Meine KI-Tools? Bau ich jetzt selbst! 

Jahrelang war Programmieren eine fremde Welt für mich. Heute baue ich Chrome Extensions, Mac-Apps und Slack-Bots, ohne je eine Zeile Code gelernt zu haben. Willkommen im Zeitalter des Prompt-Programming. 
Jens Polomski KI Design
Jens Polomski unterstützt Unternehmen dabei, generative KI effektiv einzusetzen. (© privat / Montage: Olaf Heß)

„Ich kann nicht programmieren“, dieser Satz war für Marketer jahrzehntelang eine akzeptable Ausrede. Für mich auch. Keine Ahnung von Python, JavaScript oder was auch immer Entwickler so tippen. Und ehrlich, es hat mich immer gestört. Ideen zu haben, aber sie nicht umsetzen zu können. Diese Abhängigkeit zwischen „gute Idee“ und „funktionierendes Produkt“.  

Bis vor etwa einem Jahr. 

Seitdem baue ich Chrome-Plugins, Mac Apps fürs Team, Websites mit über 150.000 Besuchern und KI-Assistenten in Slack. Nein, ich habe keinen Crashkurs gemacht. Ich habe einfach angefangen zu prompten. Die Community nennt das „Vibe Coding“, und es demokratisiert gerade das Coden selbst. 

Eine neue Superkraft entsteht 

Tools wie Cursor oder Lovable nutzen die Power großer Sprachmodelle und übersetzen Ideen, ausgedrückt in natürlicher Sprache, direkt in Code. Man beschreibt, iteriert, testet. Mittlerweile mache ich vieles per Voice-Input. Das ist die Superkraft: von der Idee zur Lösung, ohne Ausbildung, ohne Entwicklerteam, einfach durch Kommunikation. 

Aber seien wir realistisch, nicht alles ist plötzlich promptbar. Für große Enterprise-Lösungen oder komplexe Architekturen braucht man weiterhin echte Entwickler. Aber in Nischenlösungen und Prototypen liegt das Potenzial, zum Beispiel Tools für spezifische Probleme und Prototypen, aus denen mit Entwicklern das nächste große Ding wird.  

Dazu muss man auch die Risiken im Blick haben: Code, den man nicht versteht, kann Sicherheitslücken haben, Performance-Probleme verursachen und schwer zu warten sein. 

Die gute Nachricht ist, die Modelle werden besser. Sie erklären, was sie tun, und weisen auf Risiken hin. Trotzdem bleibt die Verantwortung bei uns. Hier gilt: Nicht blind kopieren, lieber nachfragen und testen. Im Zweifel auch einen Entwickler drüberschauen lassen. 

KI übersetzt auch die Fremdsprache Code 

Warum das gerade Marketer betrifft? Weil wir endlich nicht mehr warten müssen. Nicht auf IT, nicht auf Budgetfreigaben und nicht auf Agenturen. Wir können selbst bauen. Klein anfangen, schnell testen, direkt anpassen. Die meisten Marketing-Pain-Points sind technisch lösbar, aber die Lösung stand bisher in Fremdsprache vor uns. Jetzt gibt es einen Übersetzer. 

Was ich gelernt habe: Man braucht kein Informatikstudium, um nützliche Tools zu bauen. Man braucht klare Anforderungen und Geduld. Die besten Ideen entstehen aus echten Problemen. Nicht aus „Mal schauen, was geht“, sondern aus „Das nervt mich jeden Tag“. Und: Grenzen zu kennen, gehört dazu. Manchmal lautet die Antwort: „Dafür brauchst du einen richtigen Entwickler.“ 

Appell: Traut euch, baut, testet, verbessert! 

Probiert es aus! Sucht euch ein nerviges Problem, fragt ein LLM, ob das lösbar ist, und lasst euch einen Prototyp bauen. Testet und verbessert! Vibe Coding ist Kommunikation, und damit eigentlich unser Terrain als Marketer.

Die Frage ist nur: Wer traut sich?

Jens Polomski ist KI-Stratege. Der Kolumnist unterstützt Unternehmen dabei, generative KI einzusetzen und zu verstehen.