und Kollegen, die mich bestärkt und motiviert haben, den nächsten Schritt zu gehen.

Welche Ratschläge geben Sie jungen Frauen, die eine Führungsrolle im Marketing anstreben?

Mein wichtigster Ratschlag: Herausfinden, was man wirklich will – und dann konsequent den eigenen Weg verfolgen. Dabei spielt Selbstverantwortung eine zentrale Rolle. Warten, bis jemand den perfekten Rahmen schafft, funktioniert selten. Stattdessen sollte man aktiv gestalten, Chancen erkennen und Lösungen suchen.

Außerdem: Mut zeigen. Sich selbst erlauben, mehr zu wollen – gerade als Frau – und Barrieren im Kopf hinterfragen oder überwinden. Netzwerken ist ebenfalls ein entscheidender Faktor: Wer sich im Unternehmen gut vernetzt, über Hierarchieebenen hinweg sichtbar ist und den Austausch sucht, öffnet sich viele Türen. Führung beginnt oft mit Initiative und Sichtbarkeit.

Wie gelingt es Ihnen, berufliche Ambitionen und private Bedürfnisse in Einklang zu bringen (Stichwort: „Work-Life-Balance“)?

Ich arbeite wirklich gern – für mich ist das oft keine Last, sondern eine Freude. Dennoch ist es wichtig, bewusst für Ausgleich zu sorgen, besonders in Phasen mit familiären Verpflichtungen. Gerade mit Kindern verändern sich die Anforderungen und auch die Definition von „Life“ in der Work-Life-Balance.

Mir hilft es, regelmäßig in die Natur zu gehen, Sport zu treiben und Zeit mit Familie und Freunden zu verbringen. Das gibt mir Energie und einen frischen Blick auf viele Dinge. Wichtig ist für mich auch, zu akzeptieren, dass sich die Balance im Laufe des Lebens immer wieder verändert – und flexibel damit umzugehen.

Was muss sich Ihrer Meinung nach in der Branche oder in Unternehmen noch ändern, um mehr Frauen in Führungspositionen zu bringen?

Es braucht eine offene Unternehmenskultur, in der unterschiedliche Lebensmodelle akzeptiert und gefördert werden. Sichtbare Vorbilder sind wichtig, um zu zeigen: Karriere und Familie schließen sich nicht aus. Gleichzeitig müssen flexible Arbeitszeitmodelle möglich sein – mit der Option, später wieder aufzustocken.

Und wie tragen die Frauen selbst zum Wandel bei?

Frauen sollten sich trauen, Verantwortung zu übernehmen und ihre beruflichen Ziele klar zu verfolgen, auch mit Blick auf finanzielle Unabhängigkeit. Wichtig ist auch, präsent zu bleiben, Netzwerke zu pflegen und Chancen aktiv zu nutzen. Digitalisierung und Homeoffice helfen – aber Strukturen und Haltung müssen mitziehen.

Anna Lena Hartmann (alh, Jahrgang 1997) ist seit August 2023 Werkstudentin bei der absatzwirtschaft. Im grünen Herzen Deutschlands aufgewachsen, lebt sie nun aufgrund ihres Germanistikstudiums in Leipzig. Zuvor verbrachte sie einige Jahre an der juristischen Fakultät der Friedrich-Schiller-Universität in Jena. Ihr breites Wissens- und Interessenspektrum betrifft Themen wie Sport, Wirtschaft und Gesundheit.