„Lifestyle-Teilzeit“? Keinen Bock mehr auf Leistungsdiskussionen

Seit einer Woche diskutieren wir über „Lifestyle-Teilzeit“, als würden wir daraus irgendeinen Nutzen ziehen. Warum lassen wir uns immer wieder auf diese unsinnigen Debatten ein? Ein wütender Zwischenruf.
asw-Header_Special Interest_WC_Servatius
Frederic M. Servatius schreibt an dieser Stelle über die moderne Arbeitswelt. (© privat; Montage: Katharina Höhner)

Kurzer Blick in den Maschinenraum: Ich habe lange überlegt, welche beeindruckende Zahl ich in dieser Kolumne präsentieren soll, um darzulegen, warum jegliche Diskussionen um die vermeintliche „Lifestyle-Teilzeit“ absolut hanebüchen sind. Die Wahrheit ist: Wer sich ernsthaft für die Thematik interessiert, hat in der letzten Woche ohnehin sämtliche Zahlen und Fakten gelesen, die so durch den Diskurs turnen. Es gibt also dankbarere Zeitpunkte, zu denen eine Kolumne wie diese erscheinen könnte.

In diesem Fall genehmige ich mir selbst aber auch einfach mal, mich aufzuregen – so wichtig eine faktische Unterfütterung mit Argumenten sein mag. Nicht nur über den absurden Vorstoß, „Lifestyle-Teilzeit“ zu unterbinden, sondern über all die Debatten der letzten Monate, die den letzten Rest Leistung aus unserer Gesellschaft pressen wollen.

Es ist kein Lifestyle, Burnout zu vermeiden

Das Einzige, was all diese Diskussionen schaffen, ist Schuld und ein schlechtes Gewissen auf die Menschen zu laden, die in unserer Gesellschaft ohnehin Leistung tragen. Es ist kein Lifestyle, Burnout zu vermeiden.

Diesen Satz schreibe ich, während ich abends um 22 Uhr auf der Couch sitze, um diese Kolumne zu schreiben. Zwischendurch unterbrochen von einem kranken Kind, das Begleitung braucht. Und nein, ich will nicht jammern. Ich habe nur keinen Bock, mir in einer solchen Situation noch anhören zu müssen, dass Menschen in Teilzeit zu sehr ihrem eigenen Lifestyle nachhängen. Und ja: Mir ist klar, dass der Begriff „Lifestyle-Teilzeit“ eigentlich diejenigen meint, die keinen vermeintlich „guten Grund“ für ihre Teilzeit haben.

Es ist aber so: Diese Diskussionen diskreditieren nicht nur Menschen ohne „guten Grund” für Teilzeit, sie diskreditieren nicht mal ausschließlich Menschen in Teilzeit. Sie diskreditieren eigentlich alle Menschen, die auch mal andere Prioritäten setzen (müssen) als ihren Job.

Menschen müssen sich nicht dafür rechtfertigen, wie viel sie arbeiten

Dazu kommt: In Teilzeit arbeiten heißt nicht, zu wenig zu arbeiten. In meinem Fall bedeutet, in Teilzeit zu arbeiten, an zwei Tagen einen freien Nachmittag zu haben, um meine Kinder nicht nur morgens zum Frühstück und abends kurz vor dem Schlafen zu sehen. Es bedeutet aber auch, einen Nebenjob zu haben, in dessen Rahmen diese Kolumne hier entsteht, der gut und gerne mehr Zeit braucht als meine Teilzeit einspart.

In anderen Fällen sind es nicht Nebenjob und Betreuungszeit, die zur Teilzeit hinzukommen. Vielleicht ist es der Sohn, der seine Mutter pflegt. Oder die Tochter, die sich um ihren Vater kümmert. Vielleicht ist es der Einsatz für die Freiwillige Feuerwehr, vielleicht ist es das Engagement im Sportverein und vielleicht ist es auch einfach nur der Einsatz für die eigene mentale Gesundheit. Und guess what: In einer freiheitlichen Gesellschaft sollte sich niemand dafür rechtfertigen, wie viel er oder sie arbeitet – erst recht nicht, wenn die Person für den eigenen Lebensunterhalt aufkommt.

Genug Menschen kommen nicht aus der Teilzeit raus – obwohl sie wollen

Natürlich gibt es einen kleinen Anteil von Menschen, die genau das nicht tun. Aber selbst bei denen muss man sich erstmal die Frage stellen, warum das so ist.

Viel wichtiger aber ist: Es gibt genug Menschen, die nur einen Job in Teilzeit bekommen oder aus der Teilzeit nicht mehr rauskommen. Im eigenen Umfeld kenne ich eine Mutter, die ihre Arbeitszeit gerne um zwei (!) Stunden aufstocken wollte. Der Arbeitgeber hat abgelehnt – und gleichzeitig macht die Person quasi permanent Überstunden. Diese Menschen werden regelrecht verhöhnt, wenn wir zusätzlich noch solch irrsinnige Diskussionen über Lifestyle-Teilzeit führen.

