Psychisch krank im Job: Warum merken wir nichts?

Psychische Erkrankungen am Arbeitsplatz sind immer weniger ein Tabu-Thema. Dennoch werden Krankheiten zu oft übersehen. Warum ist das so? Und wie können wir es besser machen?
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Frederic M. Servatius schreibt an dieser Stelle über die moderne Arbeitswelt. (© privat; Montage: Katharina Höhner)

„Torsten Sträter kam letztes Jahr als Schirmherr zu einer Großveranstaltung der Deutschen Depressions-Liga (DDL) nach Frankfurt und sagte den 1200 Zuschauern: ‚Leute – wir sind ja unter uns. Ich hänge gerade wieder voll drin und mir geht es richtig scheiße. Ich werde gerade auf neue Medikamente eingestellt.‘ Dann steht er auf und macht zwölf Minuten Comedy vom Feinsten.“ So berichtet es der Organisations- und Arbeitswissenschaftler Frank Mercier. Er ist Geschäftsführer von Ewocon, einem Beratungsunternehmen für gesunde Unternehmensorganisation, und war damals noch im Vorstand bei der DDL.

Die Depression einfach durchgearbeitet

Die Episode zeigt: Wer an Depression erkrankt ist, funktioniert oftmals gerade nach außen trotzdem wahnsinnig gut. Menschen im Umfeld erkennen die Depression womöglich gar nicht. Mercier weiß das aus eigener Erfahrung. Er war selbst betroffen und hat darüber den Weg in die Beratung gefunden. Gerade in der ersten Phase seiner Erkrankung wusste er selbst noch nicht, dass er betroffen ist. Daher hat er einfach durchgearbeitet: Verantwortlich für 160 Leute, ging er normal zur Arbeit. Nur: Wenn er dann im Büro saß, hat er Löcher in die Wand gestarrt: „Oder ich habe mich in den Außendienst geflüchtet.“ Ein typisches Muster – die Krankheit wird für diese Fälle daher auch als funktionale Depression bezeichnet.  

Besonders tückisch: Erkrankte akzeptieren auch mittelmäßige Zustände mit der Zeit: „Ich hatte bei mir nach schweren Episoden auch Phasen, mit leichter oder mittelschwerer Depression, die man dann als das neue Normal akzeptiert hat, obwohl das eigentlich schon eine schwere Erkrankung ist“, erklärt Mercier.

Dazu kommt: Menschen suchen sich erst spät professionelle Hilfe – im Schnitt nach 22 Monaten: „Bei mir waren es ’nur‘ 18 Monate, weil meine Frau mich auf gut Deutsch zum Arzt gezwungen hat“, sagt Mercier heute. Er sagt daher, dass wir Fach- und Führungskräfte zunehmend an psychische Erkrankungen verlieren. Er selbst wäre, so sagt er, mit schnellerer Behandlung viel besser rausgekommen: „Ich konnte mich aber nicht früher öffnen – aus Angst vor der Behandlung selber, vor einem möglichen Gesichtsverlust und vor Konsequenzen auf der Arbeit.“ In einer solchen Situation habe ein Arzt oder Therapeut keine Chance auf eine gute Diagnose.

Man spricht in dem Fall dann von „fehlender/mangelnder Krankheits- und/oder Behandlungseinsicht“. Mercier ist aber wichtig festzustellen: Alle Betroffenen leiden sehr unter teilweise unerträglichen Symptomen. Dazu gehören neben den psychischen Symptomen auch starke körperliche Beschwerden wie chronische Schlaflosigkeit, jede Form von somatischen Schmerzen, Migräne oder Darmbeschwerden.

Das ist, so sieht es Mercier, allgemein nicht im Fokus der Diskussion und führt am Ende bei Kollegen und Vorgesetzten zu der falschen Annahme, dass Betroffene zu Hause auf der faulen Haut liegen und den Tag genießen.

Führungsaufgabe: Betroffene müssen zur Behandlung bewegt werden

Der Appell ist daher klar: Betroffene müssen zur Diagnose und Behandlung bewegt werden, denn anders kommen sie oft nicht dorthin. Das ist auch im beruflichen Kontext eine Aufgabe von Führung.

Besonders sensibel ist das Thema für Frauen und Menschen, die in irgendeiner Form von der Norm abweichen, wie Neşe Oktay-Gür erklärt. Sie ist Psychologin und berät als CEO von NAP, einer wissenschaftlich fundierten Beratung, zu gesunder Arbeitskultur. Sie erklärt, dass Frauen stärker von psychischen Erkrankungen betroffen sind. Außerdem sagt sie: „Wer von der Norm abweicht, hat das größte Risiko für eine psychische Erkrankung. Sei es, weil man LGBTQI+ ist. Sei es, weil man Migrationshintergrund hat, weil man neurodivers ist oder oder oder.“ Der Grund dafür ist, dass diesen Menschen oft psychologische Sicherheit und ein Gefühl der Zugehörigkeit fehlt. Betroffene seien dann nicht nur vulnerabler, sondern hätten auch einen längeren Weg gehabt, um in die gleiche Position zu kommen wie andere Menschen, so Oktay-Gür.

Was also helfen könnte, ist ein Gefühl der Zugehörigkeit zu schaffen und Menschen bestmöglich gleiche Standards zu geben, um so mehr Sicherheit zu schaffen.

Politische Stimmung kippt zulasten psychisch Erkrankter

Letztendlich hilft es, sich auch Beratungsangebote zu suchen. Die Psychologin Oktay-Gür würde sich wünschen, dass sie mit ihren Angeboten nicht so alleine ist: „Eigentlich bräuchten wir als Anbieter noch viel mehr Konkurrenz – denn wenn alle Unternehmen das machen würden, was sie machen müssten, dann könnten wir das bei Weitem nicht leisten.“ Der Flaschenhals seien hier die Unternehmen. Denen fehle oft das Bewusstsein. Zu viele würden gar keine Beratungsangebote nutzen.

Ein weiteres Problem gibt es nicht nur in der Führung von Unternehmen, sondern auch im politischen Kontext: Denn da, so nimmt es Frank Mercier wahr, kippt die Stimmung so, „dass wir weniger krank sein sollen und am besten noch sechs Tage die Woche und bis 70 Jahre arbeiten“. Das helfe niemandem, sich zu öffnen. Erst recht nicht, wenn Menschen schon akut belastet sind. Die Kultur muss also besser für den Umgang mit psychischen Erkrankungen sensibilisiert sein. Auf Unternehmensebene – und auf gesamtgesellschaftlicher Ebene.

Ein Anfang ist es, wenn sich Führungskräfte stärker mit psychischen Erkrankungen auseinandersetzen. Und Menschen sensibel ansprechen, wenn ihnen etwas auffällt. Was eigentlich selbstverständlich klingt, scheint es in der Tat so gar nicht zu sein, wenn man den Berichten von Mercier und Oktay-Gür glauben darf. Dabei geht es um so viel. Den Erfolg von Unternehmen. Und die langfristige Gesundheit von Menschen.

Auf eine sensibilisierte Woche!

(fms, Jahrgang 1993) ist UX-Berater, Medien- und Wirtschaftsjournalist und Medien-Junkie. Er arbeitet als Content-Stratege für den Public Sector bei der Digitalagentur Digitas. Als freier Autor schreibt er über Medien und Marken und sehr unregelmäßig auch in seinem Blog weicher-tobak.de. Er hat Wirtschafts- und Technikjournalismus studiert, seinen dualen Bachelor im Verlag der F.A.Z. absolviert und seit mindestens 2011 keine 20-Uhr-Tagesschau verpasst.