Mehr Arbeit bringt uns keinen Fortschritt

Und bei all dem verstehen offenbar viel zu viele Menschen noch immer nicht, dass uns einfach nur mehr zu arbeiten nicht einmal dann weiterbringen würde, wenn es keine negativen Effekte auf die mentale oder körperliche Gesundheit geben würde. Denn selbst wenn Menschen kerngesund bleiben, leben wir in einer Arbeitsrealität, die ganz andere Probleme hat als ein paar Stündchen zu wenig Arbeitskraft von Menschen, die sowieso bereits arbeiten.

Wir leben in einer Arbeitsrealität, in der juniorige Mitarbeitende immer weniger gebraucht werden, weil sie durch Technologien wie KI wegrationalisiert werden.

Wir leben in einer Arbeitsrealität, in der immer weniger Stellen ausgeschrieben werden, weil Unternehmen mit weltpolitischen Unsicherheiten kämpfen.

Wir leben in einer Arbeitsrealität, in der irgendwelche Breiköpfe immer wieder fordern, dass die ach so bösen Asylbewerber endlich mal mehr arbeiten sollen – die aber gleichzeitig keine Genehmigung für ihre Arbeit bekommen. Wir haben immer noch keine verdammte Genehmigungsfiktion, die es ermöglicht, erstmal davon auszugehen, dass es schon okay ist, wenn Menschen arbeiten, als langwierig zu prüfen, ob sie denn wirklich arbeiten dürfen. Denn bis diese elenden Genehmigungen dann endlich da sind, ist die Stelle natürlich längst anders besetzt. Und die Breiköpfe können sich in Ruhe weiter darüber aufregen, dass der Asylbewerber nicht arbeitet. Weil er nicht darf!

Wir leben in einer Arbeitsrealität, in der ein größerer Anteil der Bevölkerung erwerbstätig ist als jemals zuvor, weil die allermeisten Menschen aller Geschlechter Jobs nachgehen, ob sie Kinder haben oder nicht.

Wir leben auch in einer Arbeitsrealität, in der insbesondere Frauen es immer noch zu schwer haben, ihre Arbeitszeiten auszuweiten, weil sie nicht das Betreuungsangebot haben, das sie sich wünschen, oder weil die Kita viel zu oft zu hat.

Wann fangen wir endlich an, die richtigen Debatten zu führen?

Und in dieser Arbeitsrealität habe ich keinen Bock mehr, mir ständig ein schlechtes Gewissen machen lassen zu müssen. Und zwar von jeder Seite. Weil ich mich nicht genug um meine Kinder kümmere oder weil ich mich zu viel um meine Kinder kümmere und deshalb zu wenig arbeite. Weil ich die Kindkrank-Tage nutze, die mir zustehen und mich um meiner Kinder kümmere – aber dann halt nicht voll arbeite, sondern eben nur so viel es das kranke Kind zulässt – oder weil ich meinen Kindkrank-Tag nicht nutze, sondern anders Betreuung organisiere, um bloß das Bruttoinlandsprodukt nach oben zu bringen.

Aber hey: Genießen wir doch einfach, dass es die Kindkrank-Tage überhaupt noch gibt. Es kann nicht mehr lange dauern, bis wir in der nächsten Irrsinns-Diskussion darüber sprechen, ob wir uns das überhaupt noch leisten können, kranke Kinder daheim zu lassen. Und überhaupt: Warum leisten die Kinder eigentlich keinen Beitrag zum Bruttoinlandsprodukt und vertrödeln ihre Zeit in Kitas und Schulen? Darüber redet mal wieder keiner!

Ich habe keinen Bock mehr, all diese sinnlosen Debatten zu führen, die uns davon abhalten, uns mit viel sinnvolleren Dingen zu beschäftigen. Dabei bräuchten wir gerade diese Debatten, um etwas zu schaffen, was unsere Gesellschaft wirklich in die Zukunft bringt: zu mehr Produktivität, zu mehr echter Innovation und zu mehr notwendiger Adaption – und zu weniger Burnout. Also hört endlich auf, diese elenden Leistungsdiskussionen zu führen, die wirklich rein gar nichts bringen!

Auf eine unaufgeregte Woche!

(fms, Jahrgang 1993) ist UX-Berater, Medien- und Wirtschaftsjournalist und Medien-Junkie. Er arbeitet als Content-Stratege für den Public Sector bei der Digitalagentur Digitas. Als freier Autor schreibt er über Medien und Marken und sehr unregelmäßig auch in seinem Blog weicher-tobak.de. Er hat Wirtschafts- und Technikjournalismus studiert, seinen dualen Bachelor im Verlag der F.A.Z. absolviert und seit mindestens 2011 keine 20-Uhr-Tagesschau verpasst.